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Hans Pleschinski: Königsallee

Hans Pleschinski: Königsallee

D 2015, 391 S., Pb,  12.23
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Inhalt
1954 kehrt Klaus Heuser nach fast 20 Jahren Abwesenheit zum ersten Mal aus Shanghai in seine Heimatstadt Düsseldorf zurück. Als junger Kaufmann hatte er ein unerwartetes Angebot einer fernöstlichen Handelsgesellschaft angenommen und in Übersee Karriere gemacht. Dem Schrecken der Nazizeit war der junge Schwule so entkommen, hier lernte er auch seinen Lebensgefährten Anwar kennen, mit dem er jetzt gemeinsam seine Eltern besucht. Doch rasch wird dem Paar das Haus von Klaus‘ Eltern zu eng und so quartieren sich die beiden im Düsseldorfer Nobelhotel »Breidenbacher Hof« ein. Hier herrscht bereits helle Aufregung, denn kein geringerer als Thomas Mann wird erwartet, der aus seinem jüngsten Erfolgsroman »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« lesen und durch seinen Besuch der jungen Bundesrepublik im Allgemeinen wie Düsseldorf im Besonderen den Anstrich von Weltläufigkeit und den Abglanz seiner antifaschistischen Gesinnung verleihen soll. Thomas Mann reist in Begleitung seiner Frau Katia und seiner Tochter Erika an, und vor allem Erika will um jeden Preis verhindern, dass ihr Vater mit Klaus Heuser zusammentrifft. Denn in den damals 17jährigen Klaus war Thomas Mann völlig verschossen, als er ihn im Urlaub auf Sylt kennen lernte; er lud ihn in die Mann‘sche Villa nach München ein und fand in dem jungen Mann eine Erfüllung seines Lebens: Er hatte mit ihm offenbar bedingungslose Liebe empfunden, hatte durch ihn wahrhaft – wenn auch nur kurz mit dem Geliebten gemeinsam – gelebt. Dieser Leidenschaft setzte Thomas Mann ein literarisches Denkmal in dem von Gott Geliebten und Erwählten, in seinem Josef in Ägypten. Und auch in den kecken Zügen des Felix Krull kann immer wieder das Abbild Klaus Heusers erkannt werden. Die Erschütterung, der Liebe seines Lebens im mittlerweile hohen Alter zu begegnen – Thomas Mann ist 1954 Ende 70 –, will Erika, die immer fürsorgliche Tochter, um jeden Preis verhindern. Klaus weiß zwar, welche Rolle er für den großen Schriftsteller spielte, immerhin bekam er noch jahrelang Post von Thomas Mann – auch ins ferne Asien. Doch davon, dass sie zufällig jetzt im gleichen Haus wohnen, ahnt er zunächst nichts. Die nun folgende Hotelkomödie parodiert das hektische Bemühen, vermeintlich unangemessenes Begehren zu verdrängen – auch und bezeichnender Weise gerade von denen, die selbst immer das Recht auf ihr eigenes Begehren, ob gesellschaftlich geschätzt oder nicht, in Anspruch genommen haben. Zumal Erika Mann hatte weder in ihren Ehen noch in ihren lesbischen Affären besonderen Wert auf Konformität gelegt, und ob sie nicht eher sogar die Erinnerung an den geliebten Bruder Klaus durch den unerwarteten Klaus Heuser vertreiben will, ist nicht ganz auszuschließen, hatte ihr Vater doch die inzestuöse Geschwisterliebe mit »Wälsungenblut« nachgerade öffentlich gemacht. Freilich wird Klaus‘ Interesse durch die vielfältigen Winkelzüge, ihn fern zu halten, erst recht geweckt. Und grandios stehen die beiden Lebensgefährten über allem: Sowohl Katia Mann als auch Anwar sind über alles voll im Bilde, sie sind es, die einer neuerlichen Begegnung ihrer Männer eher amüsiert interessiert, jedenfalls aber würdevoll entgegensehen. Doch »Königsallee« ist nicht nur eine queere Burleske, in deren Glanz homoerotisches Begehren und schwule Lebensgemeinschaft jeweils eigenständig und unabhängig von einander erscheinen – und das in einer Zeit und in einem Land, das seine unfassliche jüngste Schuld in einer großen Wolke aus Mief und Anstand verschleiern wollte. »Königsallee« ist auch eine Zeitreise in die 1950er Jahre mit einer, wie der Roman zeigt, wahrhaft epochalen Gesellschaft, die einerseits den aufgeklärten Bürgern alter Prägung wie Thomas Mann und Klaus Heuser nur als rückschrittlich erscheinen konnte. Doch trug diese Gesellschaft andererseits schon im Keim in sich, was zum späteren gesellschaftlichen Umbruch führte, dem wir unsere heutigen Freiheiten verdanken: sich in Widersprüche auflösende alte Autoritäten durch zerstörte gesellschaftliche Traditionen und das Gleichheitsversprechen des massenhaften Konsums. Klaus‘ Freund Anwar kann sich nur wundern: Hand in Hand mit Klaus zu gehen, was ihm in Shanghai offenbar selbstverständlich war, ist in Düsseldorf 1954 undenkbar, zugleich erscheint ihm, in Fernost groß geworden, Deutschland doch sehr reich und gut organisiert für ein erst kürzlich durch den Weltkrieg vernichtetes Land. Neben dieser packenden, fein ironisch geschriebenen Komödie auf engstem Raum steht jedoch noch ein weiterer Aspekt von »Königsallee«. Formal lehnt sich der Roman stark an Thomas Manns Goethe-Schau »Lotte in Weimar« an – freilich sind Hans Pleschinskis Dialoge wesentlich spritziger. Wie Charlotte im Elephanten wird Klaus Heuser im Breidenbacher Hof von allerlei Personen bedrängt, die ihre Sicht auf den großen Meister – hier Thomas Mann selbst – zum besten geben, diese mit Zitaten und Deutungen seiner Werke belegen und zusammen eine Gesamtschau aus wechselnden Perspektiven ergeben. In Düsseldorf wird so Felix Krull in Gestalt von Klaus Heuser zu Lotte in Weimar, »Königsallee« ist eine ebenso kurzweilige wie spannende schwule Interpretation Thomas Manns, die Lust macht, die von Generationen von Deutschlehrern und -lehrerinnen verdorbenen Romane, Erzählungen und Essays neu, unverstellt und vor allem mit viel Spaß zu lesen. Übrigens hat Hans Pleschinski nicht nur seine umfassenden Kenntnisse des Lebens und der Texte von Thomas Mann verwertet, ihm stand auch der Nachlass Klaus Heusers zur Verfügung. »Königsallee« hält sich damit eng an die Quellen, doch dies in einer Leichtigkeit, die mit der Verführungskraft in den Bann zieht, die sonst nur der freien Dichtung zugeschrieben, der Wahrheit indessen viel zu oft nicht zugetraut wird.
Veit empfiehlt - Herbst 2013
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