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Björn Koll / Kurt von Hammerstein (Hg.): Der Kreis - Eine Sammlung

Björn Koll / Kurt von Hammerstein (Hg.): Der Kreis - Eine Sammlung

D 2014, 348 S. mit zahlreichen Abb., Broschur,  19.95
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Salzgeber
Inhalt
Als im Jänner 1933 die Nazis im Deutschen Reich an die Macht gelangten, begannen sie bald mit der Zerschlagung der ersten Schwulenbewegung - kulminierend in der Zerstörung des Berliner Instituts für Sexualforschung von Magnus Hirschfeld im Mai des gleichen Jahres. Viele Schwule flohen im selben und in den folgenden Jahren aus Deutschland in die Schweiz. Dort gab es mit »Der Kreis« seit Anfang der 1940er Jahre eine kleine funktionierende Schwulenorganisation, die zum Sammelbecken für Schwule aus verschiedenen Ländern geworden war und auch eine Zeitschrift gleichen Namens herausgab, die während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach das einzige Schwulenmagazin der Welt war. »Der Kreis« stellt die Brücke dar zwischen der ersten Schwulenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts und der zweiten Schwulenbewegung, die im Anschluss an die Stonewall Riots auch in Deutschland Fuß fasste. In der Edition Salzgeber sind kürzlich ein Buch und ein Film erschienen, die die schwulengeschichtlich wichtige Etappe von »Der Kreis« würdigen. Björn Koll und Kurt von Hammerstein haben Ende 2014 eine aufwendige Sammlung der Vereinszeitschrift »Der Kreis« herausgegeben. 1942 hatte Karl Meier in Zürich den »Kreis« als Schwulenorganisation gegründet. Bis in die 1960er Jahre hinein entwickelte sich die Schweizer Schwulenvereinigung zu einer international vernetzten Organisation, die ihren Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite stand und die Bälle veranstaltete, zu denen Gäste aus der ganzen Welt anreisten. »Der Kreis« gab aber auch eine monatlich erscheinende, gleichnamige Zeitschrift heraus, die auch in Deutschland und Österreich Leser fand. Die Zeitschrift ging nur an Vereinsmitglieder und wurde teilweise auf heiklen Missionen über die Grenze geschmuggelt. Phasenweise war sie die einzig offen schwule Zeitschrift der Welt, was damit zusammenhing, dass die Schweiz keine antihomosexuellen Strafgesetze mehr kannte und sich insbesondere Zürich in den 1940er und 1950er Jahren zu einem Schwuleneldorado entwickelt hatte, indem sich schwule Männer aus aller Welt trafen und ausleben konnten, während in den Nachbarländern BRD und Österreich noch ein Totalverbot existierte. 1953 wurden in der Bundesrepublik Deutschland Indizierungs- und Verbotsmaßnahmen unter dem fadenscheinigen Titel »Gesetz zum Schutz der Jugend« erlassen, wodurch alle Homosexuellen-Zeitschriften in Deutschland zur Einstellung gezwungen wurden. »Der Kreis« war damit das einzige Forum, in dem »deutsche« Themen überhaupt noch thematisiert werden konnten. Der Chefredakteur von »Der Kreis« - Karl Meier, der sich Rolf nannte - setzte sich vehement für den Aufbau einer neuen Homosexuellenbewegung ein - eine Initiative, die aber dann jedoch nicht mehr in der Schweiz fruchten konnte. Die dreisprachige Zeitschrift befasste sich - nicht allzu explizit - mit diversen Aspekten schwulen Lebens und schwuler Kultur. In ihr konnten die Erfahrungen über ein Leben im Geheimen ausgetauscht werden. Ihre Redakteure besprachen Romane wie »Giovannis Zimmer« des schwulen schwarzen US-Autors James Baldwin oder Stücke von Jean Genet, die Frage der Masturbation, bundesdeutsche Initiativen zur Abschaffung des §175, die »Sexuelle Revolution«. Auch der umstrittene Österreicher Erich Lifka kam zu Wort und schrieb über die Situation der Schwulen in Österreich. Als in den 1960er Jahren mit Strichermorden in Zürich sich die Stimmung gegen »Der Kreis« drehte und es zu »sittenpolizeilichen« Razzien und Schikanen kam, begann auch die Situation der Zeitschrift prekär zu werden. Die Haupteinnahmebasis des Vereins - die Bälle - versiegte. Gleichzeitig entwickelte sich die Situation der Homosexuellen in anderen Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark in eine konträre Richtung - die Zeichen standen auf progressiv. Die neuen Bewegungen scheuten die Öffentlichkeit nicht mehr. Fortschritte in der Gesetzgebung konnten erzielt werden. Schutzalter und Totalverbote fielen. Pornografiegesetze wurden gelockert. Neue gewagtere Magazine wurden publiziert - von jungen, dynamischen Menschen. »Der Kreis« steckte dagegen in einer Sackgasse fest, wirkte im Vergleich zu den Neulingen auf dem Markt bieder, brav, farblos, trocken und veraltet. Die Zeit der Repression in der Schweiz schien nichts Anderes zuzulassen als Doppelleben und Heimlichkeit. Der Niedergang war für »Der Kreis« somit nicht mehr aufzuhalten. Im Dezember 1967 erschien das letzte Heft von »Der Kreis«. In »Der Kreis - eine Sammlung« sind Texte, Fotos und Grafiken versammelt, die ein Vierteljahrhundert schwuler Geschichte und Kultur abdecken, das ansonsten als dunkles Zeitalter erscheinen würde. Das Buch ist eine wichtige Ergänzung zum Film »Der Kreis« von Stefan Haupt. Und es sei all jenen anempfohlen, die sich mit diesem in Vergessenheit geratenen Aspekt der Homosexuellengeschichte befassen wollen.
(Jürgen empfiehlt - Sommer 2015)
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