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Damon Galgut: Arktischer Sommer

Damon Galgut: Arktischer Sommer

Dt. v. Thomas Mohr. D 2015, 384 S., geb.,  20.56
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Inhalt
Edward Morgan Forster war zeitlebens ein Außenseiter - ein zurückhaltender schwuler Mann im viktorianisch engen England. Durch Familienvermögen abgesichert konnte er schreiben, ohne unmittelbar auf den wirtschaftlichen Erfolg seiner Romane angewiesen zu sein. Als jedoch »Wiedersehen mit Howards End« zu einem Überraschungserfolg wird, kann er sich 1912 einen Traum erfüllen: eine Reise nach Indien. Fast ein ganzes Jahr ist er unterwegs, jedoch scheinen die Erlebnisse mehr enttäuschend, wenn nicht gar abschreckend zu sein, die erhoffte Inspiration bleibt jedenfalls aus. Zwar beginnt er einen Roman, doch über einzelne Skizzen kommt Forster nicht hinaus. Zurück in England lebt er einigermaßen ziellos, bis ihn ein Erlebnis tief beeindruckt: Forster besucht Edward Carpenter in dessen Landhaus - gegen alle Widerstände seiner Zeit lebte Carpenter mit seinem Freund dort seit vielen Jahren ein ziemlich offen schwules Leben. Einigermaßen erschüttert erkennt Forster, wie er sich selbst sein Leben verstellt und was entgegen aller Erwartbarkeiten möglich ist: ein glückliches schwules Leben. In nur wenigen Monaten schreibt Forster den ersten schwulen Roman mit Happy End, »Maurice«, in dem er autobiografische Erlebnisse mit den Eindrück­en bei Carpenter verbindet. Doch nur wenigen Freunden gibt er das Manuskript zu lesen, zu groß ist seine Scheu vor der Veröffentlichung. Während des kurz danach ausgebrochenen 2. Weltkriegs geht Forster für das Rote Kreuz nach Alexandria, wo er sich in einen jungen Ägypter verliebt, dem er zeitlebens verbunden bleibt, und wo er auch dem Lyriker Kavafis begegnet. Zwar genießt Forster diese Zeit, fühlt freilich immer stärker das Defizit seines versteckten Schwulseins und des verschlüsselten Schreibens darüber. Nach dem Krieg reist Forster dann zum zweiten Mal nach Indien, diesmal um eine Verwaltungsstelle beim Fürsten eines indischen Kleinstaates anzutreten. Als es hier wegen einer seiner schwulen Affären zu einem Eklat kommt, schafft es Forster endlich, sich von seinen Verstellungen und Verkrampfungen zu befreien. Zurück in England ist er frei genug, seinen großen Roman »A Passage to India« zu schreiben, mit dem er den Durchbruch schafft: Zum ersten Mal legt ein Autor den kolonialen Blick zu Gunsten eines gleichberechtigten Zuganges britischer und indischer Perspektive ab. Vor allem aber ist »A Passage to India« der Roman einer grundlegenden Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen und selbstgewählten Beschränkungen.
Damon Galgut hat in seiner minutiös recherchierten Roman-Biografie nicht nur das intensive Bild eines schwulen Mannes gezeichnet, der sich von den Normen seiner Gesellschaft emanzipiert - und das sowohl in Bezug auf die politischen Verhältnisse und die öffentliche Meinung als auch auf seine Sexualität, also den intimsten Aspekt seines Lebens. Galgut zeigt auch die Schlüsselstellung einer befreiten Sicht auf das eigene Schwulsein für das ganze Leben und weist damit »Maurice« eine zentrale Bedeutung für das Gesamtwerk Forsters zu, ohne das weder seine älteren Romane noch sein Hauptwerk »A Passage to India« angemessen verstanden werden können. Forster, so versteht man beim Lesen von »Arktischer Sommer«, hat also nicht »unter anderem« einen schwulen (und nebenbei: makellos schönen und zeitlos brisanten) Roman geschrieben; Forsters schwule Identität, um die er lange ringen musste, ist die Essenz aller seiner Bücher und kommt am klarsten in »Maurice« zum Ausdruck - und parallel dazu im Scheitern des (zeitgleich mit »Maurice« begonnenen) Fragment gebliebenen Romans »Arctic Summer«, in dem Forster die Vermittlung von zivilisiert-gezähmten und ungebändigt-freiem Bewusstsein vergeblich in der Beziehung zweier heterosexueller Männer aufbauen wollte.
So erscheint auch der Titel »Arktischer Sommer« in besonderem Licht, auch Galgut lässt zu Beginn seines Romans zwei Männer zufällig auf Reisen aufeinander treffen. Einer der beiden ist Forster selbst - und Forster findet für sich den Weg in zivilisatorischer Enge frei zu sein, indem er sich nicht als jemand anderes, als ein nach außen heterosexueller Mann, sondern authentisch als schwul begreift und darstellt. Eine große Geschichte mit weit mehr als historischer Bedeutung.

(Veit empfiehlt - Herbst 2015)
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