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Tendai Huchu: Der Friseur von Harare

Tendai Huchu: Der Friseur von Harare

Dt. v. Jutta Himmelreich. D 2011, 302 S., geb.,  20.46
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Peter Hammer
Inhalt
Vimbai ist die Star-Friseuse im Salon von Mrs. Khumalos, allen ist klar: Über die Hälfte der Kundschaft kommt einzig wegen ihr. Eines Tages jedoch wird der überaus attraktive Dumi eingestellt, und fast über Nacht wollen alle Kundinnen nur noch von ihm frisiert werden. Dumi verbreitet Glanz und Weltläufigkeit, seinem Charme erliegen alle. Doch weil Dumi keinerlei Eitelkeit zeigt, im Gegenteil auch noch solidarisch für die gesamte Belegschaft Vergünstigungen und Gehaltserhöhungen erstreitet, bleibt die eifersüchtige Konfrontation aus. Und als Dumi eines Tages dringend ein neues Zimmer braucht, kann er gleich bei Vimbai einziehen, denn das Haus, das sie von ihrem Bruder geerbt hat, ist viel zu groß für sie und von ihren Einkünften aus dem Frisiersalon kann sie die Fixkosten hierfür kaum aufbringen. Dumi lebt sich wunderbar ein, für Vimbais Tochter Chiwoniso wird er bald ein väterlicher Freund und Vimbai macht sich bald Hoffnungen, endlich doch noch einen Mann gefunden zu haben, auf den sie sich verlassen kann. Was dem Leser nämlich schon beim ersten Auftritt Dumis klar ist, versteht Vimbai erst sehr viel später: Dumi ist schwul. In Harare ist das – wie wohl in weiten Teilen Afrikas – nicht nur ein Skandal, sondern absolutes Tabu. Und als Vimbai klar wird, dass Dumi auch noch ein Verhältnis mit dem Ehemann einer ihrer besten Kundinnen, einer Ministerin, begonnen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. – Tendai Huchus Roman ist sowohl literarisch als auch inhaltlich eine besondere Empfehlung wert. Denn das Buch vermittelt zunächst einen völlig unerwarteten, erfrischenden Blick auf Simbabwe. Für gewöhnlich dominiert das medial vermittelte Bild der Mugabe-Diktatur das ökonomische und soziale Desaster, von dem das Land seit Langem geprägt ist. Und auch »Der Friseur von Harare« beschönigt nichts. Strom ist knapp, Luxusartikel gibt es nur gegen Devisen oder mit Bestechung, auch viele Artikel des Alltags müssen auf dem Schwarzmarkt besorgt werden, das Land und vor allem die Bürokratie ist korrupt, die Infrastruktur desolat, Schlägertrupps verbreiten Terror. Vor diesem schrecklichen Hintergrund erzählt Vimbai ihre Geschichte – und vermittelt dabei ein fast heiteres Lebensgefühl. Dass Dumi bald das Land verlassen will, verdrängt Vimbai, dass Dumi offenkundig ein Doppelleben führt, wird nur am Rande wahrgenommen. Alles scheint bestens zu laufen, der Salon blüht, die eigene Selbstständigkeit zum Greifen nah – bis auffliegt, dass Dumi schwul ist. Sein prominentes Verhältnis ist ihm zum Verhängnis geworden. Mit aller Brutalität bekommt Dumi zu spüren, das Schwulsein in Simbabwe unter keinen Umständen geduldet werden soll. Die Darstellung dieser Wende ist ein literarisches Meisterstück. Vimbai kommt selbst mit Dumis Homosexualität nicht zurecht und geht zu einer Gruppe Aussteiger, die als Obdachlose philosophische Dispute führen. Und so markiert ein ebenso kurzer wie stilsicherer platonischer Dialog den Schnitt zwischen Vimbais Leben in Anpassung an bestehende Verhältnisse und ihrem beherzten Eingreifen, um Dumi das Leben zu retten. Der Roman erlebt zugleich einen erzählerischen Bruch von einem fast popigen Duktus zum fast harten Stil eines Action-Romans. Dass dabei Schuld und Versagen nicht den Verhältnissen zugerechnet wird, macht einen weiteren Glanzpunkt dieses Romans aus. (Veit empfiehlt, Frühlings Katalog 2012)
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