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Elisabeth Schmidauer: Das Grün in Doras Augen

Elisabeth Schmidauer: Das Grün in Doras Augen

Ö 2015, 220 S., geb.,  19.90
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Picus
Inhalt
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und beide Handlungen sind rasch erzählt. Auf der Gegenwartsebene lebt Helene mit Mann und zwei (fast) erwachsenen Kindern ein nicht unbedingt deprimierendes aber auch nicht besonders aufregendes Leben in Wien. Bernhard, ihren Mann, lernte sie als introvertierte Studentin kennen, eigentlich hat sie ihn nie geliebt. Schwangerschaft und Ehe nahm Helene eher pragmatisch hin. Sie arbeitet mittlerweile in der Städtischen Bücherei, kümmert sich um ihre Familie, alles scheint in festen Bahnen und vorgezeichnet. Zufällig begegnet Helene eines Tages Dora, mit der sie gemeinsam in einer Internatschule war. Wie immer fühlt sich Helene in unvorhergesehenen Situationen überfordert – und lädt Dora zum Abendessen ein, im sicheren Gefühl, dass sie, Helene, ihrer Jugendfreundin gar nicht länger ausgesetzt sein mag, schon gar nicht in ihren eigenen vier Wänden, gemeinsam mit Bernhard. Dora führt ein unstetes Leben, macht, was sie will, und nimmt sich vor allem immer, was sie will. Und so war sie im Grunde auch schon immer – auch in der gemeinsamen Zeit in einem strengen Internat im Salzburger Land. Und obwohl Dora abweisend, grob und immer wieder gemein zu Helene war, entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebe zwischen den beiden Schülerinnen. Als Helene, immer schon eher unsicher und leicht zu deprimieren, versucht, sich das Leben zu nehmen, wird ihr von der Internatsleitung auch noch der Kontakt zu Dora verboten – was natürlich Helenes Sehnsucht und Begehren nur befeuert. Doch es bleibt bei der Liebe im Internat, nach dem Abschluss der Schule versucht Helene die Liebe zu verdrängen. »Das Grün in Doras Augen« schildert diese Jugendliebe, die nur einen Sommer währte in Helenes Erinnerung – und Helene wird dabei klar, dass sie bislang im Grunde noch gar keine Entscheidung für ihr Leben getroffen, sondern alles immer nur hingenommen hat. Nach dem Wiedersehen mit Dora findet sie sich in einem immer existenzieller werdenden Zwiespalt: Einerseits will sie alle Gedanken und Anfechtungen weiter verdrängen, ihr Leben einfach weiterlaufen lassen; andererseits kommt sie nicht von der Einsicht los, nicht nur ein aufregendes Leben versäumt zu haben, sondern sich jetzt unbedingt für Dora entscheiden zu müssen. Diesen Zwiespalt inszeniert Autorin Elisabeth Schmidauer vor allem sprachlich, und zwar indem sie von einer anfänglichen Standardsprache abrückt und immer stärker eine eigene Sprache entwickelt. Diese besondere Sprache ist immer Hochsprache, die aber zunächst umgangssprachliche Wendungen aufnimmt, dann aber zu einer regelrechten Kunstsprache wird, die ländlich-archaischen Dialekt so formalisiert, dass es nicht mehr um die konkrete Verortung durch die Sprache in einem bestimmten Ort geht. Zwar erkennt man österreichische Regiolekte im Hintergrund, doch vor allem spürt man ein grundsätzlich be- wenn nicht erdrückendes Lebensgefühl aus Elisabeth Schmidauers Kunstsprache.
Und so zielt diese Kunstsprache auch nicht auf eine bestimmte lokale Verortung, sondern auf ein geistig-emotionales Gefangensein, ein Sich-Verstricken in einer Weltwahrnehmung, in der schicksalhafte Fremdbestimmung dominiert. Wie wenig solch einer Sprachordnung zu entkommen ist, verdeutlicht Helenes Geschichte, denn je stärker sie sich mit dem Gedanken des Bruchs mit ihrem bisherigen Leben und einer echten eigenen Entscheidung auseinandersetzt, desto schwerfälliger und einengender wird die Erzählsprache, deren Rhythmus zuweilen fast zum Stillstand zu kommen scheint. Freiheit scheint so immer unerreichbar – nicht unmöglich, denn Dora macht es ja vor. Aber einmal verstrickt, verfängt sich offenbar jeder Versuch der Befreiung in den überkommenen Zwangsmustern und verstärkt diese sogar noch. Ein mitunter schauerlicher Roman, der der eigenen Zögerlichkeit und den bremsenden Ängsten ein sprachlich brillantes Denkmal setzt.

(Veit empfiehlt - Winter 2015)
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