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Ella Blix: Der Schein

Ella Blix: Der Schein

D 2018, 470 S., geb.,  18.50
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Inhalt
»Sie sagte, Liebe sei, als würde man auf einer schwankenden Hängebrücke leben. Ganz hoch oben über einem gefährlichen Abgrund. Und das Absurde sei, dass man sich dort plötzlich sicher fühlen würde.« Dieses Zitat stammt aus dem spannenden und tiefgründigen Jugendroman »Der Schein«, den zwei von mir sehr geschätzte Autorinnen zusammen geschrieben haben. Antje Wagner und Tania Witte sind diese neue Jugendbuchautorin unter dem Namen Ella Blix. Ich verehre beide für ihre sehr eigene Art des Schreibens und konnte mir dieses gemeinsame Projekt zunächst so überhaupt nicht vorstellen. Aber ich bin froh, dass ich schon nach 10 Seiten aufgegeben habe, mir zu überlegen, aus welcher Feder dieser oder jener Satz nun stammen könnte. Anscheinend ergänzen die Beiden sich in ihrer Unterschiedlichkeit genial, sonst wäre mein Lesevergnügen nicht so groß gewesen. Von Anfang an bin ich in die Geschichte komplett eingetaucht, sicher auch weil ich die Hauptprotagonistin Alina sehr mochte. Das passiert mir mit Jugendfiguren nicht so oft, aber Alina ist stark und verletzlich zugleich, und eine Suchende: nach der Wahrheit, dem Verbleiben ihrer angeblich toten Mutter, und nach sich selbst. Sie hat ihre Mutter im Alter von 6 Jahren verloren, weil sie einfach verschwunden ist und Suizid begangen haben soll, da sie an einer unheilbaren Krankheit litt. Der Vater kam einfach ohne die Mutter aus dem Urlaub zurück, die volle Wahrheit hat Alina aber nie erfahren. Was ist schlimmer: Als kleines Mädchen mit der brutalen Wahrheit klarkommen zu müssen und vielleicht Jahre zu brauchen, diese zu verarbeiten? Oder viele Jahre der Ungewissheit und nie zu wissen, ob der Verlust real ist und welche Wahrheit man finden wird, und dadurch von der Trauer nie loskommt?
In der Geschichte ist Alina bereits 16 und soll für einige Monate in ein Internat, da der Vater berufsmäßig ins Ausland muss. Sie fühlt sich etwas abgeschoben und ist natürlich nicht begeistert, da dies eine Trennung von ihrem Freund Lukas und ihrer besten Freundin Pinar bedeutet. Aber Alina lernt im Internat Hoge Zand auf der kleinen Ostsee-Insel Griffiun erstmal neue Regeln des Zusammenlebens mit anderen Jugendlichen und sie landet fast schon unfreiwillig in einer neuen Freundes-Clique: Die Lonelies! Das sind Jugendliche, die nicht wie die anderen am Wochenende nach Hause zu den Eltern fahren, sondern die aus den unterschiedlichsten Gründen immer im Internat leben. Und sie muss sich das Zimmer mit einem Mädchen teilen, das von Pflanzen und Kräutern und ihren Heilkräften geradezu besessen ist. Jede einzelne Figur dieser Jugendlichen ist so vielschichtig und liebevoll gezeichnet, dass ich für viele Lesestunden mitten im Internat unter ihnen war, und da gerne auch noch lange geblieben wäre. Von Anfang an war mir klar, dass der Titel keine eindimensionale Bedeutung hat - dazu kenne ich die beiden Autorinnen gut genug. Und das ist, was ich an dem Buch so wertvoll finde, egal in welchem Alter es jemand liest: Der erste Eindruck eines Menschen kann Dir zwar Sympathie oder Antipathie entgegenbringen, denn meistens haben wir gleich eine Meinung über die Person und ordnen sie irgendwo ein. Bei Alina sind das Schubladen, die sie zuschiebt und wieder aufzieht, weil sie sich fast immer täuscht in ihrer ersten Beurteilung. Der Schein und die wirkliche Person dahinter sind zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen.
Das Internat liegt außerhalb eines verschlafenen Ortes am Rande eines Naturschutzgebietes mit darin lebenden angeblich gefährlichen Urrindern, dessen Betreten streng verboten ist. Doch Alina entdeckt nachts an ihrem Fens­ter in der Ferne am Horizont ein schwarzes Schiff auf dem Meer, und plötzlich wie aus dem Nichts einen grellen Schein auftauchen. Hier kommt er: der andere Schein! Alina, die sich an den Wochenenden ohnehin langweilt, macht sich auf den verbotenen Weg auf Pfaden durch das dichte Gestrüpp Richtung See, wo das Schiff liegen müsste. Völlig unerwartet trifft sie mitten in der unwegsamen Landschaft ein eher merkwürdiges Mädchen, Tinka, die dort in einem Zelt zu leben scheint. Die Begegnung ist ihr eher unheimlich, aber gleichzeitig fühlt sie sich zu dem Mädchen hingezogen. Tinka wird Alina noch öfters über den Weg laufen, doch die ambivalente und magische Anziehung wird sie erst am Schluss verstehen können. Und obwohl ich kein Science Fiction Fan bin, sondern eher die realistische Leserin, hat mich dann der Sog der Fantasy gepackt und ich habe dem spannungsgeladenen Ende entgegengefiebert, um endlich Geheimnisse gelüftet zu bekommen oder zumindest eine Ahnung davon zu erhalten.
Der gesamte Roman ist in der Ich-Perspektive der Alina geschrieben, und ich gehe davon aus, dass ihr Internat-Aufenthalt noch nicht zu Ende ist. Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung!
Und da hätte ich nur einen Wunsch: Etwas mehr queeres Leben im Internat, denn davon gibt es immer noch viel zu wenig in der Jugendliteratur. Ein lesbisches Mädchen als Nebenfigur und ein Junge, der gerne Kleider entwirft und trägt, aber trotz aller Erwartungen der anderen nicht schwul ist - was ich sehr schön finde, da geht doch mehr! Gerade bei diesem Autorinnen-Duo!

(Ilona Bubeck empfiehlt - Frühling 2018)
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