Nachruf auf Jan Stressenreuter

12. XII. 1961 – 17. XII. 2018

Jan Stressenreuter war ein besonderer Autor. Wie kein anderer verstand er es, den Ton schwulen Lebensgefühls zu treffen, gerade auch in Zusammenhängen, die sperrig und abweisend sind. In »Mit seinen Augen« erzählte er von schwuler Liebe in der Repressionszeit der 50er Jahre – und unter Tränen erzählten damals unsere älteren Kunden, die diese Zeit noch erlebt hatten, wie es sie berührte, dass ein aus ihrer Perspektive so junger Autor diese Zeit so treffend und so anrührend schön beschrieben habe. Weiterlesen

25 Jahre Löwenherz

Ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass die Buchhandlung Löwenherz in der Berggasse 8 ihre Türen zum ersten Mal aufsperrte. Das ambitionierte Projekt eines schwullesbischen Buchladens in Wien (auf die Beine gestellt von Leo Kellermann, der es bis Ende 2002 leitete) startete mit einem Bruchteil dessen, was unser Geschäft mit internationalem Ruf inzwischen auf Lager hat. Vieles, was heute zum Standardsortiment zählt (wie Ebook-Reader, das ganze Spektrum der Regenbogenartikel, DVDs), war in der Anfangsphase nicht einmal angedacht.

Viel ist seit der Gründung passiert. Im Umfeld von Löwenherz entstanden Regenbogenparade und Regenbogenball – beides echte Herzensangelegenheiten der Löwenherzen. 2002 übernahmen die beiden Buchhändler Veit Schmidt und Jürgen Ostler die Buchhandlung, um sie eigenständig weiterzuführen. Einerseits galt es, diese Institution des schwullesbischen Wiens durch ökonomisch schwieriger werdende Zeiten zu manövrieren. Andererseits musste mit Instinkt auf neue Entwicklungen im Handel reagiert werden. Früh schon besaß Löwenherz eine eigene Homepage, die heute neben den etwa 13.000 Lagertiteln Zugriff auf mehr als 2 Millionen weitere Titel ermöglicht – darunter internationale Titel und E-Books.

Jürgen, Amer und Veit - die Löwenherzen 2018

Jürgen, Amer und Veit – die Löwenherzen (2018)

Unabhängig von den technischen Neuerungen, die die Zeit für Löwenherz mit sich brachte, Weiterlesen

»Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara

»Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara- eine fesselnde schwule Liebesgeschichte

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben.
Dt. v. Stephan Kleiner.
D 2017, 956 S., geb., € 28.80
Buch im Online-Shop

Die Geschichte einer schwulen Liebe: Jude kommt scheinbar ohne Vergangenheit, auf alle Fälle aber ohne Geld und ohne Habseligkeiten im College an, wo er in JB, Malcolm und Willem Freunde fürs Leben findet. Vor allem Willem ist sein treuester Freund, er ist immer für seinen Judy da – und obwohl Willem der einzige echte Hetero der Clique ist, ist für ihn klar, dass seine Zuneigung für Jude etwas ganz besonderes, ja Liebe ist. Alle vier beginnen dann in New York ihre Karrieren, alle in ganz unterschiedlichen Metiers und alle werden über die Maßen erfolgreich. Jude und Willem bleiben enge Freunde, ihre Beziehung bleibt jedoch zunächst platonisch, bis Willem sich immer mehr von Jude angezogen fühlt und ihm gesteht, dass er ihn nicht nur liebt, sondern auch sexuell begehrt. Die beiden werden ein Paar, leben in einer schicken Loft in Downtown New York, bauen auf einem idyllischen Grund in Upstate New York ein kleines Refugium – alles ein Stoff für eine romantische Love-Story. Doch Jude hat Abgründe – und natürlich eine Vergangenheit, auch wenn er nie darüber sprechen will und nur nach und nach Bruchstücke davon Preis gibt. Jude war ein Findelkind und wuchs zunächst in einem Kloster auf, wo er bereits Gewalt und Missbrauch ausgesetzt war; die große Liebe seiner Kindheit war Bruder Luke, der dann auch mit ihm aus dem Kloster flieht und quer durch die USA Jude zur Prostitution zwingt. Doch auch nachdem die Polizei Jude aus diesem Leben befreit, wird Jude bald wieder Opfer sexueller Gewalt, er ist psychisch wie physisch schon als Jugendlicher fürs Leben gezeichnet. Seit Collegezeiten hat Willem Jude dann beschützt – und auch wenn es ihm unendlich schwerfällt, seine Liebe und sein Wille, mit Jude ein Paar zu bilden, stehen niemals in Frage. Weiterlesen

Paul Senftenberg: Mein Lieblingsfilm

Einer meiner schwulen Lieblingsfilme: Oscar Wilde (1997)
Von Paul Senftenberg

Brian Gilbert: Oscar Wilde

Brian Gilbert: Oscar Wilde

Ein einziges Lieblingsbuch, einen einzigen Lieblingsfilm zu nennen, ob nun schwul oder nicht, ist für mich eine unmögliche Mission – dazu gibt es derer einfach zu viele. Aber dabei befinde ich mich wohl in bester Gesellschaft aller oder zumindest der meisten wahren Freunde von Büchern und Filmen. Über einen Streifen, der mir ganz besonders am Herzen liegt, der mich einfach zutiefst berührt hat, will ich heute schreiben: Oscar Wilde – unter dem Motto »Liebe ohne Namen«.

Auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise befindet sich das von Jacob Epstein gestaltete und einem fliegenden Engel getragene Grab von Oscar Wilde, der sich zu einer Zeit, als Homosexualität noch als Sodomie bezeichnet wurde, schwanken sah zwischen der Liebe zu seiner Frau und seinen beiden Kindern und jener zu Männern, im Speziellen zu dem wesentlich jüngeren Lord Alfred Douglas, den er Bosie nannte. Inmitten der Bigotterie des viktorianischen England stand Wilde zu seiner Neigung und musste dafür teuer bezahlen. Ein Zitat aus Wildes Gedicht »The Ballad of Reading Gaol«, das seine Zeit im Gefängnis thematisiert und auf dem Grab zu lesen ist, nimmt Bezug auf Männer mit einem Doppelleben, wie es der Autor selbst führte: »And alien tears will fill for him/Pity’s long-broken urn/For his mourners will be outcast men/And outcasts always mourn.« Weiterlesen

Eher Vergeltung als Rache

Zu Conchita Wursts »Rise Like A Phoenix«.

Von Veit Schmidt

Conchita Wurst beim Finale des Eurovision Song Contest 2014 - Copyright by http://www.eurovision.tv/page/history/year/participant-profile/?song=32263

Conchita Wurst beim Finale des Eurovision Song Contest 2014

Conchita Wurst hat einen großartigen Erfolg erzielt. Ihren Auftritt haben nicht nur viele politisch interpretiert, sie selbst hat ihn auch so verstanden. Freilich beziehen sich die meisten Beobachtungen des Auftritts vor allem auf ihr Auftreten: Die glamouröse Diva mit Bart auf der Bühne vor allem, daneben auch ihre in der Sache ebenso klaren wie in der Form distinguierten öffentlichen Äußerungen in Interviews, Gesprächen oder Pressekonferenzen. Doch vor allem hat Conchita Wurst ein Lied gesungen, dessen kurzer Text es in sich hat, denn »Rise Like a Phoenix« beschreibt nichts anderes als die Überwindung von Homophobie. Weiterlesen

»Warum gibt es das nicht auch in Wien?« Teil 2

Zur Geschichte der Buchhandlung Löwenherz – Teil 2

Von Jürgen Ostler

1984 verschlug es mich mit 20 der Liebe wegen nach Österreich. Mein »Österreich I« begann. Ich zog zu meinem Boyfriend Peter nach Mödling, führte mein Studium fort und pendelte daher täglich mit Schnellbahn und U-Bahn zur Uni am Schottentor von Niederösterreich nach Wien hinein. Damals lernte ich im »Soziologischen Praktikum« meine spätere, beste Freundin Manuela kennen – eine Freundschaft, die bis heute gehalten hat. Manuela war diejenige, die ein paar Jahre später die Anzeige im »Falter« entdecken und mir den Tipp geben sollte, dass für das Projekt einer schwulen Buchhandlung in Wien ein Buchhändler gesucht würde und ich mich doch am besten gleich dort bewerben solle.

Katalog der Buchhandlung "Sodom" aus München von 1984

Katalog der Buchhandlung „Sodom“ aus München von 1984

Anders als in München stellte es sich in Wien als schwerer heraus, an schwule Bücher und Zeitschriften heranzukommen. Es gab zwar den »Hirtl« mit einem schwulen Eck und den »American Discount« – aber den Vergleich mit dem »Sodom« hielten beide nicht im entferntesten stand. Ich war nun ja an Besseres gewöhnt. Sicherlich gab es in Uni-Nähe viele Buchhandlungen. Aber die hatten nicht einmal ein »schwules Regal«. Und so begann ich das »Sodom« zu vermissen.
Immer wenn ich mal zu meinen Eltern nach Hause fuhr und sich ein kleiner Abstecher nach München ausging, konnte ich nicht umhin, auch mal ins »Sodom« im Viertel um den Gärtnerplatz hineinzuschneien. Das waren meist größere Einkäufe, weil ich dann für Freunde in Wien – insbesondere für Peter – immer auch einige Bücher mitbringen musste. Und ich selbst musste mit den Einkäufen ja auch längere Durststrecken überbrücken – manchmal kam ich ein halbes Jahr nicht nach Bayern.
In dieser Zeit kam in Gesprächen zwischen Peter und mir die legendäre Frage auf: »Warum gibt es das eigentlich nicht auch in Wien?« Gemeint war mit »das« das »Sodom« – eine schwule Buchhandlung, in der es Literatur für Schwule zu kaufen gibt, in der man sich informieren kann über einschlägige Literatur und was gerade so abläuft in der Stadt. Für mich wurde das »Sodom« zu einer Art Modell, ein Archetyp eines schwulen Buchladens – vor allem, als ich es zu vermissen begann. Irgendwie implizierte diese Frage von Anfang auch die Überlegung, dass man persönlich etwas gegen diesen defizitären Zustand unternehmen müsste. Liebend gern hätten wir selbst so etwas auf die Beine gestellt, ein Abbild von »Sodom« in Wien eröffnet – ohne die geringste Ahnung zu haben, wie man eine Buchhandlung – egal ob schwul oder nicht – überhaupt führt; was es bedeutet, ein schwuler Buchhändler zu sein; was dazu gehörte; was es überhaupt für einen größeren Hintergrund hatte; was man dazu wissen und können musste. Weiterlesen

Erinnern und Erzählen – die Selbstfindung des Bedrängten im kunstvollen Märchen.

Zu Gunther Geltingers Roman »Moor«

Von Veit Schmidt

Gunther Geltinger: Moor

Gunther Geltinger: Moor

Eine romanhafte Märchentheorie: Wie einen Schlüssel stellt Gunther Geltinger seinem Roman »Moor« ein ebenso anmutig-schönes wie gruseliges Märchen voran, das an die zahlreichen kurzen, oft brutalen Märchen in der Grimm’schen Sammlung erinnert, die sich einer niedlichen Hollywood-Verwertung bislang erfolgreich versperrt haben. Der nachfolgende Roman entfaltet und interpretiert auf 440 Seiten nicht nur die Geschichte des vorgeschalteten Märchens, sondern vor allem die Entstehung dieser Geschichte.

Das erste große Kapitel »Herbst« schildert die kindliche Idylle des 13jährigen Dion, der mit seiner Mutter in einem einsamen Haus am Rand eines norddeutschen Moors aufwächst. Sein Vater lebt nicht mehr, er kam bei einem Unfall im Moor ums Leben. Die Mutter versucht sich als Künstlerin, doch keines ihrer Bilder kann sie verkaufen. Dion ist ein Außenseiter, er stottert, wofür er natürlich von seinen Mitschülern gehänselt wird. Für die üblichen Aktivitäten seiner Altersgenossen interessiert er sich wenig, sein Hobby oder vielmehr seine Leidenschaft sind die Libellen des Moors, die dort in zahlreichen Arten leben. Mit Hingabe sammelt Dion die Hüllen der Libellenlarven, bestimmt die einzelnen Arten und vertieft sich in ihre Lebensweise. Seine Mutter unterstützt ihn in seinen Interessen, doch nimmt Dion ihre moderne und aufgeschlossene Art als Vereinnahmung wahr. Mitunter ist Dions Mutter auch sexuell übergriffig, was für den pubertierenden Jungen, der auf der Schwelle seines Coming-outs steht, vor allem Anlass ist, sich noch mehr zurückzuziehen. Weiterlesen