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Thomas Pregel: Die unsicherste aller Tageszeiten

Thomas Pregel: Die unsicherste aller Tageszeiten

D 2013, 372 S., geb.,  24.56
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Größenwahn - Reihe Q
Inhalt
Er sieht gut aus, ist berühmt und mittlerweile auch wohlhabend – mit seiner Bilderserie, die schwule Sexualität, Gewalt und Besessenheit darstellen, ist ein junger Maler zum Shooting-Star der Kunstszene geworden. In seiner Malerei verarbeitet er seine dunkle Seite, die er ebenso kultiviert wie sie ihn abstößt: Er ist sexsüchtig, vor allem Barebacking gibt ihm den Kick, der ihn immer wieder in die schwulen Clubs Berlins, auf Klappen und in Parks treibt. So auch in der vergangenen Nacht, als es ihn einfach wieder überkam, er loszog und auf der Toilette eines Clubs mit einem vermeintlich Unbekannten das Kondom wieder einmal bewusst weggelassen wurde. Doch als der Kerl ihn darauf ansprach, dass sie sich bereits von geraumer Zeit bei einer unsafen Gruppenparty begegnet waren, kehrt sich die eben noch empfundene Befriedigung in Ekel vor sich selbst um. Denn Nähe und Bindungen, und sei es nur die bekundete Zuneigung eines Mannes, der ihm eben noch den gewünschten Genuss verschaffte, verunsichern ihn, können ihm geradezu körperliches Unwohlsein bereiten. Den Rest der Nacht übersteht er eher qualvoll und verlässt am nächsten Morgen sofort die Stadt, um auf der Nordseeinsel Föhr, die er zärtlich seinen Sehnsuchtsort nennt, Ruhe zu finden. Auf der Fahrt dorthin lässt ihm die Frage keine Ruhe, wie er zu dem werden konnte, was er jetzt ist. Aufgewachsen in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein in einem kleinbürgerlichen Elternhaus gelang ihm später rasch die Emanzipation von seiner Herkunft. Woher kommt also seine Obsession nach ungeschütztem Sex, warum lässt er seine Männer stets ebenso kalt liegen, wie sie ihn eben noch heiß gemacht haben? Weder die Fahrt nach noch der Aufenthalt auf Föhr kann ihn jedoch beruhigen, ihm wird – wieder einmal – klar, dass er in seinem Leben grundsätzlich etwas ändern will und muss; darum fährt er bereits am nächsten Tag zurück nach Berlin. Die rasch zusammenzufassende Handlung – eine überstürzte Fahrt auf eine Ferieninsel und die ebenso planlose Rückkehr am nächsten Tag – geben den Rahmen für die zunächst locker sich aneinanderreihenden Erinnerungen an Kindheit, Coming-out, schwule Emanzipation und erste Liebesbeziehungen. Verstärkt wird der Eindruck einer Lebenserzählung durch die Ich-Perspektive, in der der Roman verfasst ist. Und so liest sich Thomas Pregels »Die unsicherste aller Tageszeiten« auf einer ersten Ebene auch als Beschreibung eines schwulen Lebens, das freilich schon wegen seiner lapidar-selbstverständlich dargestellten beruflichen Erfolgsgeschichte zunächst gar kein typischer schwuler Lebenslauf sein zu können scheint. Weil sich diese Lebensgeschichte aber aus einzelnen, auf einer Reise wie zufällig erinnerten Episoden zusammensetzt, finden sich dennoch immer wieder Situationen, zu denen man Parallelen im eigenen Leben zu finden zumindest meint. Dies weniger, weil diese einzelnen Situationen selbst in vielen Biografien so oder so ähnlich immer wieder vorkommen, sondern weil sie eine Themenauswahl treffen und in einem Erzählduktus verfasst sind, der sich in seiner Selbstverständlichkeit als typisch schwules Erinnern und Beschreiben des eigenen Lebens etabliert. Hierzu zählen z.B. die Erinnerungen an schulischen Sport (und seine Lehrer), die Dramatik des eigenen Coming-outs, der Berichtstil in einer Zwiespältigkeit aus vorgeblicher Abgeklärtheit und einer nie überwundenen, zumeist verletzten Betroffenheit. »Die unsicherste aller Tageszeiten« wird so durch Sprache und Erzählführung zu einem schwulen Erinnerungsbuch, das die unwahrscheinliche Lebensgeschichte eines noch dazu weder besonders sympathischen noch sonst sich menschlich vereinnahmend vorstellenden jungen Mannes zu einer Darstellung macht, in der man sich immer wieder selbst findet. Aber Thomas Pregel legt nach. Denn dass man »Die unsicherste aller Tageszeiten« als Ganzes identifikatorisch liest, sich also selbst nicht nur in einzelnen Situationen, sondern über fast 400 Romanseiten wiederfinden kann und mag, dies liegt daran, wie Thomas Pregel den jungen Künstler seine Gefühle, Gemütszustände und Erfahrungen schildern lässt, nämlich eindringlich, mitunter heftig und vor allem immer aufrichtig, zuweilen fast kalt sezierend und mit einem hohen Maß an kritischem Abstand zu sich selbst. Zugleich werden diese oft harten Momente der Selbsterkenntnis fast schon als banale Schlussfolgerungen beschrieben, sodass sich beim Lesen Erinnerungen an eigene Erlebnisse – oft ganz anderer Art – aufdrängen, zu denen man sich schon einmal Ähnliches dachte, doch diese Gedanken gleich wieder wegschob. Doch führt diese ehrliche Selbstwahrnehmung, ja Selbstkritik, den jungen Künstler gerade nicht dazu, Konsequenzen zu ziehen. Im Gegenteil, vielfach scheinen ihn seine Einsichten über sich selbst geradezu zu blockieren. Und weil die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst in der alltäglichen Ausnahmesituation, der sinnlosen Zugfahrt, den Erzähler erkennen lässt, dass es keine äußeren Umstände waren oder sind, die ihn zu dem machten, was er ist und was er nicht mehr ertragen kann zu sein, kann er auch für sich die beiden klassischen Ausflüchte für ein unglückliches Bewusstsein nicht mehr in Anspruch nehmen: Er ist weder eine tragische Gestalt, die an der Unabänderlichkeit der Umstände scheitert, noch ist er ein Antiheld, dem zumindest die Sympathien zufliegen, weil er sich etwa gegen Langeweile, Spießertum oder Establishment positioniert. Thomas Pregels Künstler findet vielmehr zuletzt immer nur sich selbst, dem er Verantwortung und Schuld zuschreiben kann. Und so zeigt »Die unsicherste aller Tageszeiten«, wie es kommen kann, dass wir gegen besseres Wissen handeln, ja geradezu ein Suchtverhalten entwickeln, wenn es darum geht, einem Teufelskreis zu entkommen, der gerade nicht durch mangelnde Aufklärung, sondern durch Einsicht befeuert wird. Der junge Künstler schiebt so den HIV-Test vor sich her, von dem er annehmen muss, dass er positiv ausfällt – und nicht nur das, es wird für ihn geradezu zu einer Test-Vermeidungsstrategie, sich immer wieder als obsessiver Barebacker ins Nachtleben zu stürzen. Wie dieser Zirkel durchbrochen werden könnte, darüber gibt »Die unsicherste aller Tageszeiten« keine Hinweise – denn es ist ein ehrliches Buch, das zeigt, dass Wahrheit und Aufklärung bei der Bewältigung des Lebens nicht nur wenig hilfreich, sondern oft genug hinderlich und störend sind.
(Veit empfiehlt - Frühling 2014)
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