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Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Dt. v. Antje Peter. D 2014, 522 S., geb.,  23.59
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Inhalt
In den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs erschießt der französische Leutnant Pradelle hinterrücks zwei seiner Soldaten – alle sollen glauben, dass die Deutschen noch einen Vorstoß wagen wollen. Das vorprogrammierte Scharmützel soll Pradelle eine letzte Chance auf ruhmreiche Beförderung verschaffen. Doch Albert, ein einfacher französischer Soldat, kommt Pradelle auf die Schliche und hätte dies fast mit dem Leben bezahlen müssen, denn Pradelle schreckt auch vor einem weiteren Mord nicht zurück. Doch Albert wird gerettet, Édouard gräbt den schon fast erstickten Verschütteten aus, dabei wird Édouard schwer verletzt. Zunächst aus Dankbarkeit kümmert sich Albert um Édouard, verschafft ihm auf seine dringende Bitte hin sogar eine neue Identität. Denn Édouard ist schwul, Spross einer der reichsten Bankiersfamilien Frankreichs, aber dorthin zurück, vor allem in die Nähe seines Vaters, der ihn als schöngeistigen Schwulen immer verachtete, will er niemals. So tauscht Édouard die Identität mit einem Gefallenen, doch der Schwindel droht aufzufliegen, als seine Schwester auftaucht und unbedingt den Leichnam des Bruders in die Familiengruft überführen will. Wieder ist Pradelle auf dem Plan, der einerseits Édouard und Albert deckt, sich andererseits aber sogleich an Édouards reiche Schwester heranmacht. Schon kurz darauf wird er sie heiraten, als dekorierter Offizier, Spross alten Adels und Schwiegersohn eines der ersten Geschäftsleute der Nation gelingt es ihm, mit staatlichen Großaufträgen reich zu werden: Im großen Stil betten seine Unternehmen Gefallene in die großen Ehrengräberfelder um, durch falsche Angaben rechnet er Millionenbeträge über nicht erbrachte Leistungen dabei ab. Albert und Édouard bleiben auch nach Kriegsende zusammen. Zwar ist Albert nicht schwul, aber die beiden führen eine zumindest eheähnliche Beziehung: Abhängigkeit und Verpflichtungsgefühl schweißen sie zusammen, ätzendes aneinander Nörgeln gibt den Kitt ihres Zusammenlebens. Édouard, in seinem Wesen Spieler und Hochstapler, entwickelt eine kühne Geschäftsidee: Die französischen Gemeinden überbieten sich gerade im Taumel des gewonnenen Krieges darin, ihren Gefallenen Denkmäler errichten zu wollen; Édouard und Albert bieten diesen Gemeinden fertige Denkmäler zu vermeintlich günstigen Konditionen an – gegen Vorkasse, geliefert soll natürlich nie werden, die beiden haben sich eine Frist zum Nationalfeiertag gesetzt, dann wollen sie mit dem erbeuteten Geld fliehen. Die beiden Betrugs-Zirkel kommen sich oft bedenklich nahe, zumal auch Édouards Vater sowohl als wichtiger Bankier in der Politik mitmischt, als auch als prominenter Spender für zu errichtende Denkmäler eine herausragende Rolle spielt. Immer wieder drohen einzelne Lügengebäude schlicht dadurch zusammenzubrechen, dass alle Akteure miteinander in Beziehung stehen, sich immer wieder in verräterischen Situationen fast begegnen. Während sich so ein rasanter Roman über Profitgier, Betrug und Verblendung entspinnt – immer haarscharf am Rand des Entlarvt-Werdens –, wobei insbesondere Édouard sich regelrecht in seine Rolle als Hochstapler hineinsteigert, vollzieht sich bei seinem Vater eine gegenläufige Entwicklung. Im Glauben, Édouard sei gefallen, sehnt er immer mehr den verlorenen Sohn herbei, erkennt, wie seine frühere Abneigung gegen ihn als Künstler und Schwulen nicht nur falsch war, sondern er in Wahrheit sogar seinen Sohn gerade in seiner unangepassten Art liebte, er sich diese Zuneigung jedoch nie gestattete. Durch diese intime Gegenbewegung bekommt der oft in burlesken Sittenbildern gezeichnete Gesellschaftsroman zugleich den Zug einer psychologischen Studie des Verhältnisses eines schwulen Sohnes zu seinem abweisenden Vater. Besonders spannend erscheint dies vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die nur von Raffgier und gesellschaftlicher Reputation getrieben ist. Ebenso wie eine Gesellschaft, die auf Lug, Trug und Fassade aufgebaut ist, beide zunächst vollkommen entfremdet, sind es diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dass Vater und Sohn sich am Ende dieser grandiosen Lügengeschichte für einen Moment finden können. In Pierre Lemaitres Roman ist dies jedoch kein glückliches Ende, sondern das Finale einer Komödie, die bestenfalls bei sentimentalen Anwandlungen tragische Züge hat. Ernst nehmen kann er die Welt nicht und auch der Roman-Titel »Wir sehen uns dort oben« erscheint fast wie ein Fanal: Auf zum nächsten Betrug.
(Veit empfiehlt - Sommer 2015)
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