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Urs Zürcher: Der Innerschweizer

Urs Zürcher: Der Innerschweizer

CH 2014, 720 S., geb.,  35.90
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Bilger Verlag
Inhalt
Schon die Rahmengeschichte des Romans verspricht eine eigenwillige Sicht der Dinge, intim und distanziert zugleich: Ein junger Kerl kommt Ende der 1970er Jahre aus der Innerschweiz in die Universitätsstadt Basel und erlebt dort die 80er Jahre in einer linken Wohngemeinschaft. Seine Beobachtungen hält er in einem schreibmaschinengeschriebenen Tagebuch fest, das Konvolut gelangt über eine WG-Genossin, die zugleich Kontaktfrau des Schweizer Staatsschutzes ist, in die Hände eines behördlichen Spitzels. Dieser versieht das Manuskript mit Anmerkungen, doch die Geschichte überholt ihn: Seine Erkenntnisse werden nicht mehr gebraucht. Todkrank vermacht der Spitzel das Typoskript einem guten Freund mit der Bitte, es zu veröffentlichen. »Der Innerschweizer« ist also formal ein kommentiertes Tagebuch der 80er Jahre; der unmittelbare Blick des Tagebuchschreibers wird dabei immer wieder gebrochen, indem die spärlichen Kommentare des Spitzels den Lesefluss unterbrechen, den Schreibstil des Tagebuchs der Attitüde zeihen oder Beobachtungen als Irrtümer oder gar bewusste Falschaufzeichnungen entlarven. Weil das vermeintliche Tagebuch rasant und packend geschrieben ist (eigentlich müsste man den Roman einen echten Page-Turner nennen), wäre »Der Innerschweizer« allein so schon ein großer literarischer Lesespaß, der vorführt, wie leicht manipulierbar wir beim Lesen sind, wie wir uns in einen Duktus der Ich-Perspektive fallen lassen, auch völlig Unwahrscheinliches hinnehmen, wenn ein Bericht beispielsweise nur gekonnt genug auch Alltägliches einfließen lässt; wie wir uns aber auch empört vom Autor abwenden, wenn eine kleine geschickt platzierte Anmerkung alles zuvor für wahr gehaltene als Lüge erscheinen lässt. Doch wie Wahrheit und Lüge oder besser: Fakten und Fiktionen ineinander übergehen, ihre Grenzen immer schwerer unterscheidbar werden und wie Fiktionen und Lügen oft klarer über Fakten und Wahrheit Auskunft geben als letztere selbst – das ist die zweite, inhaltliche und noch viel aufregendere Dimension von »Der Innerschweizer«. Die weltpolitischen Berichte beginnen mit dem Wechsel des Jahrzehnts zu den 80er Jahren ganz so, wie wir sie kennen: herausragend vor allem die Solidarnosc-Bewegung in Polen und der Umsturz in Iran. Doch dann kommt alles ganz anders, denn die UdSSR kann die polnischen Unruhen erfolgreich unterdrücken, durch außenpolitische Zufälle entwickelt sich Iran nicht zum Erzgegner, sondern Verbündeten der USA. Dies alles protokolliert »U.«, der Innerschweizer in seinem Tagebuch aus einer zunächst relativ gemütlichen Beobachtungs-Perspektive der nicht weiter betroffenen Schweiz. Was ihm dabei völlig entgeht, ist, wie er selbst immer tiefer in die Aktivitäten seiner WG verstrickt wird. Eigentlich wurde er von den eingefleischten Linken nicht weiter ernst genommen, doch der ideologische Kopf der WG (und heimliche Protagonist des Romans), »Hegel«, ist völlig in U. verliebt und versucht, ihm dadurch nahe zu sein, indem er ihn an den subversiven Aktionen der WG teilnehmen lässt. U. ist zwar schon aufgefallen, dass es einige schwule Freunde in Hegels Umfeld gibt, doch in seiner völligen Unbedarftheit hat er Hegels Annäherungsversuche lange nicht verstanden. Nach einem klärenden Gespräch ist U. zwar zunächst völlig aufgewühlt, bleibt aber in der WG und lässt sich weiter in deren Aktionen einbinden, auch wenn Hegel nach einiger Zeit sogar einen Liebhaber mitbringt. Schließlich geht eine Aktion schief: Anstelle der eher symbolisch gedachten Sachbeschädigung eines Staatsgebäudes wird ein Agent der UdSSR durch den Sprengsatz der linken Zelle getötet. Polizei wie Diplomatie gehen von einem antisowjetischen Attentat aus, die Ereignisse überschlagen sich, bis es zum Krieg kommt und die Sowjetunion in den Süden der BRD und Teile der Schweiz einmarschiert. Unter völlig neuen Bedingungen mutiert Hegel und seine Truppe zu einer straff organisierten Schmuggler- und Hehlerbande, die in der Zeit allgemeinen Mangels ein enormes Vermögen anhäuft. Die Geschichte der 80er Jahre verläuft also völlig anders, als es unsere Chroniken verzeichnen, freilich nur, um im Zusammenbruch des Ostblocks und damit der Welt zu enden, die wir auch kennen. »Der Innerschweizer« bietet also ein großes Was-wäre-wenn-Spektakel auf, nur um da anzukommen, wohin uns auch die Realität geführt hat. Freilich sind unterwegs auch immer wieder Ereignisse vermerkt, die sich tatsächlich so abgespielt haben – die gekonnte Illusion errichtet keine Gegenwelt, sondern verbiegt die Realität. Und so hat man beständig beim Lesen das Gefühl, mehr über die 80er Jahre zu erfahren, als jede noch so faktenreiche Reportage vermitteln könnte. So kann man »Der Innerschweizer« als großes Vexierspiel lesen, das uns lehrt, mehr den Fiktionen als den Fakten zu vertrauen, ja auch der Lüge und dem Schwindel wieder eine Wertschätzung entgegenzubringen, die sie am Anfang der abendländischen Hochliteratur schon einmal hatten. Doch genau wie der antike Lügner Ulysses, mit dem der Tagebuchschreiber mehr als nur die Initiale des Namens teilt, erzählt »Der Innerschweizer« vor allem eine unglaubliche Abenteuer- und Räubergeschichte, er berichtet von Menschen, die umso sympathischer werden, je unmoralischer ihr Leben wird, und er zeigt, wie Ziel, Resultat, Heimkunft eher öde Fluchtpunkte dessen sind, was man zeitvergessen über hunderte Seiten liebgewonnen hatte: Eine große Geschichte.
(Veit empfiehlt - Herbst 2014)
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