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Dirk Kämper: Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust

Dirk Kämper: Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust

Die Geschichte eines vergessenen Helden aus Deutschland. CH 2015, 224 S., geb.,  20.51
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Orell Füssli
Inhalt
Als Historiker habe ich mich vor allem während meines Studiums häufig mit dem Thema des Holocausts auseinandergesetzt. Auch das Schicksal der Männer mit dem rosa Winkel hat mich sehr interessiert. Dennoch war mir der Name Fredy Hirsch bislang keine Begriff. Dabei hätte dieser schwule, jüdische Mann, der mit 27 im KZ Auschwitz umgebracht wurde, das Zeug zu einem echten Helden des Holocaust gehabt - sein Schwulsein und seine zionistischen Einstellungen haben verhindert, dass es später dazu kommen konnte. In Westdeutschland nach dem Krieg galten Schwule als nicht würdig genug - wurden sie doch weiterhin verfolgt. In der kommunistischen Tschechoslowakei war er als Zionist unten durch. Zu Unrecht ist Fredy Hirsch in Vergessenheit geraten - ein Zustand, an dem dieses Buch etwas ändern will. Es ist überwiegend Biografie - ist aber über lange Strecken, die Hirschs Zeit in Auschwitz abdecken, wie ein in der dritten Person abgefasster innerer Monolog gehalten - und darin den Mangel an Quellen wettmachend entfaltet das Buch seine beklemmende Wirkung auf den Leser. Es zeigt die Unfassbarkeit der NS-Todesmaschinerie aus der Perspektive von jemandem, der unabwendbar in sie hineingeraten ist, sie - weil er lange genug überleben konnte - durchschaut hat und alles in seiner Macht Stehende tut, um so viele wie möglich (vor allem die Kinder und Jugendlichen) vor der Ermordung zu retten.
Die Homosexualität Hirschs spielt in dem Buch eine Nebenrolle, die überwiegend seinem Privatleben zugeordnet bleibt, das nicht reißerisch aufgedeckt wird, sondern vielmehr die Person respektierend im Nebulösen gelassen wird. Allzu viel über Sexpartner und intime Freunde Hirschs ist eh nicht bekannt.
Am Beispiel von Fredy Hirsch verdeutlicht der Autor, wie schwule Juden in ihrer Lebensplanung vom Vernichtungswahn der Nazis überrollt werden konnten. Geboren wurde Hirsch 1916 in Aachen - wuchs dort nach dem frühen Tod des Vaters in sehr ungünstigen familiären Verhältnissen auf. Die Mutter war an dem Jungen wenig interessiert und schob ihn zu Verwandten ab. Früh schon engagierte sich der junge, sehr sportliche Fredy in der jüdischen Jugendbewegung - da jüdische Jugendliche von den nationalistisch-rassistisch geprägten Organisationen der deutschen Jugendbewegung ausgeschlossen blieben. In dieser Zeit lernte Hirsch seine vielseitigen Talente anzuwenden, was ihm später immer wieder zupass kam. Auch wendete er sich der jüdischen Community und zionistischen Zielen zu.
Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, verschlechterte sich die Situation für Juden rasch. Hirsch verlor bald den Glauben an eine Zukunft in Deutschland. Nach anfänglichen Versuchen, sich zu wehren (es sind Schlägereien mit jungen Nazis überliefert, in die Hirsch verwickelt war), verließ Hirsch Deutschland und ging in die Tschechoslowakei. Dort engagierte er sich in der jüdischen Gemeinde Prags, organisierte Sportgruppen und Jugendlager auf dem Land. Außerdem spielte er mit dem Gedanken, nach Palästina auszuwandern. Nach der Okkupation der tschechischen Republik durch Nazideutschland versuchte er noch so vielen Leuten wie möglich die Auswanderung zu ermöglichen. Doch die Kontingente waren begrenzt. Und er wie die meisten anderen Juden in den von Deutschen kontrollierten Territorien saßen fest. Er wurde im Ghetto Theresienstadt interniert, an dessen jüdischer Selbstverwaltung er an hoher Position mitwirkte. Schon hier tat sich der schmerzliche Zwiespalt zwischen Kooperation - um Schlimmeres zu verhindern - und Kollaboration – den Nazis in die Hände arbeiten mit einer reibungslosen Organisation - auf. Mit einem Transport im September 1943 wurde Hirsch ins KZ Auschwitz deportiert. Er war zuständig für das dortige Kinderlager - versuchte zusammen mit anderen Betreuern die Kinder vor dem Tod zu retten - er stellte eine überdurchschnittliche Versorgung der Kinder sicher, beschäftigte sie, erteilte ihnen Unterricht, obwohl das eigentlich streng verboten war. Er wusste, dass die Schwächsten die ersten Opfer der Vernichtungsmaschine der SS sein würden, wenn man sich nicht um sie kümmern würde - also die Kinder. Er tat alles, um »seine« Kinder vor der Ermordung in den Gaskammern zu bewahren - auch wenn das zwangsläufig bedeutete, dass für sie Andere ins Gas gehen mussten. Die von der SS festgesetzten Zahlen mussten erfüllt werden. Ein Dilemma, das Hirsch letztendlich nicht auflösen konnte und das einen immensen psychisch-emotionalen Druck auf ihn ausübte, an dem er vermutlich zerbrach.
Der Teil des Buches, der sich mit Hirschs Zeit in Auschwitz befasst, lässt wirklich ein monströses Gefühl der Beklemmung aufkommen. Verständlicherweise hofft jeder, dass es ihn nicht trifft. Jedem muss allerdings klar sein, dass über ihnen allen ständig das Damoklesschwert der Ermordung hängt. Man kann dieses Schicksal nur hinauszögern, nicht ihm entrinnen. Einzig, wenn man nützlich ist für die SS und den Lagerbetrieb oder als Arbeitskraft, kann man verhindern, auf die Vernichtungslisten zu kommen. Jedem ist klar, was das bedeutet: Gaskammern und Krematorien. Die Schwachen, Kranken, Alten und Neulinge trifft es zuerst. Die einzige Hoffnung scheint zu sein, nur lange genug durchzuhalten, um das KZ zu überleben. Nicht wenige opfern sich, um Andere zu retten.
Andere retten sich, indem sie Andere opfern und an ihrer Stelle ermorden lassen.
Als im KZ Gerüchte aufkommen, dass die Kinder ins Gas sollen, besteht kurz die Chance für einen großen Aufstand, der erstmals alle Bereiche von Auschwitz vereinen würde - eine vielleicht nur symbolische Widerstandaktion gegen die Gräueltaten, die in Auschwitz geschehen. Fredy Hirsch weiß, dass nun etwas unternommen werden muss, will man das Schlimmste von seinen Kindern abwenden und sich nicht einfach des Mordmaschinerie beugen. Aber es kommt anders.
Im ersten Moment war ich etwas skeptisch, als ich »Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust« zu lesen begann. Die Vermischung des biografisch-dokumentarischen mit dem quasi-fiktiven Ansatz erschien mir fragwürdig zu sein, auch wenn im Fernsehen eine ähnliche Kombination in Form von Dokudramas oder Biopics längst geläufig ist. Dirk Kämper stand bei der Abfassung der Auschwitz-Zeit vor dem Problem, dass die einzige Quellen, auf die er sich stützen konnte, die Aussagen von Zeitgenossen (vor allem der Kinder, die Hirsch im KZ betreut hat und die Ausschwitz überlebt haben) sowie Nazi-Akten waren - diese allein hätten zusammengenommen nur ein fragmentarisches Bild ergeben. Kämper versetzt sich mit diesem an sich fiktiven Teil in das Denken von Hirsch und seiner Umgebung hinein und vermittelt dadurch ein hoch emotionales Bild von der Zwickmühle, vor der jemand wie Hirsch - aber im Grunde alle KZ-Häftlinge - standen. Egal wie sie handeln würden (und jemand wie Hirsch zermarterte sich den Kopf deswegen), es würde Opfer geben. Mitunter bestimmte das Handeln oder Nichthandeln, wen es traf. Ein zutiefst verstörendes Buch.

(Jürgen empfiehlt - Frühling 2016)
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