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David Lagercrantz: Der Sündenfall von Wilmslow

David Lagercrantz: Der Sündenfall von Wilmslow

Dt. v. Wolfgang Butt. D 2017, 464 S., Pb,  11.40
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Piper
Inhalt
Alan Turings Geschichte war lange auch unter Schwulen seltenes Wissen Interessierter; immerhin ist sein Name, sein großer Verdienst für den Sieg über Nazi-Deutschland und die Tatsache, dass er schwul war, mittlerweile bekannter geworden – nicht zuletzt durch den Film »The Imitation Game« mit Benedict Cumberbatch. David Lagercrantz erzählt Alan Turings Geschichte jetzt aber neu und mit einem spannenden Perspektivenwechsel gelingt es ihm, den schwulen und selbstbewussten Alan Turing nicht nur als Anhang zur Geschichte des genialen Mathematikers und Erfinders des modernen Computers aufzufassen, sondern im Gegenteil Turings Homosexualität und sein unbefangenes und promiskes schwules Leben ins Zentrum seines als spannender Krimi geschriebenen biografischen Romans zu stellen. – Leonard Correll ist der Polizist, der 1954 Alan Turings Tod untersucht und mit seinem Bericht bestätigen soll, dass es sich um Selbstmord handelte. Doch je mehr er in Alan Turings Wohnung und in seinem Umfeld recherchiert, umso mehr Widersprüche tun sich auf, die Zweifel an der zunächst so eindeutig erscheinenden Diagnose des Freitods aufkommen lassen. Alan Turing war von der Idee besessen gewesen, eine Maschine zu erschaffen, die nicht nur menschliches Denken abbilden kann; er war darüber hinaus auch davon überzeugt, dass Spontaneität und Gefühle von einer Maschine abgebildet und irgendwann einmal auch hervorgebracht werden könnten. Alan Turing wollte mit dieser Idee zumindest versuchen, etwas von seiner ersten großen Liebe wiederbeleben zu können: Christopher hatte dem damals 17jährigen Alan zum ersten Mal das Gefühl gegeben, am Leben zu sein, doch Christopher war an den Spätfolgen einer Infektion früh gestorben. Als Mathematiker bekam er während des zweiten Weltkrieges die Gelegenheit, eine »denkende Maschine« zu bauen – der britische Geheimdienst stellte Turing ein, um den unvorstellbar komplexen Code der deutschen Enigma-Verschlüsselungsmaschine zu knacken. Dies gelang, Turings Arbeit trug maßgeblich zur Verkürzung des Krieges bei, doch hielt sich die britische Regierung mit Ehrungen zurück. Als Schwuler war Turing prinzipiell verdächtig, schon während des Krieges wurde gegen Turing gemobbt, in der aufgeheizten homophoben Stimmung der 50er Jahre schließlich ließ man Turing ins offene Messer laufen. In einem Prozess gegen ihn wegen seiner schwulen Affären zeigte sich Turing stolz und selbstbewusst, er akzeptierte nicht, dass seine Sexualität verwerflich oder gar illegal sein sollte. Nicht nur in seinem mathematischen Denken war Turing also seiner Zeit weit voraus – doch weil er sich nicht wegduckte, wurde er zu einer Hormontherapie verurteilt, eine grauenvolle Erfahrung für Turing, körperlich wie seelisch. Für den ermittelnden Kommissar Leonard Correll in Lagercrantz‘ Roman freilich setzt sich diese Biografie nur nach und nach zusammen, in die mathematischen Themen muss er sich erst mühevoll einlesen, dem schwulen Leben Turings steht er zunächst ablehnend gegenüber. Es ist jedoch genau die Figur des etwas unbedarften, mitunter auch ungeschickten Polizisten Correll, die den Roman so mitreißend macht. Er ist eben nicht ausgebildeter Mathematiker, der Turings Ideen routiniert erklären könnte, sondern muss sie sich als Laie anlesen, vieles bleibt ihm unverständlich, aber mit ihm bekommt man beim Lesen das Gefühl, das Wesentliche, die Grundlinien des Turing’schen Denkens zu verstehen. Und – aus heutiger Sicht schon fast befremdlich – gerade weil Correll ein Kind seiner Zeit ist und zunächst Schwulen reserviert bis angewidert gegenübersteht, bekommt man als Leser nicht nur ein Gefühl für die Zeit, die Schwule nachgerade hysterisch verfolgte; man bekommt zugleich auch ein Gespür dafür, was es in einer heterosexuell beherrschten Welt bedeutete (und immer noch bedeutet), sich von der abschätzigen Sicht auf Schwule zumindest offiziell nach und nach zu verabschieden. Neben einer verständlichen und dramaturgisch mitreißenden Beschreibung des Lebens und Denkens von Alan Turing ist Lagercrantz mit der Figur des Leonard Correll so noch eine weitere Darstellung geglückt, nämlich die Darstellung des unbeholfenen Blicks der Außenwelt auf Schwule. Denn nicht nur der von Wahnvorstellungen geprägte, oft hysterische Blick der deklarierten Schwulenhasser, wie er auch im Westen noch bis vor wenigen Jahrzehnten Standard war, geht an der Wirklichkeit schwulen Lebens vorbei; auch der heterosexuelle Blick, der sich um Verständnis, Achtung und zuweilen sogar Anerkennung des schwulen Mitmenschen bemüht, bleibt letztlich immer noch verschleiert, echte Klarheit ist ihm offenbar unerreichbar. – Ein aufrichtiges Buch also, eine schwule Lebensgeschichte, die ebenso berührt wie die Dramaturgie ihrer Erzählung darüber zum Nachdenken anregt, was unsere eigene Stellung in der Welt ausmacht und was wir uns von der Mehrheitsgesellschaft erwarten (können) – und was nicht.
(Veit empfiehlt - Frühling 2016)
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