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Jürgen Bauer: Portrait

Jürgen Bauer: Portrait

Ö 2020, 316 S., geb.,  23.60
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Septime
Inhalt
Die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben erzählen über Georg, einen schwulen Juristen, der es in einem Ministerium fast bis zum Sektionschef gebracht hat – er selbst kommt nicht zu Wort, seine Geschichte erscheint nur verfremdet durch andere Sichtweisen, und doch hat man beim Lesen bald das Gefühl, ihn recht gut zu kennen. Als erstes spricht Mariedl, Georgs Mutter, eine steinalte Bäuerin, völlig verfangen in den Ansichten ihrer Generation und des ländlichen Katholizismus. Dass sie ihrem Jungen die Kindheit mitunter zur Hölle gemacht haben muss, wird sehr deutlich - gerade an solchen Stellen, wenn sie sich zum Beispiel über Georg, ,den „feinen Herrn“, der er geworden sei, entrüstet. Doch Mariedl - manipulativ wie alle Mütter - schafft es, dass sie Leser und Leserin für sich gewinnt. Es sind fast schauerliche Momente, in denen man sich eingestehen muss, dass man Mariedl zu verstehen meint, sie womöglich sogar liebgewonnen hat. Und so ist es ein harter Bruch, wenn das zweite Kapitel einsetzt und Gabriel, Georgs Lover mit seiner Lebensgeschichte beginnt. Er ist fast 20 Jahre jünger als Georg, kam mit 17 in Wien an, nur um schnurstracks sein schwules Glück in den zahlreichen Wiener Logen zu suchen. Als einen der ersten trifft er dort auf Georg und die beiden werden ein Paar. Hatte Mariedl noch ruhig und bestimmt ihre Sicht vorgetragen, plaudert Gabriel jetzt wild drauf los und es entspinnt sich eine rasante, packende, ja mitreißende Schilderung des schwulen Wiens der 1970er und 1980er Jahre. Von den privaten Zirkeln bis über das Cruisen auf öffentlichen Toiletten lässt Gabriels Erzählung ein sehr lebendiges Bild der Szene entstehen - gerade weil Gabriel nichts auslässt: Er strichert, demonstriert, richtet ein Happening auf einer Naschmarkt-Toilette aus. Und dann bricht der Roman erneut, denn als dritte Stimme erzählt Sara, Georgs Ehefrau, eine gescheiterte Opernsängerin. Natürlich wusste sie von Anfang an, worauf sie sich einließ, ein Abkommen sicherte der Tochter aus gutem Hause ihre Freiräume, die sie im Gegenzug auch Georg gewährte.

Jürgen Bauer hat es geschafft, einen atemberaubenden schwulen Lebensroman zu schreiben. Dabei ist es nicht nur der Inhalt, der dieses Buch so großartig macht. Es ist vor allem seine literarische Qualität, die sprachlich gekonnte Inszenierung von drei völlig unterschiedlichen Stimmen, die drei (oder eigentlich vier) völlig individuelle Leben erzählen, denn nur dem ersten Eindruck nach sind es Typen, die der Autor auftreten lässt. Dabei hat Jürgen Bauer sehr fein drei Kunstsprachen geschaffen, die zwar deutlich Milieu, Herkunft, Bildung und Charakter der Drei durchscheinen lassen, immer aber Hochsprache bleiben. So bleibt der Roman trotz der Ich-Perspektiven in einer literarischen Distanz, in der er drei Grundpfeiler schwuler Selbst­inszenierung aufgreift - und zertrümmert: Mutter, Lover, Oper. Zertrümmert, denn niemand in diesem Roman (einschließlich Georg) ist ein Sympathieträger, keiner kann für sich in Anspruch nehmen, Held oder Heldin der Geschichte zu sein, alle scheinen eigentlich nur Fehler zu machen. Aus diesen Trümmern erblüht aber eine Warmherzigkeit, in der man sich allen unfassbar nahefühlt - letztlich auch Georg. Ein großartiger Roman und eine beeindruckende Darstellung schwulen Lebens in Wien.

(Veit empfiehlt - Winter-Katalog 2020/21)
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