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Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn

Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn

CH 2014, 402 S., geb.,  23.54
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Diogenes
Inhalt
Jacob Tolmeyn ist Kunsthistoriker im Berlin der späten Kaiserzeit. In der Halbwelt der damaligen schwulen Kneipen hat er den schönen Niki kennen gelernt und sich völlig in ihn verliebt. So merkt Jacob auch lange nicht, dass er einem Hochstapler und Betrüger aufgesessen ist. Doch als Jacob schließlich erkennt, dass sein Liebhaber ihn nur ausnutzt, beginnt Niki ihn zu erpressen. Darum nimmt Jacob eine Stelle in Rom an, für die er eigentlich überqualifiziert ist: Fortan sichtet er an einem kleinen deutschen Institut Dokumente, die der Vatikan gerade zur Forschung freigegeben hat. In diesem Institut arbeitet auch Beat als Aushilfe, ein ehemaliger Schweizer Gardist; ehemalig offenbar deshalb, so ahnt man im Laufe der Geschichte, weil die Affäre mit seinem Hauptmann aufgeflogen war. Freilich, Jacob und Beat können anfangs nur schwer miteinander, zu unterschiedlich sind ihre beiden Charaktere. Jacob ist ein feinsinniger Kunstmensch, der die Großstadt liebt, Beat dagegen ist ein eingefleischtes Landkind, bodenständig und praktisch veranlagt – für Jacobs Geschmack eindeutig zu grobschlächtig. 1913 werden die beiden beauftragt, Reisen nach Süditalien zu unternehmen, um dort die Reste der staufischen Bauten Friedrich II. zu sichten, katalogisieren und mit der neuen Technik der Fotografie zu dokumentieren – Kaiser Wilhelm selbst steht hinter Auftrag und Finanzierung. Auf diesen Reisen kommen sich Jacob und Beat naturgemäß näher, doch beide sind wegen ihrer bisherigen Erfahrungen stark in Ängsten gefangen und umgeben sich mit einem Panzer aus Vorsicht. Die dritte Forschungsreise im Frühherbst 1914 muss dann auch abgebrochen werden, weil Italien die Fronten wechselt und Deutsche nicht länger in Italien bleiben können. Zurück in Berlin macht sich Jacob verdächtig, die allgemeine Kriegshysterie bringt ihm ein polizeiliches Verhör ein, in dessen Verlauf der ermittelnde Polizist intuitiv richtig eine Verbindung zum aktenkundigen Erpresser Niki herstellt, von dem Jacob glaubt, dass er tödlich verunglückt sei und er, Jacob, daran schuld. So nimmt das Verhör einen verhängnisvollen Verlauf. – Christoph Poschenrieder erzählt die Geschichte von Jacob und Beat im Rückblick, eingefügt in ein Polizeiverhör, das harmlos beginnt und eine beeindruckende Eigendynamik entwickelt. Die Fragen des Polizisten werden nämlich immer konkreter und nehmen Jacob schließlich richtig in die Zange. Gleichzeitig verändert sich die Motivation des Polizisten: Obwohl er eigentlich sogar für die Abschaffung des Verbotsparagrafen 175 eingetreten ist, will er je länger je mehr Jacob in die Ecke treiben – gerade weil Jacob schwul ist. Jacob hingegen verfällt zunehmend der Resignation und wird so ein williges Opfer. Mit der Ebene des packenden Verhörs, das dem Roman zuweilen die Dimension eines Krimis gibt, werden zwei weitere Erzählebenen verflochten. Einmal die Geschichte Jacobs und Beats, eine sehr zart erzählte Geschichte einer Annäherung zweier schwuler Männer, die sich erkennbar gerade deswegen von einander angezogen fühlen, weil sie spüren, dass sie überhaupt nicht zueinander passen. Die dritte Erzählebene gibt dem Roman noch eine besondere Brisanz: Der Autor lässt den ermittelnden Polizisten etwa 15 Jahre später in seinen Memoiren rückblickend von dem Verhör berichten, das er mit Jacob geführt hatte. Diese Memoiren sind nicht nur der Schlüssel zu den Motiven des Polizisten, sondern auch zum weiteren Schicksal von Jacob und Beat. Die drei Ebenen werden im ständigen Wechsel erzählt und es entsteht der Eindruck, als ob drei archäologische Schichten übereinander lägen und je weiter man nach unten dringt, umso unschärfer werden die Funde und Beobachtungen. Und so wird »Das Sandkorn« auch zu einem Buch schwuler Erinnerung und Vergangenheits-Rekonstruktion: Die Geschichte der Liebe zweier Männer wird überlagert von der bürokratischen Ebene des Verhörs und deren tatsächliche Hintergründe deuten sich in den subjektiven Memoiren eines Außenstehenden an. Diese Memoiren eines Polizisten, der aus rein polizei-pragmatischen Gründen Magnus Hirschfeld bei der Bekämpfung des § 175 unterstützte, gibt es tatsächlich – ebenso wie die Reise zweier Kunsthistoriker zur Erschließung der staufischen Ruinen am Anfang des letzten Jahrhunderts. »Das Sandkorn« ist also ein echtes schwules Erinnerungsbuch, es zeigt beispielhaft nicht nur den Umgang mit Schwulen, sondern auch wie wir Geschichte in Geschichten umsetzen – und dies als fesselnde kriminalistische Liebesgeschichte.
(Veit empfiehlt - Sommer 2014)
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