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Markus Dullin: Im letzten Licht der Dämmerung

Markus Dullin: Im letzten Licht der Dämmerung

D 2015, 240 S., Broschur,  17.40
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Querverlag
Inhalt
1984 geht Alexander überstürzt als Lehrer an eine deutsche Schule in Kenia. Es ist eine Flucht – doppelt lügt er sich dabei selbst in die Tasche. Denn weder stimmt es, dass er bloß Abstand von seinem Leben in Berlin braucht und die sexuelle Untreue seines Freundes nichts mit seinem Wegzug zu tun hat, noch dass er - wie sein ganzer Freundeskreis glaubt – vor nichts anderem davonläuft, als dass sein Freund, von dem er sich nicht einmal richtig verabschiedet geschweige denn trennt, genau jetzt seine Hilfe braucht. Alexander tut so, als sei Kenia bloß eine Unterbrechung, dabei zieht er mit all seinen Habseligkeiten, aufwändig in einem riesigen Container verstaut, nach Afrika. Dort angekommen fügt er sich nur schwer in die kleine deutsche Gemeinde. Offiziell weiß natürlich niemand, dass er schwul ist, doch bleiben alle Freundschaften merkwürdig oberflächlich. Auch zu den Einheimischen bleibt immer eine deutliche Distanz, zu deutlich ist das hierarchische Gefälle, auch wenn offiziell alle so tun, als sei die Kolonialzeit lange vorbei. Einzig zu Philip, dem Neffen seiner Haushälterin, baut sich ein etwas intimeres Vertrauensverhältnis auf. Ihm hat er erlaubt, unentgeltlich in seinem ohnehin zu großen Haus zu wohnen, er lernt für einen Schulabschluss, der ihm ein Ingenieurstudium ermöglichen soll. Alexander verliebt sich in Philip, traut sich jedoch nicht, dies deutlich auszudrücken. Zudem eskaliert ein Schulskandal, als einer von Alexanders Schülern behauptet, Alexander habe ihn sexuell belästigt. Dabei war es genau umgekehrt, der Schüler versuchte selbst in seiner Verzweiflung, als Schwuler in Afrika völlig isoliert zu sein, Alexander, seinen Lehrer, in einem unbeobachteten Moment zu küssen. Die in den 80er Jahren immer noch spießige Maschinerie reagiert prompt, suspendiert Alexander vom Dienst; alle sozialen Kontakte reißen schlagartig ab. Doch auch als letztlich die Wahrheit zu Tage tritt – Alexander sieht für sich in Afrika keine Zukunft mehr und will nur noch zurück nach Berlin. Der autobiografisch geprägte Roman – Markus Dullin hat die geschilderte Zeit als Schüler selbst in Kenia erlebt – hat mir vor allem deswegen außerordentlich gut gefallen, weil er so eindrücklich vorführt, was sich in den letzten 30 Jahren an unserer Selbst- und Weltauffassung geändert hat. Dies geschieht, das macht das Buch zu einem besonderen literarischen Erlebnis, allein durch Romanstruktur, Erzählführung und Stil. Das spannende und völlig neue daran ist, dass er diese Veränderung zugleich als eine Veränderung des europäischen Afrikabildes einerseits und der Selbst- und Fremdwahrnehmung von uns Schwulen andererseits darstellt. Dies geschieht literarisch sehr geschickt dadurch, dass der Roman sich zunächst ausdrücklich auf Tania Blixens »Jenseits von Afrika« und vor allem die fast schon normative Verfilmung dieses Romans mit Robert Redford und Meryl Streep bezieht: »Ich hatte keine Farm in Afrika …« - Der Beginn von Markus Dullins Roman zeigt schon programmatisch, dass hier ein Bild zurecht gerückt werden soll. Doch es wird eben nicht unserer heutigen Auffassung kontrastiert, sondern einer Geschichte der 80er Jahre. Auch damals schon war das verklärte und romantisierende Bild, dem alle Welt nachschmachtete, völlig realitätsfern. Doch ebenso merkwürdig wirkt die ebenso packende wie realitätsnahe Geschichte Alexanders, die dann erzählt wird, für uns heute. Mir ist zunächst der Fehler unterlaufen, dass ich (ohne dafür irgend einen Anhalt zu haben) irrig vorausgesetzt hatte, »Im letzten Licht der Dämmerung« spiele in der Gegenwart; nur um sogleich mich irritiert zu fragen: Was ist hier los, das klingt ja so, wie man vor 30 Jahren geredet und gedacht hat. Und so bewegt man sich beim Lesen immer in einer doppelten Distanz, einmal dazu, Afrika nicht zu idealisieren und zu romantisieren, dann aber auch immer im Bewusstsein, dass für uns auch die 80er Jahre eine zum Glück überwundene Zeit sind. Hierdurch entsteht unwillkürlich eine eigene, unbefangene Sicht, mit der auf einmal die Schönheit der Naturschilderungen genauso genießen kann, wie ein differenziertes Bild von Alexander entsteht, den man zunächst für einen eher feigen Menschen halten konnte, mit dem man nicht unbedingt zu schaffen haben mochte. Denn indem Alexander immer stärker als Kind seiner Zeit erscheint, werden die Schubladen, in die man seine Motive wie Flucht, Selbstbetrug oder Feigheit vorschnell ablegt, als Bewertungen von außen erkennbar. Alexander selbst will und sucht offenbar etwas ganz anderes – etwas, das eher eine Ahnung, für das Afrika der Schlüssel sein könnte.
Ein moderner, schwuler Bildungsroman, der ein ebenso großer Lesegenuss wie nachdenkliche Anregung ist.

(Veit empfiehlt - Winter 2015)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
E-Book (epub), € 9.99
Taschenbuch, € 17.40
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