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Balian Buschbaum: Blaue Augen bleiben blau

Balian Buschbaum: Blaue Augen bleiben blau

Mein Leben. D 2011, 253 S. mit farb. u. SW-Fotos, Pb,  9.24
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Fischer Taschenbuch
Inhalt
»Blaue Augen bleiben blau« - Der Titel dieser Memoiren eines Frau-zu-Mann-Transsexuellen vermittelt den Eindruck wenigstens eines letzten Rests von Konstanz in einem Leben, das sonst eher durch einen stetigen Impuls zur Veränderung angetrieben war (und wohl auch ist). 1980 wurde Yvonne Buschbaum als Mädchen in Ulm geboren. Schon früh stellten sich Features bei ihr ein, die eher auf einen Jungen als auf ein weibliches Wesen schließen ließen. Das führte zu Verwirrungen – mal spaßig, mal ärgerlich. Die anfänglichen Unsicherheiten wegen der Diskrepanzen zwischen zunehmend männlicher Erscheinung und biologischem, weiblichem Geschlecht wichen schon früh einer Gewissheit, vielleicht als Mann im falschen, nämlich in einem Frauenkörper festzustecken. Allein schon ihr weiblicher Vorname begann ihr Kopfzerbrechen zu bereiten. Noch in jungen Jahren lenkte Yvonne ihre ganzen Energien in den Sport, kam dort mit ihrem recht männlich-kameradschaftlichen Auftreten sowohl bei Jungs als auch bei den Mädchen recht gut an. Ihrer kämpferischen, verbissenen Natur hatte sie es zu verdanken, dass sie allein schon in der Leichtathletik schnell Erfolge verbuchen konnte und deswegen von Anderen gerne respektiert wurde. Hier konnte sie brillieren. Hier konnte sie das Problem mit ihrer Transidentität verdrängen. Der Sport trieb jedoch unweigerlich den Vermännlichungsprozess bei ihr voran. Einer Lebensfrage, der sie sich irgendwann stellen musste. In der Pubertät entdeckte Yvonne zudem ihr Interesse an Frauen, verspürte ein unbändiges Verlangen, diese in ihren Augen zerbrechlichen Geschöpfe als starker »Mann« zu beschützen. Aber nur vordergründig waren ihre sexuellen Kontakte mit Mädchen lesbisch. In Yvonnes Sicht war »sie« ja ein Hetero, der in den Körper einer Frau eingesperrt war. Sich aus diesem Körpergefängnis zu befreien und psychisches und biologisches Geschlecht – also Gender und Sex – miteinander in Einklang zu bringen, reifte als Lebensziel in Yvonne heran. Ein zugegeben weiter Weg, auf dem sie noch viele Etappen zurückzulegen hatte. Noch feierte Yvonne Buschbaum große sportliche Erfolge: jeweils eine Bronzemedaille bei den Europameisterschaften 1998 und 2002, Deutsche Meisterin im Stabhochsprung 1999 – doch noch vor der Olympiade in Beijing machte es Klick bei Yvonne Buschbaum. Sie fasste einen folgenschweren Entschluss, klinkte sich aus den Vorbereitungen für die Olympiade, bei der sie gute Chancen auf Medaillen gehabt hätte, aus und begann 2007 mit der Geschlechtsumwandlung von Frau zu Mann. 2007 wagte »sie« auch den Schritt an die Öffentlichkeit, outete sich in der ZDF-Sendung »Johannes B. Kerner« als Transmann und kündigte »ihre« anstehende Geschlechtsanpassung mutig an. Gleichzeitig verabschiedete »sie« sich vom Spitzensport. Mit diesem Going Public leitete »sie_er« einen mächtigen Einschnitt im Leben ein. Im Grunde war es der erste Tag in einem neuen Leben. Danach hieß es für »sie_ihn« erst einmal Hormontherapien, Operationen, Schmerzen – aber das Ziel heiligte die Mittel. Und auch das unvermeidliche Thema »Penis« stand auf dem Programm der Umwandlung: ein heikler Aspekt, der neben einer erfolgreichen Applikation durchaus mit kuriosen und unfreiwillig komischen Situationen gespickt war. Balian Buschbaum sagt in seinem Buch, dass er sich lange Zeit zur Vervollständigung seiner Männlichkeit einen voll funktionsfähigen Penis gewünscht hatte. Dann aber – als er ihn bekommen hatte und eine Fehlfunktion eine Dauererektion des Penis auslöste – sich plötzlich bei dem Gedanken ertappte, dass er ihn sich wegen des unerträglichen Gefühls wieder wegwünschte. Aber am Ende dieses bemerkenswerten Umwandlungsprozesses war Yvonne zu Balian geworden. Und wer sich das rein äußerliche Ergebnisse der Geschlechtsumwandlung vor Augen führt, wird wohl nicht auf Anhieb auf die Idee verfallen, dass dieser Mann mal eine Frau war. Aber das platte Staunen reflektiert nur einen oberflächlichen Aspekt des Ganzen – wie die Spitze eines Eisbergs. Eine wesentlicher Punkt scheint mir zu sein, dass im Falle von Balian Buschbaum zwar das biologische Geschlecht angepasst wurde, aber sich seine sexuelle Orientierung auf das weibliche Geschlecht nicht geändert hat. Vordergründig könnte man sagen, dass sich aus einer Lesbe ein Hetero herausentwickelt habe. Das aber hätte bedeuten können, dass Balian Buschbaum aus der Zeit, als »er« als Frau sexuell lesbisch aktiv war, noch etwas von einer queeren Identität mitnehmen hätte können: eine Art LGBT-Nestgeruch, eine Affinität zur schwullesbischen Community, eine Identifikation mit ihren Zielen. Doch als jemand, der sich als Hetero in einem Frauenkörper »versklavt« empfunden hatte, hatte er eine solche Sichtweise während seiner äußerlich lesbischen Phase nie angeeignet. Im Gegenteil: in schwullesbischen Zusammenhängen, in der Community empfand er nun ein Unbehagen und konnte auch mit all den Forderungen, der Mentalität der Community nichts – bzw. nur wenig – anfangen. Seine Sichtweise ist: er war und ist ein Hetero vor und nach der Geschlechtsanpassung. Ein anderer spannender Aspekt dieser Umwandlung ist selbstverständlich auch die Position der Partnerin. Wie ist das für die Freundin, die sich ja nun mal in eine – wenn auch zugegebenermaßen recht männliche – Frau verliebt hat und nun auf einmal einem Mann gegenübersteht? Ist die Liebe eventuell stärker als die Präferenz für ein bestimmtes Geschlecht? Oder wächst gar das Befremden? Die Entfremdung von der krass veränderten Partnerin? Einige dieser spannenden Aspekte beleuchtet Balian Buschbaum in seinem Buch nur unzureichend. Vielleicht auch, weil sie ihm nicht so wichtig erscheinen. Dennoch ist dieses Buch sehr empfehlenswert, weil es einen wirklich guten Einblick in das Denken eines Transmanns eröffnet und dabei einen extrem ermutigendem Ton enthält, d.h. für jede/jeden in einer halbwegs ähnlichen Situation könnte es als aufbauende Hilfestellung nützlich sein. Besonders bemerkenswert fand ich auch die Sprache, in der Balian Buschbaums Lebensgeschichte geschrieben ist: sie ist prägnant, auf eine männliche Weise rigoros, fast rabiat und irgendwie »unweiblich« - auch hier sind die Spuren des Vermännlichungsprozesses spürbar. Hier erzählt nicht eine sensible Yvonne die Geschichte ihres Lebens, sondern ein kerniger Mann, der durch die Wand geht, wenn’s sein muss. Einziger Wermutstropfen dieses Buches: all die metaphysischen Kaprizen an einigen Stellen hätte er sich einfach schenken können. Nichtsdestotrotz eine Lektüre, die Augen öffnen kann. (Jürgen empfiehlt, Sommer Katalog 2010)
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