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Raziel Reid: Movie Star

Raziel Reid: Movie Star

D 2016, 224 S., Broschur,  20.55
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Albino
Inhalt
Jude ist ein schwuler Teenager, der nicht nur offen, sondern geradezu offensiv mit seinem Schwulsein an der Schule umgeht. Dabei inszeniert er sich als verkannte Filmdiva, schminkt sich, gibt sich exaltiert – die jugendliche Pop-Version dessen, was die schwule Subkultur als stolze Tunte kennt. Seine beste Freundin ist Angela, mit ihr schwänzt er die Schule, lässt sich von ihr detailgetreu berichten, wie sie Sex mit immer wieder anderen Typen hatte und perfektioniert mit Angela vor allem seinen Bitch-Talk. Von allen anderen wird Jude meist Judy genannt – abschätzig, denn für Schwule gibt es unter Judes Altersgenossen nur Verachtung. Doch Jude genießt es, von den anderen verspottet, gedemütigt, sogar verprügelt zu werden, denn in diesen Momenten spürt er, dass er die Aufmerksamkeit der anderen auf sich gezogen hat. Und Aufmerksamkeit will Jude um jeden Preis, sein ganzes Leben legt er sich zurecht, als sei er ein Hollywood-Star, dem die Welt zu Füßen liegt. Doch hinter dieser Maske gibt es einen ganz anderen Jude, der freilich in dieser Selbstinszenierung keinen Platz finden kann: So kümmert sich Jude liebevoll um Keefer, seinen kleinen Halbbruder, der mit den Eskapaden der gemeinsamen Mutter und ihres vergammelten Lebensgefährten Ray, Keefers Vater, nicht zurecht kommt. Jude sehnt sich nach seinem Vater, den er verachten will, was ihm aber nicht gelingt. Jude sehnt sich nach Zärtlichkeit und Liebe und natürlich nach dem ersten Sex, den er immer noch nicht hatte, am liebsten würde er Hand-in-Hand mit dem Jungen seiner Träume auf den Abschlussball der Schule geführt werden. Doch seine Selbstinszenierung lässt für diesen Jude keinen Raum, konsequent arbeitet er darum daran, sich ein Ticket nach Hollywood kaufen und die heimatliche Kleinstadt für immer verlassen zu können. Dabei macht Jude eine befremdende Erfahrung: Je näher er seinem Ziel kommt, je realistischer er davon spricht, umso verständnisloser reagieren alle – selbst Angela ist entsetzt, dass Jude die gemeinsam gepflegte Fantasie wahr machen will. Und als Jude dann endlich mit Angelas Bruder im Bett landet und sich richtig verliebt hat, kommt es ganz anders: Denn nun werden nicht Judes Träume war, sondern die harte Realität kapert seine Traumwelt. – Reiziel Reids Roman ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Traum von einem bevorstehenden viel besseren Leben, von Leid, das Größe verleiht, und davon, dass alle anderen das eigene wahre Selbst verkennen. Aber nur vordergründig ist das in bezaubernd leichtem und ebenso bösen Plauderton geschriebene Buch ein Jugendbuch, denn die packende Geschichte deckt die Bedeutung von extravaganter Maske, illusionärer Traumwelt und übersteigerten Wünschen auf: Diese drei sind es, die uns zu lebendigen Menschen machen, sie sind es zugleich, die von der Mehrheit der Gesellschaft gehasst werden, und sie sind gefährlich, denn sie gewähren nicht nur Schutz, sondern machen auch verletzlich. Masken tragen wir alle, doch die etablierte Welt erwartet von uns, mit der Maske einer erwartbaren Normalität unser wahres Selbst und unsere Sehnsüchte zu verbergen – Jude tut das Gegenteil, seine Maske, die Welt des Films und des Star-Kults, trägt nicht nur offen zur Schau, was er gerne wäre, sondern gibt ihm zugleich Halt und Sicherheit sein Innerstes zu zeigen: dass er schwul ist, welche Jungs er begehrt. Dass das für Jude in keiner Weise nur ein Spiel ist, macht ihn zum Außenseiter – von den meisten verachtet und selbst von der besten Freundin letztlich unverstanden. Jude akzeptiert dieses Außenseitertum, denn anders als behütete Zirkel in Großstädten uns oft weismachen wollen, steht der Pool unendlich vieler Möglichkeiten, dem, der sein Leben ernst nimmt, gerade nicht zur Verfügung, für ihn, in »Movie Star« ist das Jude, ist sein Innerstes und sein wahres Selbst sein Schicksal – und zwar ein eindeutig bestimmtes, wenn auch womöglich nicht immer ganz klares. Und so ist Judes Geschichte auch viel mehr als eine Pubertätsfantasie, sein vordergründiges Geplapper von der Sehnsucht nach einer Welt voller Glamour und Star-Verehrung eine tiefgründige Analyse eines jungen Schwulen, der sich Persönlichkeit aneignet. Ein Bildungsroman im klassischen Sinn also, der auch die Gefahren dieses Weges zeigt. Diese lauern nicht nur in den brutalen Anfeindungen, denen Jude ausgesetzt ist – die eigentlichen Gefahren gehen davon aus, dass Judes Traumwelt ein alles bestimmendes Eigenleben entwickelt, seine zärtlichen Seiten und seine unspektakulären Bedürfnisse verdrängt werden. Für Jude ist sein Extravagantes Auftreten ein Panzer, der ihn ebenso schützt wie einzwängt – ohne ihn könnte er nicht er selbst sein, mit ihm droht er zum Opfer seiner eigenen Rolle zu werden. Ein großer Roman verfasst also noch größerer Lesespaß, in Raziel Reids Heimat Kanada zurecht mit einem der renommiertesten Literaturpreise bedacht.
(Veit empfiehlt - Sommer 2016)
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