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Jens Korthals: Die Nachahmung von Leben

Jens Korthals: Die Nachahmung von Leben

D 2016, 240 S., Broschur,  17.37
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Querverlag
Inhalt
Jens Korthals erzählt eine der merkwürdigsten Geschichten, die in den letzten Jahren als Roman erschienen sind. Reinhard und Christian kennen sich aus der Schulzeit, ohne jemals besonders eng befreundet gewesen zu sein, hingen sie in den Pausen gemeinsam in einer kleinen Außenseitergruppe ab. Ansonsten scheint sie nicht viel zu verbinden, Christian kommt aus wohlhabendem Elternhaus, er ist smart und hat auch nach der Schule keine Schwierigkeiten, die Erwartungen an ihn hinsichtlich beruflicher und privater Karriere zu erfüllen. Reinhard hingegen stammt aus einer kleinbürgerlichen Handwerksfamilie, zwar ist er hochbegabt, zeigt allerdings auch leicht autistische Züge. Zu einer ersten biografischen Katastrophe kommt es, als sein Vater ihn aus dem Elternhaus wirft, als er ihm mit 16 sagt, dass er schwul ist; kurz darauf steigert sich seine Verzweiflung so stark, dass er versucht, sich das Leben zu nehmen. Auch danach gelingt es ihm im bürgerlichen Sinn nicht wieder, Fuß zu fassen. Er hängt mit obdachlosen Punks auf der Straße ab, nimmt allerlei Drogen, strichert im Bahnhofsviertel und landet schließlich bei einem alternden Transvestiten, der ihn in einer eigentümlichen Beziehung sexueller und emotionaler Abhängigkeit gefangen hält. Und auch als er dieser Hölle entkommen ist, lebt Reinhard unstet weiter, auch wenn er sich verliebt, bleibt er blockiert und beziehungsunfähig. Nur ein paarmal begegnen sich Reinhard und Christian, scheinbar oberflächlich erzählt -Christian von seinem Leben, das nach dem vielversprechenden Start immer schaler wurde, bis aus dem smarten und umschwärmten Christian ein frustrierter übergewichtiger Langweiler wurde. Scheinbar so gut wie nichts scheint Reinhard und Christian zu verbinden, doch als Reinhard von Christians Schwester nach dessen Tod Christians Tagebuch bekommt, erkennt Reinhard, dass er zeitlebens für Christian nicht nur ein wichtiger Mensch, sondern geradezu ein Fixpunkt seines Lebens war. Reinhard beginnt, das Tagebuch mit eigenen Beobachtungen zu versehen und verfasst schließlich einen doppelt-autobiografischen Roman seines Lebens.

Jens Korthals hat allein schon mit dieser eigenwilligen Anlage einen aufregenden Roman geschrieben, denn doppelt-autobiografisch soll heißen: Christians wie Reinhards Geschichte sind in Ich-Perspektive geschrieben, weil es aber die überarbeitete und ergänzte Version eines Tagebuches ist, ist formal nie klar, wessen Ich gerade das erzählende ist. Gleich zu Anfang macht Reinhard – noch als eindeutig erkennbar erzählendes Ich – klar, dass ihm diese Doppelperspektive nicht nur wichtig ist, sondern dass für ihn durch diese Erzählstruktur das, was er als Geschichte erzählen will, formal geradezu noch einmal zum Ausdruck kommt. Denn Reinhard erkennt, dass sein Leben für Christian nicht einfach nur Vorbild oder Sehnsuchtsbiografie war, sondern dass Christian sein Leben sogar versuchte, nach Reinhards auszurichten und zu interpretieren. Das Befremdliche für Reinhard war freilich, dass er, je länger er sich mit Christians Sicht befasste, selbst nicht mehr entscheiden konnte, ob es nicht vielleicht sogar sein Leben war, das Christians Leben nachahmte, ohne dass dies natürlich in irgendeiner Weise bewusst hätte geschehen sein können. Doch nicht nur diese beiden Leben scheinen sich im Roman bei aller Distanz zu spiegeln. Immer wieder gibt es Parallelen, Déjà-vus, Momente des Wiedererkennens. Doch nicht: »Alles ist irgendwann schon einmal passiert«, ist Reinhards Erkenntnis, sondern: »Wir ahmen offenbar alle nur nach«. Der Junkie Reinhard imitiert auf seine Weise womöglich das Leben des Normalos Christian. Dass dies auf einer rein individuellen Ebene bleibt, dass gerade keine Generalthesen über Gleichartigkeit ganz unterschiedlicher Leben formuliert werden, gibt dann dem Roman einen besonderen erzählerischen Schwung: So zerrüttet Reinhards Leben nämlich ist, so unwahrscheinlich die Wendungen sind, die sein Leben genommen hat - man will einfach alles wissen; dass dies nicht als voyeuristische Faszination der Abgründe (und an Abgründen ist in »Die Nachahmung von Leben« wirklich kein Mangel), sondern als immer mehr interessierende Sicht auf eigene Möglichkeiten erzählt wird, steigert natürlich das intensive Lesegefühl noch einmal. Auch sprachlich verstärkt Jens Korthals seine erzählerische Absicht: Viele Berichte, die formal wörtliche Rede sind, erscheinen als ausgefeilte Darstellungen, erkennbar aus größerer Distanz formuliert. Und es ist diese Distanz, die den Roman trägt. Gerade weil keiner der beiden Ich-Erzähler aus der Haltung der Überraschung über die immer wieder unwahrscheinlichen Wendungen spricht, baut sich auch beim Lesen die Perspektive einer Gesamtschau auf und es geht das Verfolgen der freilich sehr spannenden Handlung schlägt immer wieder ins Nachdenken über die Möglichkeiten eines eigenständigen Lebens um. Ein im besten Sinne beunruhigender Roman.

(Veit empfiehlt - Sommer 2016)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
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