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Karl Iro Goldblat: Als ich von Otto Muehl geheilt werden wollte

Karl Iro Goldblat: Als ich von Otto Muehl geheilt werden wollte

Ö 2018, 208 S., geb.,  18.90
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Ritter
Inhalt
Wien in den 1970er und 1980er Jahren war ein völlig anderer Ort als heute - wer die Stadt damals gekannt hat und mit heute vergleicht, wird sie kaum wiedererkennen. Damals war sie verwahrlost, veraltet und ein Schatten ihrer einstigen Pracht - nichts von der schicken Modernität, die inzwischen Einzug gehalten hat und sie verwechselbar macht. Gleichzeitig hatte Wien einen heruntergekommenen Charme.
In seinem autobiografischen Buch beschreibt Karl Iro Goldblat seine Zeit in der Otto-Muehl-Kommune, die als soziales Experiment internationale Aufmerksamkeit erlangte, als sie sich über die österreichischen Grenzen hinaus ausbreitete und schließlich mit einem großen Knall - Otto Muehls Inhaftierung wegen dessen Pädophilie - zerfiel.
Goldblat, der zufällig von Muehls kunsttherapeutischen Ansätzen gehört hatte und mit seiner eigenen Homosexualität einfach nicht klar kam, trat an Muehl heran, um bei ihm für ein paar Schilling eine Therapie anzufangen, die ihn quasi von seiner Homosexualität »heilen« sollte. Anfang der 1970er Jahre war der Stern Muehls erst im Aufgehen - er erlangte einen fragwürdigen Ruf als Guru durch die Verquickung von freier Liebe, Kunst und dem in Österreich noch unerhörten Kommunegedanken, der Monogamie, Privateigentum und kleinbürgerliches Denken im Zuge der 68er Revolution verwarf und auf den Misthaufen der Geschichte befördern wollte. Neben Privatwohnungen in Wien, die einfach in Kommunen umgewandelt wurden, bildete sich in der burgenländischen Dependance Friedrichshof ein Zentrum des Kommunelebens, in dem mit neuen utopischen Sozialformen experimentiert wurde. Anfangs war das Experiment progressiv ausgerichtet, verstand sich als linke Revolution gegen das Establishment und wollte mit allem Althergebrachten radikal brechen. Es gab nur noch Gemeinschaftseigentum, Beziehungen wurden als bourgeoiser Schrott abgetan und die freie Liebe samt täglichem Partnerwechsel propagiert. Das mit der freien Liebe ging jedoch nicht so weit, dass sie auch Homosexualität mit eingeschlossen hätte - im Gegenteil: schwule Sexualität wurde als »Auswuchs kapitalistischer Dekadenz« angesehen und galt in Muehls Kreis als wünschenswerterweise reparabel. Das bekam Goldblat zu spüren, der in seinem schwulen Selbsthass ein williges und einfaches Opfer darstellte. Durch einen Prozess langsamer Indoktrination und schmerzlicher Anpassung wollte sich Goldblat innerhalb der Kommune in einem »richtigen« Hetero umpolen und sein schwules Leben hinter sich lassen. Von einem der frühen Jünger Muehls stieg Goldblat zu einer wichtigen Person im innersten Zirkel der Kommune auf und konnte dabei beobachten, wie aus dem linken sozialen Experiment zunehmend eine totalitäre Sekte wurde und sich durch Muehls autoritären Stil in eine Art Pseudomonarchie - an der Spitze Muehl mit seinen Frauen und Kindern - verwandelte. Schließlich stürzte Muehl über einen Pädophilieskandal - er hatte mit minderjährigen Mädchen in der Kommune Sex gehabt und wurde dafür zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Dadurch, dass Muehl nicht mehr im Zentrum des Experiments stand, brach die Kommune auseinander.
Am eigenen Beispiel schildert Goldblat, welche Verbiegungen die »Therapie« in der Kommune bei ihm bewirkte - nicht nur, weil er mit Frauen Sex haben musste, was nicht seiner Natur entsprach. Um ihren Anforderungen zu entsprechen, brach er über Jahre den Kontakt zur Familie ab. Für manche muss die Muehl-Kommune die Hölle gewesen sein - andere scheinen die Zeit trotz krasser Erfahrungen von Demütigungen und Erniedrigungen unbeschadet überstanden zu haben - zu ihnen zählt wohl Goldblat.

(Jürgen empfiehlt - Sommer 2019)
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