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Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

D 2018, 366 S., Pb.,  12.40
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Suhrkamp
Inhalt
Alissa sucht ihren Zwillingsbruder Anton, mehr als eine Postkarte von ihm aus Istanbul hat sie nicht. Doch diese Suche gestaltet sich ebenso schwierig, wie nach und nach Alissa sich in einem orientalischen Traum oder Märchen zu verfangen scheint. Auf ihrer Suche verliebt sie sich in eine Tänzerin, die Alissa jedoch schon nach der ersten Nacht deutlich macht, dass sie Testosteron nimmt und bald als Mann leben will. Für Alissa wird dies ein Weg, ihrem Bruder näher zu kommen, auch sie wird ein Mann. Immer unklarer wird dabei, welche Rolle eigentlich ihr Zwillingsbruder spielt: Ist er ihr sehnsuchtsvolles Vorbild für ihre Transition? Gibt es Anton vielleicht gar nicht? Zurück bei der Familie in Deutschland stößt Ali auf wenig Verständnis: Darf die Tochter jetzt ein Sohn sein? Ist einfach ignorieren schon zuviel Entgegenkommen? Parallel zu dieser Geschichte, wie aus Alissa Ali wird, erzählt Saha Marianna Salzmann die Familiengeschichte des Zwillingspaars Alissa und Anton. Als Spätaussiedler der ehemaligen Sowietunion nach Deutschland gekommen, liegt über allen Erinnerungen ein Schleier: Überhöhte, fast verklärende Darstellungen des Lebens in der alten Heimat wechseln mit dramatischen Räuberpistolen. Doch es sind gerade diese Familien-Episoden, die »Außer sich« zu einem der intimsten und über die Maßen vereinnahmenden Roman machen, hier entfaltet die Autorin ein Zartheit der Sprache und ein Einfühlungsvermögen in die Welt einer sehnsüchtigen Erinnerung, die ihresgleichen sucht. Allein schon dieser Episoden wegen ist es ein Genuss, das Buch zu lesen. Hinzu kommt die Gegenüberstellung der Familien-Erzählungen mit der zwar orientalischen-märchenhaften nichtsdestotrotz gegenwärtig-modernen Erlebenswelt Alissas bzw. Alis. Literarisch wirkt der Kontrast gewaltig, sprachlich wie in der Ausgestaltung der Spannungsbögen scheinen es zwei völlig gegensätzliche Welten zu sein, der Vorhalt der Familie, Alissa bzw. Ali sei gleichsam aus der Familie gefallen, scheint es auf den Punkt zu bringen. Und doch erkennt man beim Lesen, wie beide Ebenen sich letztlich gar nicht groß unterscheiden. Familiengeschichten wie Alissas Suche gründen auf Annahmen, die subjektiv unhintergehbar und nicht in Frage zu stellen sind – von außen gesehen aber immer wieder fragwürdig, ja unglaubwürdig scheinen. Zum Schutz vor dieser äußeren Fragwürdigkeit wird ein Schutzmantel an nebulös-vagen Geschichten entworfen – und es ist gerade dieser Schutzmantel, der die Schönheit des zu beschützenden Kerns ausmacht. Dies zu erkennen fällt im Roman allen schwer – denn daran schließt sich auch eine weitere spannende Einsicht, nämlich, dass es geradezu verfehlt ist, bis zum Kern des Persönlichen vordringen zu wollen. Viel ertragreicher und vor allem schöner ist es, einander zuzuhören und seien es auch zunächst nur fabelhafte Geschichten. Ein Lesegenuss mit einer nicht einfach zu ertragenden Welt- und Menschensicht.
(Veit empfiehlt – Winter 2017/18)
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