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Alia Yunis: Feigen in Detroit

Alia Yunis: Feigen in Detroit

Dt. v. N. Püschel & M. Stadler. D 2012, 473 S., Pb,  10.27
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Aufbau-Verlag
Inhalt
Fatima hält sich für die Enkelin der berühmtesten Ehestifterin des Libanon; seit 992 Nächten erzählt sie der unsterblichen Scheherazade Geschichten. Geschichten über Deir Zeitoun das Dorf ihrer Kindheit und über ihr Elternhaus, das sie geerbt hat. Dieses Haus will sie ihrem schwulen Lieblingsenkel Amir vermachen, bei dem sie seit ihrer kurz zurückliegenden Scheidung lebt. Denn sie will vor ihrem Tod noch reinen Tisch machen, und das heißt für sie, sich von dem Mann zu trennen, der sie nur aus Mitleid geheiratet hat und eine passende Frau für Amir zu finden. Dafür bleibt Fatima allerdings nicht viel Zeit, denn nach 1001 Nacht des Erzählens wird sie sterben, dessen ist sie sich gewiss. Doch in der 993. Nacht hat Scheherazade genug Geschichten über das Dorf im Libanon gehört, das Fatima seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, und gibt flehend von sich »Wa hayat din an-nabi, bei der Religion des Propheten, du hattest zehn Kinder und zwei Ehemänner. Irgend etwas muss in den letzten achtundsechzig Jahren passiert sein?« Und dies wird ein Wendepunkt: Fatima wird zum ersten Mal eine »Zigarette« rauchen, sich ihre wunderschönen violetten langen Haare schneiden, den Dabke tanzen, den sie zuletzt bei ihrer Hochzeit tanzte, und sich mit Make-up, das fast so alt ist wie sie selbst und ihr deshalb ständig vom Gesicht bröselt, noch einmal herausputzen. Sie erzählt von der Ehe als frisch verheirateter Teenager mit ihrem ersten Mann Marwan, der sie mit nach Amerika nahm; wie sie Ibrahim, ihrem zweiten Mann, begegnete, der von Anfang an in sie verliebt war, ihr das aber bis heute nicht gestanden hat; über das Leben mit ihren 10 Kindern, die jetzt nur noch mit ihr über das Wetter sprechen. Wenn Fatima schläft, besucht Scheherazade Fatimas Familie. Dabei trifft sie auf Fatimas Enkelin Dina, die gerade Jura studiert und die dem knackigen Hintern von Jamal nach Beirut gefolgt war, um dort im Flüchtlingslager Kindern mit Cheerleader-Beat und Pompons Englisch beizubringen, was ihrer Mutter so gar nicht gefällt. Denn diese versucht seit ihrer Kindheit schon ein an die amerikanische Gesellschaft angepasstes Leben zu führen, und verschweigt ihre Herkunft. Da ist es nicht verwunderlich das sie es lieber sehen würde wenn Dina ihren blonden, blauäugigen Freund Jake heiratete. Scheherazade trifft auch Aisha, die von allen Dezimal genannt wird, weil sie so gut in Mathematik ist. Ihre Hausaufgabe, einen Brief an eine nahestehende Person, nimmt Dezimal zum Anlass, ihrer Urgroßmutter Fatima zu schreiben, dass es sie überhaupt gibt. Denn weil Dezimal unehelich zu Welt kam, wurde ihre Geburt aus Scham vor der restlichen Familie und auch vor Fatima geheim gehalten. Und natürlich lernen wir Amir kennen, den Lieblingsenkel, in dessen Armen Fatima sterben möchte; doch davon, dass er schwul ist, will sie nichts hören. Amir hat gleich, als er erfahren hat, dass seine Taita (Großmutter) zu ihm kommt, mit seinem Freund und Schauspielerkollegen Schluss gemacht – denn eigentlich hat er auch nur auf einen Anlass gewartet. Doch zum Leidwesen Amirs stellt sich gerade jetzt dessen Karriere ein und er wird von Paparazzi belagert. Aus Bosheit und Rache lenkt sein Ex die Aufmerksamkeit seiner Verfolger auf Amir, und weil Amerika in allgemeine Hysterie nach 09/11 verfallen ist, lässt er Amir als potenziellen Terroristen da stehen. Und als Amir ständig vom Vorsprechen in Tunika und mit aufgeklebtem Bart zurück kommt, dauert es nicht lang, bis FBI und Heimatschutz tatsächlich vor der Tür stehen. »Feigen in Detroit« hat mich das tragische Großfamilienleben der Abdullahs erfahren lassen, voll Ironie und Situationskomik. Die Erzählung springt zwischen den Hauptpersonen und wird so zu einer Ansammlung mehrerer Geschichten, in deren Mitte sich Fatima befindet, deren Geschichte zwar auktorial von Alia Yunis berichtet wird, die jedoch die eigentliche Erzählerin ist. Fatima gibt jedoch nur widerwillig ihre intime Geschichten preis. Sie nimmt dabei die Rolle Scheherazades aus der orientalischen Märchensammlung ein, die Nacht für Nacht Geschichten so erfolgreich erzählte, dass sie selbst nicht nur die Mordlust ihres Gatten austricksen und überleben konnte, sondern auch mit ihrer eigenen Geschichte unsterblich wurde. Doch im Gegensatz zu Scheherezade, die 1001 Nacht lang Geschichten erzählte, um ihr Leben zu retten, hat Fatima 1001 Nacht Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten. Und mit ihr und ihren Geschichten wird zwar die Klammer verschwinden, die die verzweigte Familie zusammen hält. Doch ihre Familiengeschichten und ihr Verschwinden zeigen auch, was letzlich von Integration, Assimilation, Traditionsbewusstsein und dergleichen zu halten ist: Es sind Märchen und Fiktionen, manchmal schön erzählt und interessant; aber meistens doch die schrulligen Phantasien eines möglicherweise liebenswerten, aber nicht immer ganz ernst zu nehmenden Menschen. (Michael empfiehlt, Frühling 2011)
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