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Olivia Sudjic: Sympathie

Olivia Sudjic: Sympathie

Dt. v. A.C. Kramer. CH 2017, 480 S., geb.,  24.67
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Kein und Aber
Inhalt
Alice ist gerade mit dem Studium fertig und findet keinen Start in ihr Leben. Sie ist Internetsüchtig, schaut obsessiv lesbische Pornos, ist aber zugleich unfähig, eine Beziehung zu einer Frau aufzubauen, was eigentlich ihr größter Wunsch ist. Sie lebt bei ihrer dominanten und offenbar manipulativen Mutter in London, ihr Vater ist seit ihrer Kleinkinderzeit verschwunden. Aus ihrem seelischen Tief holen sie die Briefe ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, die in New York lebt; ihre Mutter hatte den Kontakt lange hintertrieben, doch jetzt unterstützt sie Alice sogar, die unbekannte alte Dame zu besuchen. In New York lernt Alice dann Mizuko kennen, die aus Japan stammt und eine begabte junge Autorin ist. Zunächst ist es eine Bekanntschaft über das Internet, bis die beiden sich dann auch real begegnen. Doch die Liebesgeschichte entwickelt sich ganz und gar nicht romantisch, dazu sind die beiden Frauen viel zu gegensätzlich. - »Sympathie« ist vor allem wegen seiner vielen Ebenen ein empfehlenswertes Buch, denn es geht nicht nur um eine spannungsreiche lesbische Liebesgeschichte. Ein wichtiger Aspekt ist die Parallelität von Schicksalen: Alice erkennt in dem, was sie über Mizukos Leben erfährt immer wieder Teile ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie wieder. Vor allem Japan ist es, das immer wieder zugleich Verbindungen aufbaut als auch die Distanz des Fremden entstehen lässt. Denn es war in Japan, wo Alice‘ Vater einen Neuanfang nach einem gescheiterten Forschungsauftrag wagen wollte – und doch kurz darauf »beschloss zu verschwinden«, wie es Alice‘ Mutter darstellt. Eine Geschichte, die Alice‘ Großmutter in New York dann ganz anders darstellt. Diese Mehrdeutigkeiten des gleichen Sachverhalts sind ein besonders gelungener, immer wiederkehrender Teil von »Sympathie« und verbinden die japanische Erzähltradition der Vieldeutigkeit mit moderner Teilchen-Physik, einem Forschungsgegenstand, der für alle Beteiligten auf unterschiedliche Weise immer wieder wichtig wird. Besonders gekonnt ist aber auch die Verarbeitung dieser ganz unterschiedlichen Themen durch Olivia Sudjic, denn auch Erzählführung und Stil arbeiten der Mehrdeutigkeit der Geschichte, ihrer geheimnisvollen Unergründlichkeit zu. Die Geschichte wird nicht linear erzählt, Rückblenden und Vorgriffe unterbrechen den chronologischen Erzählfluss, es kommt sogar zu Kombinationen, dass nämlich Vorgriffe als Rückblenden dargestellt werden, sodass die zeitliche Dimension immer wieder durch Leserin und Leser selbst hergestellt, fast schon konstruiert werden muss – immer wieder entsteht der Eindruck, der ganze Roman sei eher ein punktuelles, zeitlich eng begrenztes Ereignis. Nicht ganz so exzessiv setzt die Autorin verschiedene literarische Formen ein, wie Briefausschnitte (bei denen freilich Verfasserin und Adressatin beim Lesen erschlossen werden muss), Erzähl-Erinnerungen, Berichte, Gedankenströme. Bezeichnenderweise kommt ein Genre gerade nicht vor: das Chat-Protokoll, obwohl Kontaktaufnahme und Kennenlernen übers Internet eine zentrale Rolle spielt. »Sympathie« ist also ein Roman, der ebenso fesselnd eine Story bietet, wie literarisch eine Herausforderung beim Lesen ist: Denn auch wenn die Handlung klar erscheint, immer wieder könnte es anders sein, immer wieder stellt sich heraus, dass es eher Leserin oder Leser und nicht die Autorin ist, die diese Klarheit herbeigeführt hat. Ein echter literarischer Lesegenuss.
Veit empfiehlt (Sommer 2017)
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