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Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe

D 2016, 267 S., Pb,  10.18
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Hanser
Inhalt
Leyla und Altay stammen aus Aserbaidschan, ihre beiden Familien gehören zur privilegierten Schicht der Hauptstadt Baku. Als sie sich kennenlernen, verstehen sich die beiden auf Anhieb – Altay ist schwul, traumatisiert vom Verlust seines letzten Freundes, der Liebe seines Lebens, Leyla ist lesbisch und voller Energie und Lebenskraft. Und so gehen beide eine Solidaritätsehe ein, die aber über den pragmatischen Ansatz hinaus von echter Zuneigung getragen ist. Altay ist Psychiater, Leyla Balletttänzerin, zunächst versuchen sie, in Moskau ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch schon bald müssen sie erkennen, dass es für sie im homophoben russischen Staat keine Zukunft gibt. Darum gehen beide nach Berlin, wo sie in vollen Zügen die Freiheiten einer westlichen Metropole auskosten. In einer Szenebar lernt Leyla Jonoun kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Doch Jonoun ist chaotisch, und zwar nicht von der liebenswerten Art, damit bringt sie das fein austarierte Zusammenleben von Leyla und Altay völlig durcheinander. Altay reagiert zunehmend gereizt, zunächst nur auf Jonoun, zunehmend aber auch auf Leyla. Auch Leyla hält die Situation nicht mehr aus und fliegt kurzerhand zu ihrer Mutter nach Baku. Dort wird sie bei einem der dort unter Oligarchenkindern beliebten Autorennen durch die Innenstadt von der Polizei gefasst und dann im Gefängnis brutal misshandelt. Altay ahnt, dass Leyla ohne seine Hilfe verloren wäre, erkennt aber auch, dass zwar Geld und gute Beziehungen Leyla aus der Polizeigewalt befreien können, dass aber mehr notwendig sein wird, um Leyla aus der Lebenskrise zu retten, die sie allererst in ihre dramatische Situation in Baku geführt hat. Darum nötigt Altay kurz entschlossen Janoun, mit ihm nach Baku zu fliegen, denn dass Janoun der Schlüssel zu Leylas Leben ist, ist für ihn klar. In Baku scheint vordergründig alles den von Altay geplanten Verlauf zu nehmen, doch für sie alle bleibt es schwierig, ihrer komplizierten Dreiecksbeziehung eine Struktur zu geben. So entgleitet ihnen ihr Leben zunehmend, bis sie eher erschöpft als glücklich nach Berlin zurückkehren. -
Von einer Geschichte, die sich oder zumindest ein Teil der aufgeworfenen Probleme auf eine Lösung zubewegt erzählt Olga Grjasnowa auch in ihrem zweiten Roman nicht. Auch in »Der Russe ist einer, der Birken liebt« schien sich die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens geradezu zu verbieten. So auch in »Die juristische Unschärfe einer Ehe« - natürlich sind Handlungen und Reaktionen von Leyla, Janoun und Altay nicht sinnlos, sie sind im Gegenteil aufs äußerste darum bemüht, sich auf einander zu beziehen. Aber sie verfolgen kein übergeordnetes oder gar ein Lebensziel, ihre Motive stammen aus dem unmittelbaren Erleben, gerade nicht aus prinzipiellen Maximen. Offenkundig hängt diese Lebensauffassung auch mit der Herkunft vor allem Leylas und Altays zusammen, in ihren Clans ist die hemmungslose Ausnutzung der Zugehörigkeit zum Geldadel des Landes völlig ungebremste Selbstverständlichkeit, ethische Verpflichtungen scheinen so abwesend, dass sie nicht einmal geleugnet werden müssen. Die Schilderung Bakus ist neben der Beziehungsgeschichte schon Grund genug, das Buch zu lesen. Es scheint aber insbesondere das Lebensgefühl der Entwurzelung zu sein, das die drei ausschließlich innerhalb der Grenzen ihres Beziehungsgeflechts denken und handeln lässt. Doch auch wenn dieser Hintergrund erkennbar ist, ist »Die juristische Unschärfe einer Ehe« vor allem eine Studie einer Ménage-à-trois, die sich ausschließlich auf sich selbst bezieht, insofern kann man beobachtend zwar Bedingungen erkennen, sie spielen aber dann für den Verlauf keine Rolle. Und genau das macht das Buch so spannend, weil alles innerhalb dieser Selbstbezogenheit völlig schlüssig ist. Das unterstreicht auch der formale Aufbau der erst abwärts und dann wieder aufwärts gezählten Kapitel um ein Kapitel 0, das dem Roman als Prolog vorangestellt ist: Ein Extrempunkt im Leben Leylas, der aber nur scheinbar ein Schlüssel zum Verständnis ihrer Motive oder künftigen Handlungen ist, eher aber der Scheitelpunkt eines Parabel, bei der die Steigung momentan auf Null geht, danach aber ebenso rasant wieder steigt, wie sie sich vorher eingebremst hatte. Ziel, Ursprung oder Verlauf dieser Bewegung ist jedoch aus diesem Punkt nicht zu erkennen. Diese Haltlosigkeit schlägt nicht nur völlig in den Bann, sie erscheint fast als einzige Möglichkeit, ein Leben zu beschreiben. Und so wird die lesbisch-schwule Dreiecksgeschichte, zum allgemeinen Modell menschlichen Zusammenlebens.

(Veit empfiehlt - Winterkatalog 2014/15)
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