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Bill Clegg: Portrait eines Süchtigen als junger Mann

Bill Clegg: Portrait eines Süchtigen als junger Mann

Dt. v. Malte Krutsch. D 2011, 272 S., geb.,  20.51
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S. Fischer
Inhalt
Bill Clegg hat eigentlich alles, so scheint es, was man sich als schwuler Mann wünschen kann. Noah, seinen Freund, der ihn liebt und auf den er sich verlassen kann. Er hat Freundinnen und Freunde, eine zwar kleine, gleichwohl erfolgreiche Agentur, mit der er so renommierte Autoren wie Andrew Sean Greer vertritt. Doch Bill ist cracksüchtig. Als sein Freund, ein erfolgreicher Film-Produzent, in Berlin einen Preis erhalten soll und Bill zu ihm fliegen will, schafft er es nicht. Schon fast eingecheckt lässt er seinen Flug umbuchen, um in einem Flughafen-Hotel noch ein paar Stunden Crack rauchen zu können. Aus den Stunden werden zwei Tage, danach taucht Bill ab. Von einem Hotel ins nächste, damit weder sein Freund noch seine Familie ihn finden, raus geht er nur, um Geld aus dem Automaten zu ziehen und von seinen Dealern Nachschub zu besorgen. Zwischendurch holt er sich auch immer mal wieder einen Stricher, doch viel läuft nie, denn außer dass ihn das Crack endlos geil macht, hat er auch Erektionsstörungen davon. Fast zwei Wochen geht das so, Bill verfällt körperlich, sein drogenbedingter Verfolgungswahn lässt ihn überall Polizei vermuten. Auch seinem Freund vertraut er nicht mehr. Als der ihn findet und zu einer Entziehungskur bewegen will, verhält er sich wie alle Süchtigen, glaubt zunächst selbst an einen Ausweg, verspricht einen Neuanfang, doch nur, um nach einem vermeintlich letzten Crack-Trip wieder völlig der Droge zu verfallen. Dass Bill zuletzt es doch einen Entzug schafft und ein neues Leben beginnen kann, erscheint wie ein kleines Wunder. Aber der autobiografische Roman ist nicht nur ein großer, packend geschilderter Drogentrip. Immer wieder fällt Bill in Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend zurück, wie er unter seinem forschen Vater litt, seine Mutter liebte, aber von ihr nie Unterstützung bekam. Vor allem aber beschreibt er, wie holprig sein schwules Coming-out verlief, und parallel zu seinem gegenwärtigen verkommenen Zustand scheint sich ein fast klischeehaftes Schema abzuzeichnen: unglückliche, ja traumatische Kindheit resultiert in tragischem, aussichtslosen Erwachsensein. Aber bald wird klar, dass dieses Schema nicht nur nicht aufgeht, sondern Bill Cleggs Selbstanalyse eine völlig andere, ebenso überraschende wie beunruhigende Pointe hat. Das merkt man zunächst an der sprachlich geradezu zärtlichen Schilderung der mitunter schrecklichen Kindheitsgeschichte. So hatte Bill Schwierigkeiten zu pinkeln, oft musste er über eine halbe Stunde auf dem Klo bleiben, alles Mögliche versuchen, um locker zu werden. Wenn es dann ging, war es fast immer ein unkontrollierbarer, spritzender Strahl. Bills Bemühungen, das Bad danach zu reinigen, waren denkbar schmachvoll. Die Reaktionen der Eltern, vor allem des Vaters waren hilflos, oft kontraproduktiv, von Repression bis Therapie half jedenfalls nichts. Doch ebenso plötzlich, wie es aufgetaucht war, verschwand Bills Pinkelproblem und in der erzählten Erinnerung hat das Kindheitstrauma jede Bitterkeit verloren. Und ganz genauso ist am Ende der Lebenserzählung die Crack-Sucht weg – nicht dass Bill Clegg unterstellen will, dass dies ganz einfach war. Nur, und das ist die harte Einsicht, es führt kein Weg dorthin. So wie ihm als Kind niemand helfen konnte, weder wohlmeinend-tröstend, therapierend oder gar ächtend, so konnte ihm auch niemand aus der Sucht helfen. Nicht seine solidarische Familie, nicht sein liebender Freund, nicht sein freundschaftliches Umfeld – nicht einmal er selbst konnte sich von der Sucht befreien. Letztlich beginnt etwas Neues, auch ein wirklich neues Leben nur, wenn es auf nichts Altes aufbaut, deshalb kann es auch keine Entwicklung zum Neuen hin geben. Bill Clegg macht kein Angebot, wie solch ein Bruch möglich ist. Wohl aber wird klar, wer dem Neuen im Wege steht, nämlich die Menschen, die uns lieben, die es gut mit uns meinen und die sich um uns kümmern. Nicht dass sein fürsorglicher, treuer und liebender Freund Noah ihn in die Sucht getrieben hätte, aber gerade weil er in seinen Anstrengungen, Bill von den Drogen weg zu bekommen, alles richtig gemacht hatte, konnte Bill nicht davon loskommen. Und mit dem Stachel dieser Einsicht, dass es die Guten sind, die uns gefangen halten, geht dieser autobiografische Roman weit über die packende Schilderung eines großen Drogen-Trips mit zarten Kindheitserinnerungen hinaus: »Bildnis des Süchtigen als junger Mann« beschreibt eine tragische menschliche Grundformel. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2011)
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