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Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute

Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute

D 2016, 224 S., geb.,  19.52
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Galiani
Inhalt
Mütter und Töchter - ein unerschöpfliches Thema in der Literatur. Das Mutter-Tochter-Verhältnis, das Nele Pollatschek in ihrem Roman beschreibt, ist geprägt von einer Heftigkeit, die ihresgleichen sucht. An sich ist die Konstellation der Patchwork-Familie um die Hauptfigur Thene so unglaublich, dass sie eigentlich nur aus dem wirklichen Leben gegriffen sein kann. Thene wohnt in Heidelberg zusammen mit ihrem Boyfriend, der netter und zuvorkommender nicht sein könnte. Thene war allerdings während ihres Studiums in Oxford nur in den Semesterferien zuhause gewesen. Ihr Freund hat die ganze Zeit stoisch auf ihre Rückkehr gewartet. Und nun könnte das gemeinsame Leben nach der Unizeit nicht schöner neu beginnen. Thene schwebt etwas Idyllisches vor, das möglichst weit entfernt von ihrer durchgeknallten Familie (Standort: Berlin) stattfindet. Zentrum ihrer massiven Familienaversion ist ihre dominante, stets manipulative Mutter Astrid, die sich für den Nabel der Welt hält und deswegen sowohl die Fähigkeit als auch die Berufung in sich verspürt, diese Welt - und nur sie kann das! - zum Besseren zu verändern, wenn nicht gar vor dem Untergang zu bewahren. Auch passiert es laufend, dass Mutter Astrid in Thenes Leben einzugreifen versucht, das eben nicht nach - Astrids - Plan zu verlaufen scheint. Gerne würde Thene die ständigen verbalen Übergriffe und Manipulationsversuche der Mutter unterbinden. Aber zu abhängig ist sie nach wie vor von deren üppigen Finanzen. Im Streit mit der redegewandten, konflikterprobten Mutter zieht Thene regelmäßig den Kürzeren. Am liebsten geht sie ihr ganz aus dem Weg. Auch ihr leiblicher Vater Georg - neben diversen verrückten abgelegten Stiefvätern - ist in Thenes verzwickter Situation keine große Hilfe. Schon als er noch mit Mutter Astrid zusammen war, zeigte er sich stets von seiner weichen, nachgiebigen Seite; versuchte zwischen Mutter und Tochter im Streit zu vermitteln. Dabei hätte er sich auf seine Hinterbeine stellen müssen, um seiner Frau ordentlich Paroli bieten zu können. Doch für ein paar Jahre - Thene findet: Es waren die wichtigsten, in denen sie ihren Vater wirklich gebraucht hätte - verschwand Vater Georg von der Bildfläche und ließ seine Familie einfach zurück. Thene hat diese Zeit als große Lücke empfunden und konnte das lange Fehlen ihres Vaters nur schwer verwinden. Zwar ist Georg inzwischen zurückgekehrt; lebt nun mit einem etwas jüngeren Mann zusammen. Doch nach wie vor ist der Vater keine Stütze in Thenes Kampf gegen das Muttermonster, das - wenn etwas schiefgeht - die Schuld nie bei sich, sondern immer bei Anderen - vornehmlich bei Thene - sucht. Und es geht laufend etwas schief, wenn Mutter Astrid etwas anpackt. Sie hört nie zu, wenn Thene ihr was zu sagen hat. Prinzipiell weiß sie alles besser und blickt strafend auf die zum Scheitern verurteilte, unfähige Tochter herab, die an ihrem Unglück selbst schuld sei. Regelmäßig bringt diese Frau Thene zur Weißglut - aber irgendwie fehlt ihr das Geschick, sich einigermaßen zu wehren. Nun hat Thene ihr Studium absolviert und zur Abschlussfeier soll die ganze Mischpoke gemeinsam nach Oxford anreisen. Mit flauen Gefühlen sieht Thene diesen Moment, mit ihrer Familie aus Halbbruder, Oma, Vater und Mutter an einem Ort vereint, herannahen. Sie ahnt das Schlimmste – und doch: Es ist nur halb so schlimm wie das, was dann wirklich passiert. Zentrum aller Katastrophen wie immer ihre Mutter. Autorin Pollatschek zieht den Humor dieser temporeichen, schwarzen Komödie, in der auch viel gestorben wird, aus dem unmöglichen Mutter-Tochter-Verhältnis, das niemals - schon gar nicht bis zum Ende - gutgehen kann. Eine Mutter wie diese habe ich selbst nicht gekannt, aber kann mir gut vorstellen, dass eine solche mich - wie ihre ganze Umgebung - in den Wahnsinn treiben könnte. So kurios die Konstellation auch ist, das Leiden der jungen Thene an ihrer Mutter ist großartig beschrieben. Die Situationen sind in ihrer Absurdität hervorragend gezeichnet und machen das Ganze zu einer unterhaltsamen Lektüre. Am Ende übertreibt es die Autorin ein bisschen mit den tödlichen Zufällen - aber das mag man ihr nach über 150 köstlichen Seiten verzeihen, in denen »Das Unglück anderer Leute« auf die Schippe genommen worden ist.
Jürgen empfiehlt (Sommer 2017)
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