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John Neumeier: In Bewegung

John Neumeier: In Bewegung

D 2008, 576 S. mit zahlreichen Abb. u. SW-Fotos, geb.,  138.78
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Collection Rolf Heyne
Inhalt
Das Ballett des 20. Jahrhunderts wurde geprägt durch die Ballets Russes – gegründet durch den genialen Impressario Sergej Diaghilew und v.a. tänzerisch vertreten durch seinen Protegé und Geliebten Waslaw Nijinski. Und seitens der männlichen, tänzerischen Linie hatte auch der unverwechselbare Stil von Rudolf Nurejew einen Umbruch im modernen Ballett bewirkt. Doch im deutschsprachigen Raum hatte niemand jemals derartigen Einfluss auf die Entwicklung des modernen Balletts genommen wie der Amerikaner John Neumeier. 1973 kam John Neumeier mit einem gewaltigen Knall ans Hamburger Ballett. Er feuerte den Kern der alten Truppe, um etwas grundlegend Neues anfangen zu können. Viele Tanzinteressierte und auch die Presse verübelten ihm diesen autokratischen Auftakt seiner inzwischen 35 Jahre in Hamburg sehr. Was vielen damals nicht klar war (heute natürlich förmlich auf der Hand liegt), war die Tatsache, dass mit dem damaligen Ensemble kein Staat zu machen war und für eine Kehrtwende in eine gänzlich neue Richtung ein radikaler Bruch mit dem Überholten erforderlich war. Die ersten Spielzeiten – sozusagen die ersten Stehversuche für das neu zusammengestellte Ensemble mit vielen neuen Gesichtern und dem neuen Chef – waren daher geprägt von vorsichtigen Neuinterpretationen klassischer Stoffe wie »Daphnis et Chloé« oder »Romeo und Julia«, »Der Nussknacker« oder »Le sacre du printemps«. John Neumeier musste sich erst einmal gegen den sich formierenden Widerstand gegen seine Person durchsetzen und sich am Haus etablieren. Aber schon in den ersten Spielzeiten war sein unverwechselbarer, zuweilen eigenwilliger Stil als Choreograf des Hamburg Ballett spürbar. Allein schon mit der Auswahl der Ballette setzte er erste neue Akzente. In der Spielzeit 1978/79 wich Neumeier dann vom traditionellen Ballettcanon ab und realisierte mit Balletten wie »Don Quixote«, »Jo­sephs Legende« oder »Vaslaw« neue Projekte, die sowohl hinsichtlich der Ausstattung als auch hinsichtlich der Themenwahl neues Terrain beschritten. Immer schimmert bei seiner Auswahl auch ein besonderes Interesse an homoerotischen Stoffen durch. Er schreckte weder vor großen abendfüllenden Balletten zurück noch vor Balletten, die sich aus Literatur ableiten wie z.B. »Endstation Sehnsucht« nach einem Theaterstück von Tennessee Williams. Ein besonderes Juwel aus den frühen Jahren ist sicherlich »Josephs Legende«, dessen Wiener Version derzeit auch auf DVD erhältlich ist. Der biblische Stoff des schönen, jüdischen Jungen, der von Räubern überfallen und in die Sklaverei nach Ägypten verschleppt wird, wurde ursprünglich von Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal adaptiert und zusammen mit der Musik von Richard Strauss für Sergej Diaghilew mit Waslaw Nijinski als Ballett konzipiert. Sicherlich hätte auch Waslaw Nijinski einen guten Joseph abgegeben. Aber mit dem, was John Neumeier aus dem jungen, knack­igen Kevin Haigen in der Hauptrolle herausgeholt hat, schrieb der amerikanische Choreograf schlicht Ballettgeschichte. Der talentierte, burschikose Tänzer hielt genau die Waage zwischen unschuldiger Sinnlichkeit und athletisch-physischer Präsenz, die die Rolle erfordert. Der Primoballerino in seiner spärlichen Bekleidung und mit seiner schönen Gestalt lässt die verführerische Wirkung (zunächst auf die Frau seines ägyptischen Herrn Potiphar) für den Betrachter des Balletts förmlich auf der Bühne kristallisieren. Auch ein Engel sucht die Nähe des unschuldig verführerischen Schönlings. Die Ausstattung dieser Aufführung – insofern ist sie ein Kind ihrer Zeit – scheint ganz einem unhistorischen Kitsch-Camp-Stil à la James Bidgood entlehnt zu sein. Die homoerotisch anmutenden Kostüme erinnern stark an den Film »Pink Narcissus«. Womit wohl anfangs niemand gerechnet hatte: John Neumeier machte das Hamburg Ballett unter seiner Leitung zur führenden Ballettcompagnie in ganz Deutschland und im deutschsprachigen Raum. Seine Wirkung strahlt bis heute weit über den deutschsprachigen Raum hinaus und setzte neue Standards. Wie weit sich John Neumeier seit den späten 70er Jahren weiterentwickelt hat, lässt sich schön, an einem weiteren homoerotischen Ballett verdeutlichen, dass er kreiert hat: aus der Spielzeit 2003 »Der Tod in Venedig« als Adaption der Novelle von Thomas Mann über die unerfüllte Liebe des deutschen Komponisten Gustav von Aschenbach zu dem polnischen Jüngling Tadzio im seuchengeplagten, morbiden Venedig. Das Thema des Liebestods ließ Neumeier musikalisch über Richard Wagners »Tristan und Isolde« einfließen, kontrastierte es gleichzeitig mit Johann Sebastian Bachs »Kunst der Fuge«, die dem preußischen König Friedrich II. gewidmet ist. Anders als »Josephs Legende«, das von einem energetischen tänzerischen Impuls und homosexueller KitschArt getragen wird, ist »Der Tod in Venedig« eine hochgradig bis ins Detail hinein durchdachte Inszenierung, die wirklich durch ihren Facettenreichtum besticht. Der homoerotische Aspekt tritt hier mehrfach deutlich in den Vordergrund. Leider ist diese Inszenierung derzeit nicht auf DVD erhältlich. 35 Jahre waren für John Neumeier Anlass genug, um in einem wirklich dicken, aufwändigen Buch seine Arbeitsweise für Interessierte offen zu legen. In der langen Zeit als Hamburger Ballettchef hat Neumeier unzählige Texte produziert, die mit der Entstehung seiner Choreografien zusammenhängen: Artikel für Programmhefte, Notizen zu noch im Entstehen begriffenen Werken oder für Workshops, weiters Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Diese zusammen mit unzähligen Offstage- und Onstagefotos flossen erstmals in dieses Buch ein. »In Bewegung« - obwohl sich das Buch überwiegend mit Neumeiers 35jähriger Schaffensphase in Hamburg beschäftigt – ist gleichwohl zu einer Art fragmentarischer Autobiografie des Choreografen geraten, der einmal selbst als Tänzer begann und heute als unumstrittener, in die Jahre gekommener Ballettdirektor noch längst nicht ans Aufhören denkt. (Jürgen empfiehlt, Herbst Katalog 2008)
Themen
Ballett
Tanz
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