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Tereza Vanek: Schwarze Seide

Tereza Vanek: Schwarze Seide

D 2007, 383 S., Broschur,  18.40
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Ulrike Helmer
Inhalt
Natalija Serbinskaja lebt ein für ihre Zeit außergewöhnliches, ja extravagantes Leben. Als junge russische Adlige Ende des 18. Jahrhunderts pflegt sie nicht nur sehr freigeistige Ansichten, sie weigert sich auch hartnäckig zu heiraten. Natalija pflegt offen zu sprechen, nicht nur in den Dialogen des Romans, sondern auch als dessen Ich-Erzählerin. Schon als junge Frau hatte sie sich selbstbewusst gegen ein behütetes Leben auf einem russischen Adelsgut entschieden, ihr Leben selbst in die Hand genommen und den größten Teil ihres Lebens in Westeu­ropa verbracht. Mit ihrer Malerei hat Natalija mittlerweile ein bescheidenes Einkommen, als bunter Vogel hat sie sich eine Nische in der gesellschaftlichen Oberschicht Londons erkämpft. Dabei war ihr Charles eine große Hilfe, ein junger steinreicher Adliger, mit dem Natalija ein freundschaftlich-vertrauensvolles Verhältnis pflegt. Die Einladung einer Jugendfreundin, Marie Luise, nach Bris­tol wird zur entscheidenden Wende ihres Lebens. In Bristol angekommen, ist Natalija zunächst nur entsetzt. Die Familie ihrer Freundin ist erzkonservativ, Marie Luises Ehemann dominiert das Leben und zwingt allen seine rassistisch-standesbewussten Ansichten auf. Auch dass er auf Jamaica eine Plantage betreibt und ein brutaler Sklavenhalter ist, widert Natalija an. Eine der Sklavinnen, Sadie, wurde nach England geholt und wird jetzt in Bristol als leibeigene Bedienstete gehalten - nichts gänzlich Ungewöhnliches in dieser Zeit. Von Marie Luise, die vor allem ihre Privilegien genießt, fühlt sich Natalija entfremdet, doch die junge schwarze Frau fasziniert sie, und sie beschließt, sie zu malen - für ihre gastgebende Familie ein offener Affront. Während der Sitzungen kommen die beiden Frauen sich näher, doch es bleiben Schranken: Sadie ist stolz, geradezu renitent in ihrem Verhalten, und für sie ist Natalija zunächst nur eine weitere Repräsentantin der Gesellschaft, die sie als Sklavin hält. Dass Natalija geradezu revolutionäre Ansichten hat, versteht sie zunächst nicht, denn Natalijas Themen und Ausdrucksweise sind zu stark von ihrer abendländischen, literaturdominierten Bildung bestimmt. So bleibt es zunächst bei einer erotischen Begegnung. Zwar spüren beide Frauen, dass sie eigentlich mehr von einander wollen, doch wie sich eine wie auch immer geartete Beziehung in der zutiefst rassistischen englischen Klassengesellschaft leben lassen soll, scheint jenseits des Vorstellbaren, ganz zu schweigen davon, dass es nicht nur eine unstandesgemäße Verbindung wäre, sondern auch noch eine grundsätzlich unsittliche zwischen zwei Frauen. Als der brutale Plantagenverwalter Malraux auftaucht, kommt es zum Eklat - nicht nur weil er dreist in Marie Luises Salon versucht, Natalija zu vergewaltigen. Die entscheidende Wende bringt jedoch ein Gespräch mit Charles, der Natalija einen Heiratsantrag macht, der die perfekte Lösung zu sein scheint. Denn Charles möchte Natalija gerade deswegen heiraten, weil er mit der libertären Freundin eine offene Partnerschaft möglich sieht, die nach außen einen anständigen Mantel über seine zahllosen Affären breitet. Diese Freiheit würde er auch Natalija zugestehen - sogar wenn dies bedeutete, dass sie mit einer Frau zusammen wäre. Doch wieder - wie schon einmal Jahre zuvor, als ihr Vater starb - verwirft Natalija das Angebot auf ein gesichertes Leben zu dem Preis dauerhafter Lüge und ständigen Versteckens, Natalija findet die Kraft zu einem unerhörten Entschluss. Die ebenso spannende wie romantische Geschichte fesselt vor allem durch den fast schon betont sachlichen Ich-Erzählstil Natalijas. Tereza Vanek verhindert durch ihre ebenso klare wie eindringliche Sprache, dass Gefühle süßlich verklärt, Probleme pathetisch derart überhöht werden, dass nur ein wundersames Ende die Lösung bringen kann. »Schwarze Seide« ist also gerade kein »Kurz Malheur«, sondern eine historisch gut recherchierte Geschichte, die zwei Frauen völlig unterschiedlichster Herkunft, Bildung und Erwartungen zeigt, wie sie für ihre Liebe gerade das aufgeben müssen, wodurch sie sich im Alltag Freiräume schaffen. Zugleich kann aus dieser Liebe jedoch nie mehr werden, wenn nicht beide sich gerade diese Freiräume mit aller Entschlossenheit nehmen. Eine universelle und zeitlose Spannung in einem historischen Rahmen - Sklavenhaltung im neuzeitlichen Europa - von dem fast nie geschrieben wird. (Veit empfiehlt, Lesben Special Katalog 2007)
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