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Francois Roux: Die Summe unseres Glücks

Francois Roux: Die Summe unseres Glücks

Dt. v. Elsbeth Ranke. D 2017, 635 S., Pb,  11.40
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Piper
Inhalt
1981 haben vier Freunde in der Bretagne endlich das Gymnasium hinter und das richtige Leben vor sich. Paul, zugleich der Ich-Erzähler der Geschichte, hat es dabei am schwersten. Noch hat er niemandem gesagt, dass er schwul ist, am allerwenigsten seinen erzkonservativen Eltern, die aus ihm einen Facharzt machen wollen – etwas wofür Paul weder Begabung noch Interesse hat. Immerhin finanzieren die Eltern ihm ein Zimmer und einen Aufbaukurs in Paris, was Paul aber nicht zum Lernen, sondern für den Start in sein neues, schwules Leben nutzt. Als er schließlich seinen Eltern nicht nur verkündet, dass er auf Männer steht, sondern dass er auch noch Schauspieler werden will, muss er sich allein durch die vielen Bars, Betten und Bühnenhäuser schlagen. Seine drei Schulfreunde verfolgen hingegen ganz andere Ziele. Tanguy, das Alphatier der Gruppe, stammt aus einem mittelständischen Unternehmerhaus, besucht eine Elite-Wirtschaftsuniversität und will als Manager Karriere machen. Rodolphe, immer schon politisch interessiert, verliebt sich in die Tochter eines Salon-Sozialisten, der ihm zu einer regionalen Partei-Karriere in der SP verhilft. Und Benoît schließlich, der durch die Abschlussprüfung gefallen war und zum Nachtermin nicht antritt, übernimmt den großelterlichen Hof und pflegt sein Hobby, die Fotografie. Nur einige Jahre verfolgt Pauls Erzählung die Entwicklung der vier Freunde nach 1981, um dann in der Romanmitte ins Jahr 2009, also fast 30 Jahre nach vorn zu springen. Außer Paul, der als Schauspieler zwar immer wieder spannende Projekte verfolgte, jedoch nie einen nennenswerten Erfolg feiern konnte, haben sich alle in ihrem Erwachsenenleben etabliert. Auch Pauls Liebesleben ist im Grunde immer noch so urwüchsig (seine Freunde nennen es chaotisch) wie in seinen Coming-out-Zeiten: Immer wieder glaubt er die große Liebe gefunden zu haben, verfällt schönen aber meistens entweder schrecklich egoistischen oder aber entsetzlich blöden, dafür immer schönen Jungs, die ihn nach kurzer Zeit auch wieder verlassen. Dafür haben seine der Freunde Karriere gemacht. Tanguy als Top-Manager eines amerikanischen Konzerns, Rudolphe ist immerhin ein beachteter Regional-Politiker und Abgeordneter der Nationalversammlung geworden und Benoît ist mit seiner intimen und konzentrierten Fotografie einer der angesehensten Künstler Frankreichs und groß im Geschäft. Alle haben freilich einen Preis gezahlt – oder noch zu zahlen, das Streben nach Glück hat entweder Kompromisse verlangt oder sie gar nicht erst erkennen lassen, worin ihr Glück bestehen könnte. Und gerade in der Darstellung und Entfaltung dieser Allerweltsweisheit, dass nämlich das Streben nach Glück nicht glücklich, sondern oft sogar unglücklich macht, hier beginnt der Roman richtig großartig zu werden.
Denn nun beginnt die erzähltechnische Rafinesse des Romans zu greifen: Paul tritt ja als Ich-Erzähler der Passagen auf, in denen er anwesend ist; sind nur seine Freunde zugegen, ist der Erzählstil auktorial, wobei der gleitende Wechsel der Erzählhaltung mitunter den Anschein erweckt, Paul sei weiterhin der Erzähler auch dieser Passagen. Doch dies kann aus mehreren Gründen nicht sein, zu unbedarft ist Paul in seiner Menschenkenntnis, zu unvereinbar wären sonst die Handlungs- und Gedankenstränge. In Wahrheit ist der Roman aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers geschrieben, der den Leser mit Pauls Perspektive gekonnt in die Irre schickt – zumal das Buch mit einer nachgerade beschaulichen Selbstbetrachtung Pauls versöhnlich endet. Ein fast schon gemeiner Trick, denn die vordergründige Auflösung der vielen Irrwege der erzählten Geschichte könnte leicht als Selbstbetrug erkannt werden.
»Die Summe unseres Glücks« erzählt so die packende Geschichte von Jugendfreunden und was aus ihnen und ihren Träumen wurde, ist aber zugleich eine scharfsinnige Analyse, warum unsere Gesellschaft sich zu dem entwickeln musste, was sie heute ist. François Roux beschreibt mit den vier Freunden nämlich vier große gesellschaftliche Systemzusammenhänge: Wirtschaft (Tanguy), Politik (Rodolphe), Kunst (Benoît) und subventionierte Bohème (Paul). All diese Bereiche hat der Autor intensiv recherchiert, seine Schilderungen der Lebenszusammenhänge der vier Freunde sind minutiös, seine Sachkenntnis überall derart intim und speziell, dass beim Lesen der Eindruck entsteht, man habe es mit einem Schlüsselroman zu tun, womöglich ginge es um konkret identifizierbare Personen. Doch es entwickelt sich eine immer rasanter werdende verwickelte Geschichte um Fehlentscheidungen (Benoît erlaubte sich nie, zu der Liebe seines Lebens zu stehen), vermeintliche Korruption (Rudolphe lässt sich nicht wegen versprochener Gegenleistungen auf etwas ein, was seinen Prinzipien widerstrebt, sondern weil er seinem alten Vater endlich etwas beweisen will) und Systemzwänge (Tanguy hat immer weniger Handlungsspielraum, je höher er in seinem Konzern aufsteigt), bei der sich die Lebensräume alle vier Freunde immer mehr überschneiden und ineinander greifen. Weder im noch gegen ihr jeweiliges System können diese drei jedoch ihr Glück finden. Und Paul? Auch der Ich-Erzähler bekommt sein Fett weg: Sein Streben nach Glück stellte Individualität und das Bekenntnis zu sich selbst in den Mittelpunkt. Im Grunde ist diese Ich-Perspektive aber nichts anderes als eine maskierte auktoriale Perspektive. Sein beschauliches Glück am Ende, versöhnt mit seiner Familie und an der Seite seines neuen Freundes, nichts anderes als eine Flucht in die Anonymität seines Lebensideals, in die Form seines »Systems«. Das hatten seine Freunde eigentlich schon hinter sich - »Die Summe unseres Glücks« ist also auch das spannende Plädoyer gegen den Rückzug des Individuellen ins Private und meint gerade uns Lesben und Schwule.

(Veit empfiehlt - Winter 2015)
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