Paul Senftenberg: Mein Lieblingsfilm

Einer meiner schwulen Lieblingsfilme: Oscar Wilde (1997)
Von Paul Senftenberg

Brian Gilbert: Oscar Wilde

Brian Gilbert: Oscar Wilde

Ein einziges Lieblingsbuch, einen einzigen Lieblingsfilm zu nennen, ob nun schwul oder nicht, ist für mich eine unmögliche Mission – dazu gibt es derer einfach zu viele. Aber dabei befinde ich mich wohl in bester Gesellschaft aller oder zumindest der meisten wahren Freunde von Büchern und Filmen. Über einen Streifen, der mir ganz besonders am Herzen liegt, der mich einfach zutiefst berührt hat, will ich heute schreiben: Oscar Wilde – unter dem Motto »Liebe ohne Namen«.

Auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise befindet sich das von Jacob Epstein gestaltete und einem fliegenden Engel getragene Grab von Oscar Wilde, der sich zu einer Zeit, als Homosexualität noch als Sodomie bezeichnet wurde, schwanken sah zwischen der Liebe zu seiner Frau und seinen beiden Kindern und jener zu Männern, im Speziellen zu dem wesentlich jüngeren Lord Alfred Douglas, den er Bosie nannte. Inmitten der Bigotterie des viktorianischen England stand Wilde zu seiner Neigung und musste dafür teuer bezahlen. Ein Zitat aus Wildes Gedicht »The Ballad of Reading Gaol«, das seine Zeit im Gefängnis thematisiert und auf dem Grab zu lesen ist, nimmt Bezug auf Männer mit einem Doppelleben, wie es der Autor selbst führte: »And alien tears will fill for him/Pity’s long-broken urn/For his mourners will be outcast men/And outcasts always mourn.« Weiterlesen

Eher Vergeltung als Rache

Zu Conchita Wursts »Rise Like A Phoenix«.

Von Veit Schmidt

Conchita Wurst beim Finale des Eurovision Song Contest 2014 - Copyright by http://www.eurovision.tv/page/history/year/participant-profile/?song=32263

Conchita Wurst beim Finale des Eurovision Song Contest 2014

Conchita Wurst hat einen großartigen Erfolg erzielt. Ihren Auftritt haben nicht nur viele politisch interpretiert, sie selbst hat ihn auch so verstanden. Freilich beziehen sich die meisten Beobachtungen des Auftritts vor allem auf ihr Auftreten: Die glamouröse Diva mit Bart auf der Bühne vor allem, daneben auch ihre in der Sache ebenso klaren wie in der Form distinguierten öffentlichen Äußerungen in Interviews, Gesprächen oder Pressekonferenzen. Doch vor allem hat Conchita Wurst ein Lied gesungen, dessen kurzer Text es in sich hat, denn »Rise Like a Phoenix« beschreibt nichts anderes als die Überwindung von Homophobie. Weiterlesen

»Warum gibt es das nicht auch in Wien?« Teil 2

Zur Geschichte der Buchhandlung Löwenherz – Teil 2

Von Jürgen Ostler

1984 verschlug es mich mit 20 der Liebe wegen nach Österreich. Mein »Österreich I« begann. Ich zog zu meinem Boyfriend Peter nach Mödling, führte mein Studium fort und pendelte daher täglich mit Schnellbahn und U-Bahn zur Uni am Schottentor von Niederösterreich nach Wien hinein. Damals lernte ich im »Soziologischen Praktikum« meine spätere, beste Freundin Manuela kennen – eine Freundschaft, die bis heute gehalten hat. Manuela war diejenige, die ein paar Jahre später die Anzeige im »Falter« entdecken und mir den Tipp geben sollte, dass für das Projekt einer schwulen Buchhandlung in Wien ein Buchhändler gesucht würde und ich mich doch am besten gleich dort bewerben solle.

Katalog der Buchhandlung "Sodom" aus München von 1984

Katalog der Buchhandlung „Sodom“ aus München von 1984

Anders als in München stellte es sich in Wien als schwerer heraus, an schwule Bücher und Zeitschriften heranzukommen. Es gab zwar den »Hirtl« mit einem schwulen Eck und den »American Discount« – aber den Vergleich mit dem »Sodom« hielten beide nicht im entferntesten stand. Ich war nun ja an Besseres gewöhnt. Sicherlich gab es in Uni-Nähe viele Buchhandlungen. Aber die hatten nicht einmal ein »schwules Regal«. Und so begann ich das »Sodom« zu vermissen.
Immer wenn ich mal zu meinen Eltern nach Hause fuhr und sich ein kleiner Abstecher nach München ausging, konnte ich nicht umhin, auch mal ins »Sodom« im Viertel um den Gärtnerplatz hineinzuschneien. Das waren meist größere Einkäufe, weil ich dann für Freunde in Wien – insbesondere für Peter – immer auch einige Bücher mitbringen musste. Und ich selbst musste mit den Einkäufen ja auch längere Durststrecken überbrücken – manchmal kam ich ein halbes Jahr nicht nach Bayern.
In dieser Zeit kam in Gesprächen zwischen Peter und mir die legendäre Frage auf: »Warum gibt es das eigentlich nicht auch in Wien?« Gemeint war mit »das« das »Sodom« – eine schwule Buchhandlung, in der es Literatur für Schwule zu kaufen gibt, in der man sich informieren kann über einschlägige Literatur und was gerade so abläuft in der Stadt. Für mich wurde das »Sodom« zu einer Art Modell, ein Archetyp eines schwulen Buchladens – vor allem, als ich es zu vermissen begann. Irgendwie implizierte diese Frage von Anfang auch die Überlegung, dass man persönlich etwas gegen diesen defizitären Zustand unternehmen müsste. Liebend gern hätten wir selbst so etwas auf die Beine gestellt, ein Abbild von »Sodom« in Wien eröffnet – ohne die geringste Ahnung zu haben, wie man eine Buchhandlung – egal ob schwul oder nicht – überhaupt führt; was es bedeutet, ein schwuler Buchhändler zu sein; was dazu gehörte; was es überhaupt für einen größeren Hintergrund hatte; was man dazu wissen und können musste. Weiterlesen

Erinnern und Erzählen – die Selbstfindung des Bedrängten im kunstvollen Märchen.

Zu Gunther Geltingers Roman »Moor«

Von Veit Schmidt

Gunther Geltinger: Moor

Gunther Geltinger: Moor

Eine romanhafte Märchentheorie: Wie einen Schlüssel stellt Gunther Geltinger seinem Roman »Moor« ein ebenso anmutig-schönes wie gruseliges Märchen voran, das an die zahlreichen kurzen, oft brutalen Märchen in der Grimm’schen Sammlung erinnert, die sich einer niedlichen Hollywood-Verwertung bislang erfolgreich versperrt haben. Der nachfolgende Roman entfaltet und interpretiert auf 440 Seiten nicht nur die Geschichte des vorgeschalteten Märchens, sondern vor allem die Entstehung dieser Geschichte.

Das erste große Kapitel »Herbst« schildert die kindliche Idylle des 13jährigen Dion, der mit seiner Mutter in einem einsamen Haus am Rand eines norddeutschen Moors aufwächst. Sein Vater lebt nicht mehr, er kam bei einem Unfall im Moor ums Leben. Die Mutter versucht sich als Künstlerin, doch keines ihrer Bilder kann sie verkaufen. Dion ist ein Außenseiter, er stottert, wofür er natürlich von seinen Mitschülern gehänselt wird. Für die üblichen Aktivitäten seiner Altersgenossen interessiert er sich wenig, sein Hobby oder vielmehr seine Leidenschaft sind die Libellen des Moors, die dort in zahlreichen Arten leben. Mit Hingabe sammelt Dion die Hüllen der Libellenlarven, bestimmt die einzelnen Arten und vertieft sich in ihre Lebensweise. Seine Mutter unterstützt ihn in seinen Interessen, doch nimmt Dion ihre moderne und aufgeschlossene Art als Vereinnahmung wahr. Mitunter ist Dions Mutter auch sexuell übergriffig, was für den pubertierenden Jungen, der auf der Schwelle seines Coming-outs steht, vor allem Anlass ist, sich noch mehr zurückzuziehen. Weiterlesen

Gefangen in der Nacht –
Selbsterkenntnis und die Flucht ins Risiko

Zu Thomas Pregel: Die unsicherste aller Tageszeiten

Von Veit Schmidt

Thomas Pregel: Die unsicherste aller Tageszeiten

Thomas Pregel: Die unsicherste aller Tageszeiten

Er sieht gut aus, ist berühmt und mittlerweile auch wohlhabend – mit seiner Bilderserie, die schwule Sexualität, Gewalt und Besessenheit darstellen, ist ein junger Maler zum Shooting-Star der Kunstszene geworden. In seiner Malerei verarbeitet er seine dunkle Seite, die er ebenso kultiviert wie sie ihn abstößt: Er ist sexsüchtig, vor allem Barebacking gibt ihm den Kick, der ihn immer wieder in die schwulen Clubs Berlins, auf Klappen und in Parks treibt. So auch in der vergangenen Nacht, als es ihn einfach wieder überkam, er loszog und auf der Toilette eines Clubs mit einem vermeintlich Unbekannten das Kondom wieder einmal bewusst weggelassen wurde. Doch als der Kerl ihn darauf ansprach, dass sie sich bereits von geraumer Zeit bei einer unsafen Gruppenparty begegnet waren, kehrt sich die eben noch empfundene Befriedigung in Ekel vor sich selbst um. Denn Nähe und Bindungen, und sei es nur die bekundete Zuneigung eines Mannes, der ihm eben noch den gewünschten Genuss verschaffte, verunsichern ihn, können ihm geradezu körperliches Unwohlsein bereiten. Den Rest der Nacht übersteht er eher qualvoll und verlässt am nächsten Morgen sofort die Stadt, um auf der Nordseeinsel Föhr, die er zärtlich seinen Sehnsuchtsort nennt, Ruhe zu finden. Auf der Fahrt dorthin lässt ihm die Frage keine Ruhe, wie er zu dem werden konnte, was er jetzt ist. Aufgewachsen in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein in einem kleinbürgerlichen Elternhaus gelang ihm später rasch die Emanzipation von seiner Herkunft. Woher kommt also seine Obsession nach ungeschütztem Sex, warum lässt er seine Männer stets ebenso kalt liegen, wie sie ihn eben noch heiß gemacht haben? Weder die Fahrt nach noch der Aufenthalt auf Föhr kann ihn jedoch beruhigen, ihm wird – wieder einmal – klar, dass er in seinem Leben grundsätzlich etwas ändern will und muss; darum fährt er bereits am nächsten Tag zurück nach Berlin. Weiterlesen

Congratulations to Giovanni’s Room and to Ed Hermance

Von Jürgen Ostler

Deutschsprachige Version lesen

Buchhandlung Löwenherz congratulates Giovanni’s Room and its owner, Ed Hermance, on the occasion of the bookshop’s 40th anniversary, to be celebrated Saturday, October 5, 2013.

It is now 2013 – 20 years ago in July 1993 the first gay and lesbian bookshop in Austria, Löwenherz, opened its doors in Vienna’s 9th district. But it isn’t and hasn’t been the first of its kind if you consider the whole Gay Planet. There were many others coming before us. They were models for Bookshop Löwenherz. One of them is Giovanni’s Room. We are walking in their footsteps.

Giovanni’s Room

Giovanni’s Room

But many of our predecessors haven’t made it up to this day. Remember the A Different Light bookshops, or Oscar Wilde in the USA, remember Sodom, Lavendelschwert, Männertreu, Ganymed, or Max & Milian in Germany – just to mention a few. They have all provided LGBT literature plus pride stuff, CDs and DVDs to their communities. They were hotspots of LGBT culture with their readings and other events. They were offering workplaces for their LGBT personnel. In the 1990s and early 2000s all of us LGBT bookshops were thriving over the globe. But now times have become hard for us. That’s why many have given up; why many had to close their doors forever. Weiterlesen

Stefan Broniowski: Mein Lieblingsbuch

Dirck Linck: Halbweib und Maskenbildner

Dirck Linck: Halbweib und Maskenbildner

Dirck Linck: Halbweib und Maskenbildner. Subjektivität und schwule Erfahrung im Werk Josef Winklers

Mein Lieblingsbuch? Habe ich so was überhaupt? Als Kind hätte ich sicher eines benennen können und auch noch als Jugendlicher, weil man da nach solchen Sachen gefragt wurde und eine Identität vorzuweisen hatte. Aber seit die Zahl der gelesenen Bücher ziemlich unübersichtlich geworden ist und Geschmack und Kenntnisse sich vertieft und verstreut haben, gibt es das einfach nicht mehr, dieses eine Buch, das mir lieber ist als alle anderen. Ich bin also wohl ein promisker Leser.
Mit einem Lieblingsbuch kann ich demnach nicht dienen, aber ich kann, und das passt ja gut zum 20-Jahr-Jubiläum von »Löwenherz«, von dem Buch erzählen, dass ich damals als erstes in dem neu eröffneten Laden kaufte. (Oder wenigstens als eines der ersten, denn es mag sein, dass die Erinnerung mich trügt.) Es handelt sich dabei um »Halbweib und Maskenbildner« von Dirck Linck, erschienen im Verlag rosa Winkel als »Homosexualität und Literatur, Band 7«, eine literaturwissenschaftliche Arbeit über das (bis 1992 erschienene) Werk Josef Winklers. Weiterlesen