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Colm Tóibín: Porträt des Meisters
in mittleren Jahren

Colm Tóibín: Porträt des Meisters in mittleren Jahren

Dt.v. D.&G.Bandini. D 2007, 425 S., Pb,,  10.18
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Inhalt
Schon zu Lebzeiten wurde Henry James »Der Meister« genannt, und schlicht »The Master« ist auch der Titel der Originalausgabe dieser Romanbiografie eines Schriftstellers, aus dessen Briefen und biografischen Äußerungen schon lange bekannt ist, dass er schwul war. Doch was bedeutete es, Ende des 19. Jahrhunderts schwul zu sein? Anders als Oscar Wilde legte Henry James nicht nur äußersten Wert auf das Abschirmen seiner Privatsphäre, und niemals wäre er bereit gewesen, zu einem Thema wie Liebe unter Männern öffentlich Stellung zu nehmen. Die Brechung der Objektivität durch die menschliche Beobachtung, ihre indirekte und unsichere Erfassung und Darstellung war nicht nur seine literarische Meisterschaft, sondern auch Grundlage seiner Selbstinszenierung und eigenen Lebensführung. Wie also ein solches Leben, das wir heute als »completely closeted « bezeichnen würden, darstellen, ohne die Attitüde des vermeintlich Überlegenen anzunehmen, der nach 100 Jahren freimütig darüber schreibt, was aus der Perspektive des Beschriebenen nicht in Frage kam? Colm Tóibín hat deshalb den »Meister« beim Wort genommen und einen Roman geschrieben, der nicht nur ganze Passagen des James’schen OEuvres verarbeitet, sondern auch ganz dessen Stil verhaftet ist. Henry James‘ Spezialität war es ja gerade, den Leser aktiv an der Wirklichkeit seiner Romane zu beteiligen. Dies erreichte er dadurch, dass er detailreiche und realitätsgetreue Beschreibungen durch die immer wieder unerwarteten Perspektiven zu unsicheren Beobachtungen machte, so dass Leser und Leserin sich immer wieder fragen muss, ob die Vorstellung von der Geschichte, die beim Lesen entsteht, nun auf den Roman zurückgeht oder nicht vielmehr dem Leser oder der Leserin selbst zuzuschreiben ist. James’ Meisterschaft besteht nun gerade darin, aus dieser vordergründigen Verunsicherung genau das Gegenteil zu erreichen, nämlich das Gefühl hervorzurufen, in besonders intensiver Weise an der Realität seiner Romane Teil zu haben. So auch bei Tóibíns »Porträt des Meisters«. Henry James‘ Leben wird in wenigen, scheinbar unbedeutenden und oft fast alltäglichen Situationen beschrieben, zu einer Zeit, als Henry James Mitte 50 ist, in denen sich der Schriftsteller immer wieder erinnert und dabei auch selbst zu überraschenden Erkenntnissen über sich kommt. Immer wieder ist Henry James von Männern fasziniert, sucht ihre körperliche Nähe und doch ist es für ihn eine Erschütterung, als ihm - regelrecht besessen vom Charme und der jugendlichen Schönheit des Bildhauers Hendrik Andersen - klar wird, dass er genau diese seine verliebte Obsession eines älteren Mannes zu einem jungen Künstler Jahrzehnte zuvor in seinem Roman »Roderick Hudson« beschrieben hatte. Tóibín ist mit diesem literarischen Verfahren nicht nur eine große Nähe zu Henry James geglückt, sondern zeigt auch, wie jede Beobachtung und jede Erinnerung geschützte Bereiche in Frage stellt, die jeder und jede nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst errichtet hat. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2005)
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