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Andrea Busfield: Schattenträumer

Andrea Busfield: Schattenträumer

Dt. v. C. Tessari & Y. Dinçer. D 2012, 432 S., Pb,  10.29
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Rütten und Loening
Inhalt
Eine Familiengeschichte aus dem Norden Zyperns: Loukis und Praxi wachsen gemeinsam auf, ihre Zuneigung zu einander geht schon auf ihre frühe Kindheit zurück, als Loukis ein störrischer kleiner Junge war, der weder sprechen noch laufen wollte, und Praxi den Spielgefährten aus seiner Verschlossenheit befreite. Als Jugendliche haben beide den ersten gemeinsamen Sex miteinander und sind sich sicher, für immer zusammen zu bleiben. Doch in den Wirren der Zypernkrise der 50er Jahre muss Loukis fliehen, wird Untergrundkämpfer und bleibt jahrelang von zuhause fort. Praxi ist von ihm schwanger; um das Kind ehelich aufwachsen zu lassen, heiratet sie Yannis. Für Yannis ist diese Ehe ebenso ein Schutzschild, denn er ist schwul – in der traditionalistischen Gesellschaft Zyperns ein schändlicher Makel. Weil er einmal schon versucht hatte, einen von Loukis’ Brüdern zu verführen, ist die Verbindung mit Praxi und ein vermeintlich gemeinsames Kind auch ein Schutzschild vor weiteren Gerüchten. Praxi leidet freilich unter der Ehe mit dem ungeliebten Mann, obwohl Yannis sich alle Mühe gibt, ihre zumindest freundschaftliche Zuneigung zu gewinnen und ein guter Vater für Praxis Tochter Elpida zu sein. Als Loukis zurück kehrt, beginnt nach heftigen Auseinandersetzungen ein merkwürdiges Arrangement: Praxi verbringt immer mehr Zeit mit Loukis, Yannis hat sich in den Festlandsgriechen Viktor verliebt. Während Zypern immer mehr zwischen den Interessen Griechenlands, der Türkei und lokaler Machthaber zerrieben wird, scheinen die vier ihren Frieden mit ihrem durch gesellschaftliche Zwänge bestimmten Leben gemacht zu haben. Doch der Rückzug Griechenlands bedeutet auch die Abreise von Viktor. Außer sich vor Verzweiflung versucht Yannis seinem Geliebten zu folgen, doch der serviert ihn kalt ab. Unter Tränen hat Yannis sein Coming-out vor den Familien von Praxi und Loukis, die Szene ist so ergreifend, dass selbst Praxis bigotte Mutter ihre religiösen Bedenken hintan stellt und versucht, Yannis zu akzeptieren. Doch auch dieser familiäre Frieden hält nicht lange, denn die türkische Invasion vertreibt die Griechen aus dem Norden der Insel. Auf der Flucht sterben sowohl Yannis als auch Loukis. Als Praxis viele Jahre später stirbt, ist die ebenso große wie skandalöse Liebesgeschichte von ihr, ihrem Geliebten Loukis, ihrem Ehemann Yannis und dessen Freund Viktor bei den einen vergessen, bei den anderen verschwiegen, ihre Beisetzung in Yannis’ Grab besiegelt die letzte Lüge vorgeblicher Normalität. – Andrea Busfields »Schattenträumer« ist ein großer Geschichts-Roman, der sehr eindrücklich die verworrene und schreckliche Geschichte Zyperns im 20. Jahrhundert erzählt. Sehr plastisch erkennt man, wie nationale Ideologien und religiöse Vorurteile für kleinliche Machtspiele benutzt werden, wie sie vielfach gar keinen substanziellen Halt in der griechisch-türkischen gemischten Bevölkerung haben, aber gleichwohl genau dort ihre Wirksamkeit entfalten. Sehr ausgewogen beschreibt die Autorin die Schuld, die alle politischen Akteure auf sich geladen haben, aber auch, wie Menschen zu Mördern an früheren Freunden und Nachbarn werden. Vor allem aber ist es die Spiegelung dieses Konfliktes an einer verbotenen Liebesgeschichte, die diesen historischen Roman besonders interessant macht. Der Gegenpart des politischen Dramas, das die Bevölkerung gegeneinander treibt, traumatisiert und tötet ist nicht eine Idylle, die besser unberührt geblieben wäre. Vielmehr ist es eine Vierecks-Beziehung, die auch – oder vielleicht noch mehr – in Friedenszeiten harschen Repressionen ausgesetzt gewesen wäre. Dies umso mehr, als alle vier Anti-Helden keine Sympathieträger sind, Loukis ist nicht besonders klug und seine Abneigung gegen Yannis ist völlig unbegründet, Praxi ist zwar schön und eine geschickte Wirtschafterin, aber in Wahrheit doch eher hinterhältig, Yannis zerfleischt sich in seinem feigen Versteckspiel und verfettet zunehmend und Viktor ist ein machohafter und egoistischer Nationalist. Alle haben immer wieder nur Momente, in denen sie einem dann aber umso eindringlicher sympathisch werden, wie zum Beispiel als Yannis offen seine unglückliche Liebe zu Viktor beweint. Eine ganz besonders erhellende Darstellung, wie schrecklich Menschen sind und wie ein Moment der Sympathie alles vergessen lassen kann. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2011)
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