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Herta Müller: Atemschaukel

Herta Müller: Atemschaukel

D 2011, 300 S., Pb,  10.27
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Fischer Taschenbuch
Inhalt
1945 marschiert die Rote Armee in Rumänien ein, dessen faschistisches Regime Hitler-Deutschland unterstützt hatte. Zu Tausenden wurden Rumäniendeutsche im Alter von 17 bis 45 Jahren alsbald eingesammelt und vorgeblich zu Aufbauarbeiten in die zerstörte Sowjetunion deportiert. Tatsächlich erwartete die Deportierten eine Tortur aus körperlichen Qualen, Hunger, Kälte, Krankheiten und demütigender Behandlung, Kasernenhaltung, Standrecht, Entwürdigungen jedweder Art. Viele überlebten das Lager nicht. Dem damals 17jährige Leo Auberg aus Hermannstadt ist freilich nicht klar, was auf ihn zukommt. Im Gegenteil, er erwartet sich sogar ein wenig Befreiung durch den Schnitt in seinem Leben, und so stellt er sich fast schon in freudiger Erwartung und wird in einem der ersten Transporte in die Ukraine gebracht. Leo ist schwul und durch seine ausgiebigen Streifzüge durch die städtischen Parks im Sommer und seine Männerkontakte im Schwimmbad im Winter unter den Hermannstädter Schwulen ziemlich bekannt. Und genau diese Bekanntheit macht ihm – nicht unbegründet – Angst, denn Homosexualität ist mit harten Strafen bedroht. Doch schon der Transport im Viehwagen macht deutlich, dass es eine Höllenfahrt werden wird. Fünf Jahre Lagerleben zerbrechen die Menschen, die nach ihrer Rückkehr zumeist nicht über ihre Erlebnisse sprechen wollen. Auch Leo Auberg kapselt sich nach Hermannstadt zurückgekehrt ab, ist zunächst nur zu Hilfsarbeiten fähig. Er flüchtet sich in eine Ehe, und sein Leben wird zunehmend deprimierter und aussichtsloser. Wieder beginnt er, sich nach Männern umzusehen, und wieder scheint die Lage gefährlich zu werden. Schließlich flüchtet er in den Westen, nach Österreich. – Herta Müller hat vor allem über das Lager geschrieben, wie Extremerfahrungen Menschen in ihren Wahrnehmungen und Handlungen verändern. Lange Gespräche mit dem Lyriker Oscar Pastior, mit dem Herta Müller befreundet war und dessen Leben der Roman über weite Strecken abbildet, sind nicht nur ihre Hauptquelle für die Geschichte des Leo Auberg, sondern auch für dessen Weltwahrnehmung. Dabei stechen vor allem die Wortschöpfungen Oscar Pastiors hervor, die Herta Müller aufgegriffen hat und die den Roman leiten. Der Romantitel »Atemschaukel« ist eine solche Wortschöpfung, »Hungerengel«, »Herzschaufel« sind andere. Das beeindruckende ist, dass diese Wortbildungen durch den Roman nicht nur mit Inhalt und Vorstellung gefüllt, sondern so präzise definiert werden, dass sie stärker als einfache Metaphern zu notwendigen Katachresen werden, also Ausdrücken, ohne die der Sachverhalt gar nicht treffend zu beschreiben wäre. Die Präzision dieser Ausdrücke und die Härte der mit ihnen beschriebenen Erfahrungen Leo Aubergs stehen noch dazu in einem ständigen Kontrast zur Schönheit der Sprache des Romans, sowohl hinsichtlich der Wortwahl als auch hinsichtlich des Satzbaus und der Erzählführung. Und mit dieser Spannung aus Negativerfahrung und positiver Aneignung, Abwehr und Vereinnahmung muss nicht nur Leo Auberg leben, auch der Leser gerät in diesen Sog, so dass man immer wieder entsetzt feststellen muss, dass der geschilderte Schrecken nicht einfach als solcher erkannt und abgehakt werden kann, sondern bleibt und weiter Leben und Denken bestimmt. Die bitterste Erfahrung aber könnte für Leo Auberg gewesen sein, dass der Satz seiner Großmutter, den sie ihm 1945 zum Abschied mit auf den Weg gab und der ihn im Lager am Leben erhielt, noch länger als das Lager selbst gefangen hielt. »Ich weiß, du kommst wieder«, hatte sie zu ihm gesagt – und genau das brachte Leo Auberg dahin zurück, woraus er, wie naiv auch immer, hatte entkommen wollen: ein Leben als versteckter Schwuler, ständiger Gefahr ausgesetzt und ohne gesellschaftlichen Halt. Nach Wien geflüchtet, schreibt er eine einzige Karte nach Hause, darauf die Verneinung des Satzes seiner Großmutter: »Ich komme nicht wieder.« Heimatlosigkeit ist nicht nur eine schwule Grunderfahrung, sondern vor allem auch eine große Hoffnung. Oscar Pastior – Leo Auberg in Herta Müllers Roman – ist als Autor im Übrigen selbst ein literarischer Geheimtipp. Vor allem seine Gedichte voller verspielter Wortschöpfungen, seine grafischen Gedichte, Anagramme und seine Zeichnungen zeigen einen ebenso tiefsinnigen wie schwer zu fassenden Menschen. 2006, im Jahr seines Todes, erhielt Oscar Pastior den Georg-Büchner-Preis. Eine schöne Zusammenstellung seiner Werke gibt es in »…was in der Mitte zu wachsen anfängt«, D 2008, 407 S., Broschur, 25,60. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2009)
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