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Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

D 2011, 222 S., geb.,  22.51
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Suhrkamp
Inhalt
So wie früher der Marxismus-Leninismus die unumstößliche Ideologie darstellte, der sich alles unterzuordnen hatte und die es zu vertreten galt, ist nun für Inge Lohmark, seit 30 Jahren Lehrerin im ostdeutschen Vorpommern, an deren Stelle der absolute Biologismus getreten. Die ganze Welt erscheint der 55jährigen durchdrungen von den Gesetzmäßigkeiten der Biologie und der Natur. Über allem regieren Vererbungslehre und Evolution, zu deren eiserner Verfechterin die etwas verhärmte Lehrerin geworden ist. Alles sei Anpassung und Selektion. Überall lauere die Auslöschung, das Aussterben. Der Mensch würde durch seine Gene regiert. Als bestes Beispiel steht für sie die Einöde Vorpommerns, in der sie in einer Kleinstadt unterrichtet. Die Menschen wandern ab in den Westen. Niemand heiratet mehr. Und zu wenige Kinder werden auch in die Welt gesetzt. Irgendwann - so Inge Lohmarks Überzeugung - wird sich die Natur dort die Bildungswüste gnadenlos zurückholen. Bis dann kämpft sie weiter gegen den Strom an. Dabei sind für sie ihre Schüler nichts als disziplinloses Unkraut, Parasiten, die ihr die Energie aussaugen, irrwitzige Wucherungen, die es zurechtzustutzen gilt, will die Menschheit überleben. Zu dumm, dass Inge auf diese Nichtsnutze und Störenfriede angewiesen ist. Denn eigentlich verachtet sie diese unreifen Früchtchen zutiefst. Jede Stunde, in der sie vergeblich versucht ihr wichtiges Wissen an die nachfolgende Generationen weiterzugeben, bedeutet nichts als Perlen vor die Säue werfen. Unfassbare Verschwendung, denn die Pubertierenden sind im Strudel ihrer Hormone gefangen und können an nichts Anderes denken als an sich selbst und ihre Probleme. Doch Inges Arbeitsplatz ist gefährdet: in dieser ländlichen, von Abwanderung betroffenen Einöde von Neufünf­land gibt es immer weniger SchülerInnen. 12 sind noch übrig - der letzte Jahrgang. In ein paar Jahren ist damit Schluss, weil im Schulbezirk nicht mehr genügend Kinder im schulpflichtigen Alter vorhanden sind - sie sollen auf umliegende Schulen verteilt werden.. Inge Lohmarks Position würde damit hinfällig werden. Sie sieht für sich keine Zukunft an einer anderen Schule. Dafür ist sie längst zu alt. Im Grunde betrachtet sie das Ganze eher mit einem lachenden Auge: einerseits erfüllen sich wunderbar auch in diesen gesellschaftlichen Zusammenhängen die Gesetze der Evolution - mit Veränderungen, Anpassung, Selektion und Aussterben; andererseits ist sie die lästigen, kleinen Kreaturen, die ihr das Leben (und den Beruf) immer so schwer gemacht haben, endlich los. Noch etwas länger - und sie kommt ins Rentenalter. Dann muss sie sich um das Finanzielle keine Sorgen mehr machen. Auf keinen Fall wird sich Inge Lohmark auf das Niveau ihrer KollegInnen herablassen, die sich mit ihren Untergebenen, den Schutzbefohlenen gemein machen, sich duzen lassen, die unumstößliche Tischordnung der Klassenzimmer zu halbrunden oder - schlimmer - gar runden, legeren Arrangements umstürzen. Sie rümpft die Nase gegenüber solchen Schwächlingen, die in den Evolutionsprozessen des Klassenzimmers nach dem Grundgesetz des »Survival of the Fittest« eindeutig den Kürzeren ziehen werden und so dem unabwendbaren Untergang geweiht sind - personifiziert in ihrer Antipodin Frau Schwanecke, die sich unter ihren Schülern wie ein primus inter pares geriert und stets freundschaftlich mit ihren SchülerInnen umgeht. In Inge Lohmarks Augen haben solche Pädagogen den Kampf gegen die SchülerInnen längst verloren. Nur in einer Position der Härte, der Unnachgiebigkeit kann man sich durchsetzen. Das heißt: Frontalunterricht. Keine Schwächen zeigen! Auch hier wäre nach Inge Lohmark die Logik des Darwinismus prinzipiell anzuwenden. Mit allen Vieren stemmt sich Inge Lohmark gegen eine unabwendbare Erkenntnis. Egal, wo sie hinschaut, will sich einfach niemand diesen allgemeingültigen, ehernen Gesetzmäßigkeiten der Natur und der Biologie beugen. Auf ihre SchülerInnen hat sie ja nur mäßigen Einfluss. Aber selbst ihre eigene Familie - Tochter Claudia und Ehemann Wolfgang - steht im krassen Widerspruch zu allem, was in der Evolutionstheorie quasi in Stein gemeißelt zu sein scheint. Ihre Tochter hat sich eilends aus dem Staub gemacht, um sich ja nicht den Fortpflanzungsvorgaben ihrer Mutter stellen zu müssen. Mit ihrem Ehemann hat Inge gerade einmal ein einziges Kind in die Welt gesetzt. Doch bei den Einstellungen ihrer Tochter erscheint es fraglich, ob sich diese Anstrengung für den Arterhalt auch gelohnt hat. Wolfgang scheint überhaupt mehr Interesse am Fortkommen anderer Spezies zu haben als an dem seiner eigenen: zu DDR-Zeiten war er für die Besamung von Kühen in den Genossenschaften zuständig - nun beschäftigt er sich mit der Zucht von Straußen. Seine Frau Inge sieht er nur noch selten. Und als wäre all das nicht schon Anfechtung genug, gerät nun auch noch Inges eigenes Liebesleben auf Konfrontationskurs zu ihren biologistischen Ansichten. Das völlig Unerwartete geschieht: Inge Lohmark verliebt sich aus heiterem Himmel in eine ihrer Schülerinnen - eine aus der 9. Klasse. Da spürt sie plötzlich eine (durchaus auch körperliche) Anziehungskraft an einer Stelle, an der es sie nach Inge Lohmarks Überzeugungen eigentlich gar nicht geben sollte. Sie biegt es sich zurecht, indem sie sich einredet, dass sie ihre Schuldigkeit für das Fortkommen der Menschheit schon erfüllt hat. Im Durcheinander der eigenen Gefühlswallungen bekommt die lang gediente Pädagogin gar nicht mit, wie eine andere ihrer Schülerinnen von Mitschülern gemobbt wird. Immer weniger wird Inge Lohmark selbst den hochgehaltenen Ansprüchen gerecht: trotz Kritik klebt sie an ihrem Unterrichtsstil, der lange überholt ist; ihr selbst gelingt die Anpassung nicht; immer mehr ihres Lebens, das sie so eisern im Griff zu haben glaubte, entgleitet ihr, ebenso der Anschluss an eine sich stetig weiterentwickelnde Welt. Diese wirklich groteske und doch so real wirkende Geschichte bringt einige aktuelle Probleme, die den deutschen Osten derzeit prägen, auf den Punkt: Entvölkerung, Landflucht, Bildungswüste, Untergangsstimmung - in einer Konsequenz, die bei aller Prägnanz der Worte eine massive Wucht und zugleich eine immense Sogwirkung entfaltet. (Jürgen empfiehlt, Winter Katalog 2011)
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