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Will Self: Dorian

Will Self: Dorian

Dt. v. Robin Detje. D 2008, 350 S., Pb,  0.00
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Bloomsbury Berlin
Inhalt
»Das Bildnis des Dorian Gray« ist eigentlich ein grottenlangweiliger Roman. Die spritzigen Sager der Dialoge kennt man schon aus diversen Aphorismen-Sammlungen und die Handlung selbst geht auch eher schleppend voran. Sicher, der Roman ist homoerotisch aufgeladen, aber vor allem für die Buchform hatte Oscar Wilde viele seinerzeit spannende explizite Darstellungen entfernt. Umso spannender ist die Transformation, die Will Self mit diesem schon klassischen Stoff gelungen ist. Die Geschichte wird um etwa 100 Jahre ins London der Zeiten von Lady Di und HIV versetzt und übernimmt dabei alle zentralen Charaktere und Handlungsmuster. Dorian, jung, bildschön und unschuldig, gerät an den Installationskünstler Baz, der deutliche Züge Andy Warhols trägt. Baz ist nicht nur sexuell von Dorian begeistert, sondern auch künstlerisch: Die Video-Installation »Cathode Narcissus«, die Dorian in seiner ganzen nackten Schönheit präsentiert, wird sein ultimatives Werk. Baz‘ Freund und Gönner Henry ist ebenso von Dorian fasziniert, Henry zieht den unerfahrenen Jungen in die Abgründe der Londoner Szene; Drogen, Sex und Parties bestimmen fortan das Leben des Schönlings, der sich nach Henrys Vorbild zum bösartigen Zyniker wandelt. Und wie bein literarisches Vorbild kommt es auch in Will Selfs »Dorian« zu einer Umkehr von Verfall und Konservierung von Dorians Schönheit: »Cathode Narcissus« zeigt bald die ersten Spuren der Alterung, während Dorian noch nach Jahren der Ausschweifung frisch, schön und jugendlich aussieht. Doch Will Self hat die Oscar Wildes Vorlage verschärft: Es geht nicht nur um den allgemeinen Alterungsprozess, dem Dorian entzogen ist, und einen moralischen Verfall, der nur mit erhobenem Zeigefinger, bzw. mit dem Stereotyp eines Paktes mit dem Teufel als Folge dieser ewigen Jugend zu deuten ist. Will Selfs Dorian ist ein Todes­engel, der weiß, dass er HIV-positiv ist (er weiß sogar, bei welcher Sexparty er sich und seine engsten Freunde angesteckt hat), und der nicht nur in Kauf nimmt, dass er andere durch ungeschützten Sex ansteckt, sondern dabei geradezu einen erotischen Kick verspürt. Hilflosigkeit und lächerliche Doppelbödigkeit der gesellschaftlichen Reaktion auf die Aids-Krise schildert ein grandioser Mittelteil, in dem der reuige Baz den vom Tod gezeichneten Henry in der HIV-Station eines Krankenhauses besucht, das gerade von der Königin der Herzen heimgesucht wurde. Und mitten in diesem Elend, in den Kaskaden von Bösartigkeiten über Schwulenszene, gute Menschen und die Welt überhaupt, gesteht Baz dem delirierenden Henry seine Liebe, eine bittersüße und anrührende Szene, weniger weil Henry vermutlich gar nichts davon mitbekommt und den beiden sowieso keine Zeit bleibt, sondern weil es eine der wenigen Szenen der Aufrichtigkeit im Stakkato der flotten Sprüche, kalten Fassaden und zynischen Verhaltensweisen ist. Auch Dorians Verzweiflung und Ende hat dann zwar tragische Züge, denn er erkennt die Sinnlosigkeit seines Lebens. Doch auch wenn er die Videobänder von »Cathode Narcissus« zuletzt löscht und damit seinen eigenen Tod herbeiführt, bleibt ihm der aufrichtige Moment verwehrt. – Will Selfs »Dorian« lebt davon, dass er explizit macht, ja heraus schreit, was bei Wilde elegante Andeutung war. Damit trifft er nicht nur den Ton der Zeit, sondern vor allem auch ihren Geist: Nichts bleibt in der Andeutung, was nicht ausgesprochen wird, ist kein Teil der Welt. Neben der spannenden Revue der aufkommenden Aids-Krise macht dies gerade zusammen mit dem literarischen Vorbild den besonderen Reiz des Romans aus. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2007)
Der Titel ist leider vergriffen, auf Anfrage besorgen wir gern ein antiquarisches Exemplar.
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