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Jens Bisky: Geboren am 13. August

Jens Bisky: Geboren am 13. August

D 2004, 255 S., geb.,  10.30
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Rowohlt
Inhalt
Jens Bisky (übrigens der Sohn von Lothar Bisky, dem gegenwärtigen PDS-Vorsitzenden) wurde 1966 geboren und wuchs in der sich stabilisierenden DDR der 70er Jahre auf und erlebte ihren Verfall in den 80ern. Er war als Jugendlicher und junger Mann vom Sozialismus und dem Staat DDR überzeugt, tat sich in der FDJ hervor und wurde Offizier der Nationalen Volksarmee. Als Schwuler erlebte er auch die schikanösen Seiten der DDR, doch beirrte ihn dies nicht in seiner Grundeinstellung. Im Gegenteil hielt er – wie seiner Einschätzung nach viele der wenigen Überzeugten in der DDR – die Probleme und Mängel im System für bewältigbar, er glaubte an den Fortschritt gerade im und durch den staatlich propagierten Sozialismus. Das Ende des ostdeutschen Staates brachte ihn zweimal »auf Null«, wie er es formuliert, einmal in der Notwendigkeit, alle Einstellungen und Lebensabläufe zu überdenken und neu zu ordnen, dann nochmal als sein Freund zugeben muss, für die Stasi gearbeitet zu haben. »Geboren am 13. August« kann auf mehrere Arten gelesen werden. Zunächst einmal ist allein schon die Schilderung von Kindheit und Jugend in einer verschwundenen Welt interessant, wie wuchs man als Schwuler im Kommunismus auf. Jens Bisky hatte engen Kontakt zu den Produzenten des DDR-Films »Coming Out«, kannte viele in der Schwulenszene Ostberlins, die außer aus den wenigen Schwulenbars vor allem aus Zirkeln und Freundeskreisen bestand. »Geboren am 13. August« erinnert aber auch an den Titel der filmischen Abrechnung mit dem Vietnam-Krieg »Born on the 4th of July«, denn wie der am amerikanischen Unabhängigkeitstag geborene Tom Cruise im Film, der von der amerikanischen Propaganda- und Militärmaschinerie erfasst und zerstört wird, wurde Jens Bisky am Quasi-Gründungstag der DDR, am Jahrestag des Mauerbaus geboren. Und so ist das Buch auch eine Abrechnung mit den Lügen, Verdrehungen und Irrwitzigkeiten, mit denen er aufwuchs, die er für selbstverständlich nahm, mit denen er sich identifizierte und für die er zu arbeiten und zu kämpfen bereit war – und natürlich auch eine Abrechnung mit den Wahnvorstellungen und Enttäuschungen, die mit den Erwartungen nach der Revolution von 1989 verknüpft waren. Für mich wurde das Buch dann in einer dritten Lesart interessant und wichtig, nämlich unter dem Gesichtspunkt, wie wenig sich eigentlich die Sozialisierung im Osten von unserer im Westen offenbar unterschied. Natürlich gab es die Momente der blanken Indoktrination und des offenkundigen staatlichen Drucks. Doch Jens Bisky zeigt sehr deutlich, dass es eigentlich die vielen Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten waren, die sein Heranwachsen im und seine Hinwendung zum Sozialismus prägten. Doch viel hiervon, freilich mit anderen Inhalten ausgestattet, gab und gibt es im Westen ganz genauso. Systemkonformität stellt sich ein, Selbstverständlichkeiten werden nicht in Frage gestellt, man richtet sich ein. Zumal als Schwuler, wenn es auch darum geht, Freiräume zu erreichen und zu bewahren. Und so kann Jens Biskys Abrechnung mit »Der Sozialismus und ich« für jeden auch eine Abrechnung mit »Meine Welt und ich« sein. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2004)
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