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Peggy Wolf: Acker auf den Schuhen

Peggy Wolf: Acker auf den Schuhen

D 2014, 192 S., Broschur,  15.32
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Querverlag
Inhalt
Wer war Susann Schütter? »Acker auf den Schuhen« wirft Leserin und Leser in eine beklemmende Situation: Die Hauptfigur des Romans, Susann Schütter, ist nur aus der Perspektive ihrer Familie, vor allem der Mutter und der ihrer beiden Schwestern, zu sehen; hinzu kommt noch das Umfeld ihres ländlich-konservativen Elternhauses. Susann ist tot, hat sich vor kurzem das Leben genommen und muss jetzt beerdigt werden. Das klingt nach einer traurigen oder zumindest bedrück­enden Geschichte, jedoch schafft es Autorin Peggy Wolf die gesamte Erzählung frei von Düsternis zu halten, der Blick auf die emsigen Vorbereitungen ist so klar und scharf, dass er zuweilen erschreckt, oft wütend macht, jedoch regelmäßig wegen der universellen Wahrheiten zum Lachen reizt. Susanns Mutter und die ältere der beiden Schwestern, Betty, sind ideologisch verblendete Katholikinnen, denen vor allem an ihrer Fassade gelegen ist – und eine richtige Fassade wird um ihrer selbst und vor allem für sich selbst gepflegt. So geht es den beiden nicht nur darum, dass ihr Umfeld - Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft - sie als tugendhafte und makellose Gemeindemitglieder sieht, auch sie selbst wollen sich so sehen können. Diese tiefe Wurzel der Verlogenheit, nämlich zuallererst für die eigene Wahrnehmung eine Mauer des Scheins zu errichten, arbeitet Peggy Wolf grandios heraus, deutlich wird vor allem bei der Mutter, wie dieser selbst verordnete Zwang mitunter bei Kleinigkeiten zum Tick wird. Haarscharf manövriert die Autorin dabei den Text an die Grenze der Satire, doch schafft sie es immer, die klare Beobachterin zu bleiben. Dies liegt vor allem an der Figur der jüngeren Schwester Anne, die im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihrer Schwes­ter Susann akzeptierte und den intensivsten Kontakt mit ihr hatte. Freilich dringt sie mit ihren Ansichten nicht durch, schafft es auch nicht, eine echte Gegenposition in der Art aufzubauen, geschweige denn durchzuhalten, dass diese nach außen erkennbar und innerhalb der Familie mit Konsequenzen bewehrt wäre. Um einer vordergründigen Familieneintracht willen bleibt es bei Anne bei einem gelegentlichen Aufflackern von Aufrichtigkeit.
Ein Buch, das alles Zeug dazu hat, zu einem Klassiker zum Thema Herkunftsfamilie von Lesben (und sicher auch Schwulen) zu werden. Zwar ist das Setting sehr konkret und individuell angelegt, jedoch sind die Muster allgemeingültig – und so könnte Susann genauso gut auch in einer protestantischen oder gar religionsfernen Umgebung aufgewachsen sein, die Dynamiken von Familie, Erwartungen und kleinbürgerlichen Schicklichkeiten sind überall die gleichen. Offenkundig war der Roman auch zunächst in einem protestantisch-evangelikalen Umfeld angesiedelt – es gibt einen schlimmen Lektoratsfehler, der darauf hinweist, und die ursprüngliche Wahl der Namen legen noch stärker eine biblisch-religiöse Leitlinie der Interpretation nahe, denn Susanns Schwestern sollten zunächst Becca und Lea heißen: Rebekka, die treue Ahnfrau, Lea, die ewige Zweite etwas maulend im Abseits, und Susanna, unschuldig den obszönen Blicken der anderen preisgegeben. Diese nachgerade symbolisch aufgeladene Sicht hat Peggy Wolf zugunsten eines realistischeren Ansatzes aufgegeben. Denn es geht ihr ja weniger um eine Anklage der Verhältnisse, als um Susann – und was wir nicht von ihr wissen. Deutlich wird dies dann auch durch den literarischen Bruch, den die Autorin nach etwa zwei Dritteln des Romans vollzieht. Peggy Wolf verlässt die Schilderung der verdrängenden Familie und beschreibt, wiederum gebrochen, diesmal durch Rückblende und Annes Erinnerung daran, wie die Familie mit »der Sache«, will heißen: der Tatsache, dass Susann lesbisch war, umging. Wie hilflos gegenüber der Jugendlichen mit Drohungen, Verboten, ja sogar Therapien und psychiatrischen Anstalten gearbeitet wurde, wie später – nach dem Scheitern dieser Strategien – mit Ignorieren und Verschweigen die Illusion genährt wurde, »die Sache« gäbe es gar nicht. Das faszinierende von »Acker auf den Schuhen« bleibt aber die vereinnahmende Klarheit von Sprache und Erzählführung, eine Kombination, die ein echtes Lesevergnügen bereitet – und weil es zugleich eine so harte Geschichte ist, die in dieser Weise erzählt wird, zeigt uns Peggy Wolf, wie unerbittlich die Familie in all ihren Routinen tatsächlich die Keimzelle für Manipulation, Gewalt und Zerstörung in unserer Gesellschaft ist, ohne sich dabei mit Schuldzuweisungen zu verheddern oder auf eine trotzige Anklageposition zu versteifen. Ein wahrhaft aufklärerischer Roman.

(Veit empfiehlt - Winterkatalog 2014/15)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
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Taschenbuch, € 15.32
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