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Josef Winkler: Ausgewählte Bücher von Josef Winkler

Josef Winkler: Ausgewählte Bücher von Josef Winkler

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Inhalt
Josef Winkler ist empört. Verständlicherweise. Denn was die Mannen um den toten Landeshauptmann Jörg Haider und dessen Epigonen in Winklers Heimatland Kärnten angerichtet haben, spottet jeder Beschreibung. Der verlotterte, auf Wiener Stützung angewiesene, bankrotte Kärntner Saustall bringt nun aber einen neuen, besonderen Winkler hervor: noch nie war der Autor so politisch explizit, so provokant wie in dem einen seiner beiden neuen Bücher: »Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen«. Diese Salzburger Rede ist als Fortsetzung seiner Bachmann-Rede von 2009 und des Bändchens »Die Wetterhähne des Glücks und die Totenkulterer von Kärnten« gedacht, in denen er bereits den »Versuch einer Gegenwartsbewältigung mit künstlerischen Mitteln« unternommen hat. Immer wieder versucht Winkler das Unfassbare fassbar zu machen – diese unglaubliche Verluderung politischer Sitten, wie sie in Kärnten unter Haider und seiner Buberlpartie gang und gäbe geworden ist, anzuprangern und explizit zu machen. In einem Land, in dem der verunglückte Landeshauptmann durch eine angemaßte Heiligsprechung im Rahmen seines surrealen Totenkultes zunehmend entrückt wird, ist plötzlich keine Kritik mehr erlaubt. Scheinheiliges Schweigen wird über das Land ausgebreitet, obwohl es frischen Wind vertragen könnte. Ehrfurcht, voraus- und hinterhereilende Unterwerfung, Kadavergehorsam sind an die Stelle von dringend nötiger Kritik getreten. Dagegen geht Winkler literarisch-essayistisch an. Da ist eine Landesbank in den Sand gesetzt worden (zusammen mit einigen Milliarden Euro). Diese wird danach scheinbar genial an ahnungslose Bayern verhökert. Und niemand will von den tatsächlichen Zuständen gewusst haben. Da bekommt Klagenfurt für die EM 2008 ein überdimensioniertes Stadion verpasst (mit allen Kosten), um das ebenfalls überdimensionierte Ego des sakrosankten Landeshauptmanns zu befriedigen. Und alles geht wie im Traum durch, ohne dass jemand aufsteht und etwas dagegen sagt. Das System Haider ist ja unantastbar. Viele halten Haider für einen politischen Houdini, der mit seinen Reisen zu Diktatoren wie Hussein oder Ghadafi billiges Öl und wer-weiß-was-sonst-noch-alles locker macht. Aber irgendwann – so wie Haiders Leben – erleidet auch dieser schamlos versprochene Traum eine harte Bruchlandung in der Realität – auf Kosten der Allgemeinheit infolge unglaublicher Leichtsinnigkeit und Verschwendung.

Wenn es sonst niemand tut, dann – das hält Winkler für seine Pflicht – macht er jetzt das Maul auf und stellt die unangenehmen Fragen an die Erben von Haider – ob nun BZÖ, FPK oder FPÖ. Er spricht die Korruption im Lande Kärnten an – das sich unter Haider gerne als Musterländle im politisch verkarsteten Österreich gerierte und im Grunde noch viel schlimmer ist als die anderswo kritisierten Zustände. Diese Chuzpe erzürnt Winker zusätzlich.

Ihm ist bewusst, dass es nicht ausreicht, die Schuldigen und in Korruption Verwickelten zur Verantwortung zu ziehen. Es bedarf eines Schlussstrichs, eines Umdenkens in Kärnten. Und dahin gehend will er auch seine Salzburger Rede verstanden wissen: um etwas in seinem Heimatland zu bewegen – auch wenn es tief im Sumpf steckt und mit der bisherigen Personage an der Spitze nicht mehr dort rauskommt. Er hält eine donnernde Philippika – in der Hoffnung, etwas zum Besseren zu verändern.
Wenn man nun in der Zeit zurückgeht, so hat Josef Winkler Kärntner Zustände schon immer kritisiert. Man denke an »Das wilde Kärnten« - die frühe Trilogie, in deren Mittelpunkt der gemeinsame Selbstmord von zwei Burschen steht, die im Kärnten der 70er Jahre keine Zukunft für ihre Liebe sehen. Die damals romanhaft verpackte Gesellschaftskritik zielte nicht auf Konkretes, sondern die allgemeinen Zustände, die so etwas möglich machten. Stark rieb sich Winkler an der übermächtigen, Furcht erregend patriarchalen Figur des eigenen Vaters, sah sich auch in den eigenen homoerotischen Impulsen bedroht und nutzte Reisen quer über den ganzen Globus zur Flucht aus dem als verpfuscht angesehenen Verhältnis zum Vater und aus dem unrettbar in politischer, religiöser und ideologischer Rückständigkeit – ja Rückwärtsgewandtheit - verbliebenen Heimatlandes. Mit Büchern wie »Das Zöglingsheft des Jean Genet«, »Natura morta« oder »Domra« trat er die Flucht nach vorn an – weg vom Vater, weg von Kärnten. Mit »Roppongi« - im fernen Japan – hat Winkler dann einen Punkt erreicht, von dem aus er es wieder wagt, sich mit dem harten Vater und der eigenen Vertriebenheit aus Furcht vor ihm auseinanderzusetzen – die Rückwärtsbewegung setzt ein. Denn ewig auf der Flucht zu sein bedeutet, irgendwie nicht vom Fleck zu kommen, die Probleme dauerhaft nicht zu lösen.

Nun ist Josef Winkler mit »Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen« wieder in der Kärntner Wirklichkeit angekommen. Nachdem er mit seinem Vater abgerechnet hat, scheut er nun auch nicht mehr die Mächtigen in Kärnten. Er nutzt seinen Bekanntheitsgrad als Bachmann-Preisträger, spricht die Missstände unerschrocken an, kritisiert unsanft den in die Skandale verstrickten Landeshauptmann Dörfler, findet mit seiner geharschten Kritik auch allgemein Gehör – selbst wenn er sich damit in Kärnten nicht beliebt macht.

Ebenfalls jetzt erschienen ist ein Frühwerk von Josef Winkler mit dem Titel »Wortschatz der Nacht« - dieses Buch zeigt uns – anders als »Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen« - einen introspektiven, jungen Winkler. Quasi als Kontrast zum heutigen, hoch politischen Winkler. Innerhalb weniger Nächte hatte Winkler 1979 in einer Art Wortwirbelsturm hundert Seiten rauschhafter Prosa zu Papier gebracht. Hier – ein anderes Leitmotiv in Winklers Werk – kommt die Auseinandersetzung mit dem Sterben, dem Tod, dem Zerfall zum Tragen. Das morbide Element ist überaus zentral im Werk Winklers. Hierzu empfehle ich gerne die nach wie vor lieferbare, glänzende Monographie von Dirck Linck über Winklers Frühwerk mit dem Titel »Halbweib und Maskenbildner« - 1993 in der inzwischen eingestellten Reihe »Homosexualität und Literatur« erschienen. Darin werden Aspekte wie »Totenmasken«, der Tod an sich, »Liebestod«, Selbstmord, Sünde und Bilder der Gewalt eingehend behandelt. In diesen Motivzusammenhang lässt sich nunmehr auch »Wortschatz der Nacht« einordnen, auch wenn das morbide Motiv hier durch einen erhebenden Grundton gebrochen wird: die Todesfurcht nämlich – egal ob als Sehnsucht, Schrecken oder Faszination – kann den Autor anspornen, ein Werk nach dem anderen zu verfassen. Insofern trifft das Paradoxon zu: der Tod – oder die Angst davor - macht lebendig, indem sie das Leben zum Fortschritt, zur Flucht nach vorn antreibt. Die beiden neu erschienenen Bücher von Josef Winkler - »Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen« zum einen und »Wortschatz der Nacht« zum anderen - verbinden zwei Antipoden im Werk Winklers und insofern auch zwei grundverschiedene Phasen seines Schaffens. Mit beiden kann man Winkler sehr gut kennen lernen. Und selbst für den Kenner bedeuten beide Bücher Begegnungen mit dem Autor.

Ausgewählte Bücher von Josef Winkler:

»Wortschatz der Nacht«.
D 2013, 110 S., geb., 15.42

mit Gerhard Maurer, »Wenn wir den Himmel sehen wollen, müssen wir donnern helfen«/ »Saualm reflux«.
Ö 2013, 60 S., Broschur, 7.50

»Das wilde Kärnten«.
D 1995 (4. Aufl. 2012), 849 S., Pb, 18.50

»Das Zöglingsheft des Jean Genet«.
D 2010, 117 S., Pb, 6.17

»Roppongi. Requiem für einen Vater.«
D 2010, 163 S., Pb, 7.20

Dirck Linck: »Halbweib und Maskenbildner. Subjektivität und schwule Erfahrung im Werk Josef Winklers.«
D 1993, 343 S., Broschur, 15.42
Jürgen empfiehlt - Frühjahr 2013
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