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Brane Mozetic: Umarmungen des Wahnsinns

Brane Mozetic: Umarmungen des Wahnsinns

Dt. v. Andrej Leben. Ö 2018, 150 S., Broschur,  14.80
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Sisyphus
Inhalt
Mozetic ist der mit Abstand bekannteste schwule Autor Sloweniens. Eine KritikerIn wollte in Mozetics neuem Roman eine »Aneinanderreihung schwuler Sexszenen« erkannt haben. Sicherlich ist das Buch explizit. Dabei verfolgt der Autor mit dem Roman einen angesichts dieser Kritik recht überraschenden Plan: Mozetic wollte - am Beispiel der kleiner schwuler Szenen - einen kritischen Blick auf den aktuellen Zustand Europas mit »Flüchtlingskrise« werfen. Dazu bedient er sich im Roman dreier untereinander maximal vage, im Grunde aber nicht verknüpfter Szenen.
Eine Szene schildert Schwulsein in der modernen Welt der Globalisierung: Ein älterer Schwuler, der schon mit altersbedingten Komplexen zu kämpfen hat und noch eine andere Zeit erlebt hat, fängt an einen jungen Kerl zu daten. Der anfängliche Sex ist gut und befriedigend. Viel muss nicht erst besprochen werden; der Sex funktioniert wie von selbst. Die beiden folgen ihren Instinkten. Doch je länger die Beziehung andauert, umso mehr Brüche werden im Verhältnis der beiden spürbar. Nicht zuletzt wegen seines Drogenkonsums verhält sich die junge Affäre des Erzählers immer eigentümlicher: Er meldet sich tagelang, wochenlang nicht mehr, ohne Bescheid zu geben - und wenn doch rastet er wütend aus, überzieht den Erzähler mit üblen Vorwürfen. Der Junge, den der Erzähler einmal anziehend und sexy fand, wird allmählich paranoid, ja verrückt. Die anfängliche Anziehung zwischen den beiden verkehrt sich in ihr Gegenteil.
In der zweiten Szene kommt eine Gruppe Übersetzer aus aller Herren Ländern zu ihrem alljährlichen Kongress zusammen. Die Einstellungen der einzelnen - je nachdem ob sie aus Russland, Griechenland, Bulgarien, der Ukraine kommen - variieren ganz gewaltig. Am Beispiel der Homosexualität, über die am Rande immer wieder eher gemunkelt als offen gesprochen wird, wird dies sichtbar. Der Erzähler selbst hängt sein Interesse an anderen Männern nicht an die große Glocke. Und als er eine Affäre mit einem Griechen beginnt, der alles unternimmt, damit seine Homosexualität ja nicht publik wird, beginnen Probleme, die er nicht erwartet hätte. Angefangen bei der Heimlichtuerei, mit der er sich noch abfinden kann, wird das Verhalten der griechischen Affäre immer seltsamer: Manchmal verschwindet er oder stößt den Erzähler, der seine Nähe sucht, von sich weg. Und wenn der Erzähler dem Griechen Freiräume lässt, wähnt jener gleich, Untreue sei der Grund dafür - und macht dem Erzähler heftige Vorwürfe. Die beiden Liebhaber driften auseinander. Eine Beziehung ist am Ende nur mehr eine leere Hoffnung. Und was bleibt, ist ein Abschied mit den Worten: Im nächsten Jahr sieht man sich - sehen sich alle wieder.
Die dritte Szene wird schließlich heftig: Der Erzähler erfährt von einem Sexclub am Rande der Stadt - man will meinen: am Ende der zivilisierten Welt. Nur mit dem Taxi und einem Schweinegeld gelangt man dorthin. Unangemeldet klopft er dort an. Und nach einem Überprüfungsverfahren auf Herz und Nieren wird er eingelassen. In der ausgedehnten Anlage bieten junge Burschen - eigentlich arme Dinger - Flüchtlinge, Bulgaren, Nigerianer - ihre Körper für Geld an. Für 50 € kann man die Qualität des Fleisches »testen«. Der Erzähler bleibt Beobachter; kann sich nur wundern, als sadistische Franzosen als späte Rache für den verlorenen Algerienkrieg einen jungen Flüchtling lustvoll abschlachten. Das ganze ist ein brutaler Sklavenmarkt, in dem das Leben und die Würde von Menschen nichts mehr zählt - womit wir wieder bei der Kritik Mozetics am modernen Europa wären.

(Jürgen empfiehlt – Winter 2018/19)
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