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Michael Roes: Zeithain

Michael Roes: Zeithain

D 2017, 808 S., geb.,  28.78
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Schöffling
Inhalt
Es ist eine der bekanntesten schwulen Liebesgeschichten der Geschichte, deren mittelbare Folgen für die europäische Geschichte auch unter Historikern hoch eingeschätzt wird: Die Beziehung Hans von Kattes und Kronprinz Friedrichs von Preußen.
Doch wer war Hans von Katte, der seine Liebe zum künftigen König mit dem Tod bezahlen musste? Während über Friedrich, den später so genannten Großen, ganze Bibliotheken geschrieben wurden, hat bislang noch niemand Hans von Katte ins Zentrum seiner Darstellung gestellt – und genau hier setzt die Romanbiografie von Michael Roes an.

Michael Roes entwirft zunächst ein großes Zeitkolorit des frühen 18. Jahrhunderts, aufs Feinste recherchiert stellt er Hans‘ Kindheit und Jugend als Spross eines preußischen Landjunkers dar. Ähnlich wie der 8 Jahre jüngere Friedrich leidet der musisch und literarisch interessierte Hans unter seinem brutalen Vater, für den es nur Soldatentugenden gibt. Doch wenn der Vater nicht auf dem Gut ist, kann Hans mit den anderen Dorfjungen einigermaßen unbeschwert spielen. Den Freiheiten auf dem elterlichen Gut folgt aber bald der brutale Zwang pietistischer Internatserziehung. Für ein paar Jahre dann scheint Hans frei: Seine Kavaliersreise führt ihn an die großen Höfe des damaligen Europas, darunter Paris und London, dort lernt Hans auch die Mätresse des englischen Königs Georg, seine Tante Melusine von der Schulenburg kennen – die ihm in einer sich anschließenden Brieffreundschaft zu einer mütterlichen Vertrauten wird. Danach ist freilich der berufliche Werdegang vorherbestimmt: Als Offizier hat er dem preußischen König zu dienen. Als – modern gesprochen – Nachhilfelehrer lernt er den jugendlichen Friedrich kennen, der unter dem über die Maßen brutalen Regime seines Vaters, des Soldatenkönigs, leidet.
Hans wird Friedrichs Vertrauter und Geliebter, ist eingeweiht, als Friedrich nach einem Eklat bei der Heerschau von Zeithain beschließt, zu seinem Onkel, dem König von England zu fliehen.
Doch weder entgleitet Michael Roes die Geschichte zu einer romantisierenden Love-Story noch erliegt er der Gefahr einer politischen Überhöhung oder gar Verklärung dieser Liebe zweier Männer, die noch kein positives Wort dafür hatten, schwul zu sein. Die Geschichte wird nämlich aus der Gegenwart heraus erzählt, ein schwuler Engländer, Philip Stanhope, bereist die Orte, an denen auch Hans von Katte war – im Schreibtisch seines Vaters hatte Philip die Briefe Hans von Kattes an seine Tante Melusine gefunden. So wird die Lebensgeschichte Hans von Kattes zugleich zum Spiegel einer gegenwärtigen Suche nach Geschichte.
Doch es ist die Gegenwartsebene, die geheimnisvoll an Wim Wenders Film »Der Himmel über Berlin« anknüpft, die märchenhaft und voller mythischer Magie ist, während der Vergangenheit eine viel rationalere Weltsicht zugrunde zu liegen scheint, hart – aber umso klarer. Hierdurch hat Michael Roes einerseits eines der dunkelsten schwulen Polit-Dramen der frühen Neuzeit zu einem großen historischen Roman verdichtet; »Zeithain« ist aber zugleich eine zeitlose Darstellung des ewigen Generationenkonfliktes, ebenso eine philosophisch-theologische Verhandlung von Opferung und Tod und nicht zuletzt eine Suche nach Spuren, die längst verschwunden sind. Ein vielschichtiger schwuler Bildungsroman, nicht nur »Eine preußische Liebesgeschichte«, wie Philip Stanhope gleich zu Beginn feststellt.

»Zeithain« ist nur der jüngste der Romane von Michael Roes, der sich schon oft mit den Themen auseinandergesetzt hat, die »Zeithain« zu einer großen Zusammenschau verdichtet sind. Dabei liegt neben dem schwulen Thema immer auch ein Fokus auf der menschlichen schicksalhaften Grunderfahrung, die die Antike als Tragik, das Christentum als Schuld, die religionsfreie Philosophie als ethisches Dilemma formuliert haben. Beeindruckend ist gerade in »Zeithain«, wie Hans und Friedrich zwischen diesen Darstellungsformen springen können: klassisch gebildet, aufgeklärt und und überzeugt atheistisch haben sie keine Scheu, auch die christliche Götterwelt zur Beschreibung ihrer Gedanken und Gefühle aufzurufen. In seinen früheren Büchern waren die Rahmenbedingungen hierbei meist enger: »Jizchak« und »Kain« loten den Generationenkonflikt unter alt-israelitischen Bedingungen aus, »Leeres Viertel« schildert Einsamkeit und Kindheit in der arabischen Welt, »Die Laute« verknüpft den arabisch-islamischen Jemen mit dem einerseits westlichen, andererseits katholischen Polen. »Die Legende von der Weißen Schlange« entwirft eine selbstbezügliche Zeitreise, der die Überwindung des Todes mit dem erotischen Befremden eines Jungen verbindet, der auf sich selbst trifft.

(Veit empfiehlt – Winter 2017/18)
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