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Anthony Gayton: Sinners & Saints

Anthony Gayton: Sinners & Saints

D 2005, 160 S., geb.,  40.00
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Inhalt
»Fotografie ist Diebstahl «, sagt Anthony Gayton an einer Stelle im Vorwort seines Bildbandes, in dem er darauf verweist, wie seine Leidenschaft für die Männerfotografie bereits in jungen Jahren entstanden ist: der Voyeurismus, den der Anblick eines schönen, halbnackten Handwerkerlehrlings bei der Arbeit im Nachbargarten bei ihm ausgelöst hatte und der darin gipfelte, dass der junge Möchtegernfotograf ein heimliches Foto von seinem ahnungslosen Objekt der Begierde nach dem anderen geschossen hat. Es war klar, dass hinter diesen Polaroids ein homoerotisches Begehren stand und der Wunsch, den Begehrten wenigstens in dieser Form zu besitzen. Die Polaroids wanderten in eine geheime Schachtel, die irgendwann überquoll. Um nicht aufzufliegen, mussten die schlechten Fotos ausgesondert, nur die guten durften behalten werden. Die Heiligenfotos oder die Sünderfotos? Eine richtungsweisende Entscheidung! Heute lebt der aus Großbritannien stammende Fotograf Anthony Gayton in Wien. Als Assistent von Andreas Bitesnich hat er sich einen Namen gemacht. Seine Ausstellungen und Projekte haben ein Renommee begründet, durch das Gayton inzwischen weit über die schwule Szene hinaus bekannt geworden ist. Ein erstes Buch mit seinen Arbeiten ist jetzt endlich erhältlich, das einen sehr guten Überblick über sein bisheriges fotografisches Schaffen bietet. Und so überrascht der Titel des Buches »Sinners & Saints« nicht wirklich. Wer Gaytons bisherige Arbeit kennt, ahnt schon, dass auch hier nichts dem Zufall überlassen bleibt und mit großer Liebe zum Detail jedes Bild perfektionistisch durchkomponiert ist. Durch Computernachbearbeitung erreichen die Fotos einen hohen Grad an Stilisierung, die von Gayton eindeutig so gewollt ist. Sie sind voller homoerotischer Symbole, Archetypen, Anspielungen und Untertöne - dabei wird klar, dass Gaytons Fotografie eindeutig in der Schwulenkultur und ihrer Ikonografie angesiedelt ist. Wenn ein Matrose in einer Hinterhofstiege von einem Arbeiterburschen eine Zigarette angezündet bekommt (ein sehr sinnlicher Vorgang) oder wenn die beiden in einem Hotelzimmer miteinander ringen, dann erinnert das an die Literatur von Jean Genet. Auch die Kitschkunst von Pierre et Gilles ist nicht weit davon entfernt - selbst wenn Gayton auf die schrillen, satten Farben der KitschArt absichtlich verzichtet und sich eher an die gedämpften Farben der 50er Jahre anlehnt (Anspielungen an den film noir liegen auf der Hand). Andere Arbeiten sind der griechischen Mythologie entlehnt. Unter anderem das Foto, das den Mythos von Daidalos und Ikaros nachstellt. Am schwulsten natürlich die Geschichte von Ganymed mit Zeus als Adler, der den Knaben in den Olymp entführt, und die von Hermaphroditos und Priapos. In einem dritten Teil widmen sich die Fotos in »Sinners & Saints« der schwulen Gegenwartskultur und ihrer Ästhetik. Hier nähert sich Gayton über Fotos, die im Stil der Physique Pictorial-Fotografie der 50er Jahre mit ihren männlichen Beefcake-Pinups gehalten sind, einer modernen Queerästhetik an, die sich absolut selbstbewusst gibt und dabei auch Elemente schwuler Pornografie als Teil der schwulen Kultur als Selbstverständlichkeit mit einbezieht. In einem weiteren Abschnitt reflektiert Gayton mit seinen Fotos die Kunst des schwulen Renaissance-Malers Caravaggio. Die Fotos stellen berühmte Gemälde des Meisters wie z.B. David und Goliath, den Heiligen Sebastian oder Johannes den Täufer nach, die im Original ja Schwule aus der Bibel als Thema aufgreifen. Gaytons diesbezügliche Fotos sind bewusst so nachbearbeitet, dass sie auf den Betrachter wie Gemälde wirken. In ihnen wird der ohnehin bereits vorhandene schwule Akzent noch einmal herausgehoben. Zum Schluss unternimmt Gayton mit dem Zyklus »Sinners & Saints« den wohl provokantesten Griff ins homoerotische Schatzkästlein, indem er - fast wie in einem Fotoroman - verführerische Sünder auf schwache Priester treffen lässt. Das Ergebnis widerspricht sicherlich den Hoffnungen der Kirche: dem Heiligen kann vom Sünder geholfen werden. Am Ende kann niemand wirklich sagen, wem Anthony Gayton den Vorzug gibt: dem Sünder oder dem Heiligen. Es bleibt abzuwarten, ob er uns in seinem nächsten Werk darüber aufklärt. (Jürgen empfiehlt, Herbst Katalog 2005)
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