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Tristan Garcia: Der beste Teil der Menschen

Tristan Garcia: Der beste Teil der Menschen

Dt. v. M. Kleeberg. D 2010, 318 S., geb.,  20.46
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Frankfurter Verlagsanstalt
Inhalt
Dominique stammt aus Korsika, er ist der Sohn eines großbürgerlichen Partisanen. William dagegen kommt aus einer kleinbürgerlichen, jüdischen Vororte-Familie. Sie lernen einander in den frühen 80er Jahren kennen und werden sofort ein Paar. Zunächst engagieren sie sich gemeinsam in der Pariser Schwulenbewegung, sind Mitgründer von Vereinen und Zeitschriften. Doch nach fünf Jahren zerstreiten sie sich, trennen sich und werden Intimfeinde. Dominique sucht die Nähe der Politik, es gelingt ihm, sich und seinen Verein zu etablieren. Aids-Prävention, Aufklärung und beständiger Aufruf zu Safer Sex sind seine Themen, und natürlich benutzt er seine Möglichkeiten auch dazu, ein positives Bild schwulen Lebens in der Öffentlichkeit zu präsentieren. William geht auf Contra. Für ihn ist Dominiques Ansatz Verrat an der Sache, Schwulsein heißt für ihn immer auch, unangepasst und gegen jedes Establishment zu sein. In seiner Radikalität sieht William auch Safer Sex und den Kampf gegen Aids als Angriff auf unangepasstes schwules Leben: Er behauptet, Regierung und Mainstream wollen Aids erstens den Schwulen dadurch rauben, indem sie behaupten, Aids gehe alle an, und zweitens auch noch durch den Aufruf zu Safer Sex verhindern, dass diese schwule Besonderheit, die Aids in seinen Augen darstellt, untereinander weiter gegeben werde. Der Kampf der beiden ehemaligen Liebenden gegen einander wird immer heftiger, brutaler und nimmt mitunter groteske Züge an. Dass dieser Kampf nur in einem Desaster enden kann, ist klar – und beide kosten den öffentlichen Vernichtungszug gegeneinander voll aus. – »Der Beste Teil der Menschen« ist eine Liebes- und Hass-Geschichte ebenso wie ein beispielhafter Ausschnitt über eine entscheidende Wendung der schwulen Emanzipationsgeschichte, nämlich die von der Oppositions- zur Integrationsbewegung. Dominique und William scheinen zunächst das gleiche zu wollen, Aufmerksamkeit und Akzeptanz für ihren schwulen Lebensstil. Vermeintlich zerstreiten sie sich über den Weg zu diesem gemeinsamen Ziel: Zusammenarbeit mit etablierten Strukturen, vor allem dem Staat, steht ewiger Opposition, Außenseitertum und Kooperationsverweigerung gegenüber. Und dieser Unterschied in der Grundhaltung ist es auch, der Dominique und William in Wahrheit einander so fremd und verhasst macht. Es geht um die Selbstwahrnehmung als Schwuler. Sieht man sich als ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft mit abweichenden Schlafzimmergewohnheiten oder will man um jeden Preis mit der Gesellschaft nichts zu tun haben, sie verändern oder gar subversiv zerstören, und ist schwuler Sex hierfür ein manifester Ausdruck? Dass beide Seiten mit dem Vorwurf, die jeweils andere habe »die schwule Sache« verraten, ja verhalte sich nachgerade kriminell, zumindest einen wahren Kern treffen, macht die Hassliebe von Dominique und William zu einer tragischen Geschichte. Der Roman führt damit aber auch über die Geschichte der beiden Männer hinaus ein Grund-Dilemma der schwulen Emanzipationsbestrebungen vor: Gang durch die Institutionen oder Fundamentalopposition. Dass beide Seiten verlieren, wenn sie für eine dieser beiden Positionen letztgültig optieren, führt »Der beste Teil der Menschen« eindrücklich vor Augen. Und es ist gerade nicht ein dialektisches Verhältnis, das durch eine übergeordnete Synthese aufgelöst werden könnte – Garcias Gegenspieler sind argumentativ von einander ebenso unabhängig, wie sie ihren Kampf immer wieder ausdrücklich auf einander beziehen. Nur das Leben bindet sie aneinander, und so endet ihr Kampf zuletzt tödlich. Diese Ausweglosigkeit macht den Roman als Parabel auf schwule Emanzipation beklemmend und einzigartig zugleich. (Veit empfiehlt, Frühlings Katalog 2011)
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