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Jan Stressenreuter: Wie Jakob die Zeit verlor

Jan Stressenreuter: Wie Jakob die Zeit verlor

D 2013, 280 S., Broschur,  15.32
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Querverlag
Inhalt
Jakob und Arne sind seit über 10 Jahren zusammen, Jakob hat einen gut gehenden Pflanzenladen und stattet vor allem Büros mit Grünem aus, Arne arbeitet in einem Telekommunikationsbetrieb. Ihre Beziehung bewegt sich in ausgefahrenen Geleisen, sie war ohnehin von Anfang an eher von Zuneigung und Vertrauen denn von Leidenschaft und schäumendem sexuellem Begehren geprägt. Und mit den Jahren haben sich auch viele nervige und die beiden zermürbende Muster in ihre Beziehung eingeschliffen. Das war mit Jakob und seiner ersten, großen Liebe Marius vor über 20 Jahren ganz anders. Jakob und Marius liebten sich innig, wild, hemmungslos, sie hatten Sex an allen möglichen und unmöglichen Orten, ihre Beziehung war einerseits offen für Sex mit anderen, andererseits fühlte sich diese Beziehung fast wie eine exklusive Abhängigkeit an. Doch die Beziehung zu Marius ist vorbei, ein dunkler Schatten aus Jakobs Vergangenheit. Beide hatten sich in den 80er Jahren blind und taub gestellt gegen alles, was man über die sich rasant ausbreitende neue Krankheit AIDS, das sie verursachende HI-Virus und den Schutz vor Ansteckung wissen konnte. Fast schon wie zum Trotz hatten beide ungeschützten Sex mit vielen anderen, in ihrem Rausch an einander und an der Welt schienen sie sich immun gegen jede Anfechtung zu fühlen – ihre positive Diagnose trifft sie darum auch nicht nur wegen der tatsächlichen Lebensbedrohung, sondern auch und umso härter, weil ihre Lebensillusion in sich zusammengebrochen ist. Beide verlieren den Halt im Leben – Marius verweigert sich jeder Behandlung und jeder Vorsichtsmaßnahme, Jakob verliebt sich in einen anderen Kerl und verlässt Marius in seiner größten Not. Erst als Marius im Sterben liegt, kehrt er zu ihm zurück. Marius verloren, noch dazu ihn im Stich gelassen zu haben, liegt seitdem wie ein Nebel über Jakobs Leben, prägt vor allem auch noch nach so vielen Jahren sein Leben mit Arne. Immer wieder misst er Arne an Marius – bis es Arne nicht mehr aushält und einen Schnitt in ihrer Beziehung setzen will. Offenbar haben sich beide in eine ausweglose Situation manövriert, doch da lernen Arne und Jakob unabhängig voneinander den jungen Philipp kennen, der allem eine völlig neue und offene Wendung gibt. – Jan Stressenreuters neuer Roman ist weit mehr als der große Roman der Achtzigerjahre. Geschickt lässt er zunächst die Stimmung der Zeit und das Lebensgefühl in der schwulen Szene vor jedem Kapitel dadurch auferstehen, dass immer eine fiktive Nachrichtensendung vorgeschaltet wird, die jedoch nach den Ereignissen der Weltpolitik die in der Zeit aktuellen Entwicklungen in Bezug auf HIV und AIDS und abschließend die Charts der Pop-Musik bringt. In dieser zeitspezifischen Atmosphäre geht es um Verlust, Leben ohne Perspektive, Hoffnung und unerwartbares Glück. Es ist ein Roman über schwules Selbstbewusstsein, vergangenes und gegenwärtiges, ein Buch, in dem man sich in einzelnen Momenten oder über ganze Passagen finden und selbst beobachten kann. Vor allem aber ist es eine wunderbare und warmherzig erzählte Geschichte über die Verantwortungslosigkeit der Liebe, darüber, wie Liebe rast und zerstört, wo Sex und Begehren aufbauen und wo Vertrauen und Verantwortung erhalten. Für Jakob und Marius gab es nur Liebe – zunächst und vor allem ihre Liebe zueinander, sie schwärmten füreinander, sahen nur sich beide und nur den gegenwärtigen Moment. Diese Liebe machte beide blind – nicht für die Fehler des jeweils anderen, wie die Redensart fälschlich unterstellt, sondern dafür, was eine intime Beziehung jenseits schwärmerischer Liebe ausmacht. Verantwortung und Solidarität blieb hinter der Fixiertheit auf den anderen zurück, zunächst waren sie nur ignorant gegenüber dem Ansteckungsrisiko; und weil Liebe und sexuelles Begehren nicht unterschieden wurden, wurde Marius schließlich von Arne verlassen, als das Begehren für einen anderen stärker wurde. Doch auch, nachdem Jakob seinen Fehler eingesehen hat und zum sterbenden Marius zurückgekehrt ist, sieht er in Marius nichts als den geliebten Menschen. Und so bleibt Jakob auch über Marius’ Tod in Liebe blind auf ihn fixiert, seine gegenwärtige Beziehung zu Arne kann er, obwohl er schon viel länger mit ihm zusammen ist, als er es mit Marius war, immer nur im Vergleich zu diesem sehen. Jakob glaubt, seiner Beziehung zu Arne fehle die Liebe, wie er sie mit Marius hatte, und erkennt erst mit dem Auftauchen Philipps, dass schwules Beziehungsleben von viel mehr bestimmt wird und dass sexuelles Begehren, Fürsorge und Verantwortung viel stärker und dauerhafter aneinander binden, als es brennende Liebe immer nur für den Moment je könnte. Erst indem Jakob sich darüber im Klaren wurde, wie er in seiner Liebe zu Marius nur den Moment gesehen hatte und so die Zeit verlor, konnte er wieder Beziehungsfähig werden – und seine Zeit wiederfinden.
Veit empfiehlt - Sommer 2013
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
E-Book (epub), € 9.99
Taschenbuch, € 15.32
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