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James Tiptree, jr.: Liebe ist der Plan

James Tiptree, jr.: Liebe ist der Plan

Dt. v. Frank Böhmert. D 2015, 512 S., geb.,  25.60
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Septime
Inhalt
Alice B. Sheldon - die sich erst spät in ihrer Karriere als weibliche Autorin »outete« - war in ihren Science Fiction-Geschichten (Kurzromanen wie Short Stories) mit einer Weitsicht ausgestattet, die aus heutiger Perspektive fast beklemmend wirkt. Anders als in den geschickt zusammengeflochtenen Kurzromanen des zuletzt erschienenen Bandes ihres unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree, jr. veröffentlichten Gesamtwerks - »Sternengraben« - sind die Kurzgeschichten in dem neuen Band - »Liebe ist der Plan« - lose aneinandergereiht. Die Autorin war keine Lesbe, zeichnete sich in ihrer Science Fiction-Literatur aber durch starke Frauenfiguren aus, bzw. durch Frauenfiguren, die unter patriarchalen Strukturen zu leiden haben und gegen diese ankämpfen müssen, wodurch sie als Personen wachsen. Männer in Sheldons/Tiptrees Werk üben oft Gewalt gegen Frauen aus. Frau muss sich gegen die Männer wehren.
In den Short Stories von »Liebe ist der Plan« stehen eher leidende Frauen im Vordergrund. Gleich in der einleitenden Geschichte - »Das eingeschaltete Mädchen« - geht es um eine junge Frau aus der Unterschicht. In der Gesellschaft dieser nicht allzu weit entfernten Zukunft ist Werbung (»das Wort mit sieben Buchstaben«) eigentlich verboten. Lange Zeit wurde ein Wahnsinn betrieben in der Werbung, wodurch zu viele Ressourcen verschwendet wurden. Um diesen Wahnsinn zu beenden, wurde Werbung ganz prinzipiell per Gesetz untersagt. Gleichzeitig basiert diese zukünftige Gesellschaft aber auf Kapitalismus - globale Konzerne und deren Profitinteressen haben das Sagen. Und es ist ihnen gelungen, das Gesetz zu unterlaufen und Werbung zu betreiben, ohne dass sie als solche kenntlich wäre. Sie haben Mittel und Wege gefunden, die Mittelschicht in ihrem Sinne zu manipulieren. Die Reichen haben das Leben von Göttern, stehen in gewisser Weise über der Gesellschaft.
Die junge geschundene Frau der ersten Geschichte - P. Burke - wird von Wissenschaftlern auf der Straße angesprochen. Sie ist arm, unansehnlich und körperlich ein einziges Wrack - damit ein gutes Opfer für ein Experiment. Ihr wird eine neue bessere Zukunft in Aussicht gestellt, wenn - ja wenn! - sie sich bereit erklärt, an einem wissenschaftlichen Projekt teilzunehmen. Ihr bleibt keine Wahl - auch wenn das die absolute Selbstaufgabe für sie bedeuten wird. Sie wird in eine Kapsel gesperrt, die alle ihre Körperfunktionen übernimmt und in der sie mit einem Computer verknüpft ist. Sie muss sich um nichts mehr kümmern. Ihre Aufgabe ist es nun von dort aus wie ein Avatar einen anderen Körper - den eines wunderschönen, unglaublich attraktiven Mädchens, das aus der Retorte erzeugt wurde und nun in TV-Serien Rollen übernehmen soll - über Fernverbindungen zu steuern. Das ferngesteuerte Mädchen namens Delphi ist prinzipiell ohne eigenes Bewusstsein und ohne ihren Avatar im Grunde ein hübscher Haufen Menschenfleisch.
Der Plan ist es, so unterschwellig Werbung in die Sendungen einzustreuen, indem Delphi dort bestimmte Produkte anwendet und dadurch weiterempfiehlt. Der Plan - von riesigen Wissenschaftlerteams und ganzen Firmenabteilungen überwacht - entwickelt sich vielversprechend. P. Burke - versteckt in einem unterirdischen Firmenkomplex nahe der südamerikanischen Pazifikküste - macht ihre Sache gut. Delphi entfaltet merklich die gewünschte, aber geheim gehaltene Werbewirkung, die sich sofort in massiver Nachfrage niederschlägt. Die Betreuer des Projekts sind begeistert - sie glauben an ein Gelingen des Projekts und großen Profit. Die Börsenbewertung des Unternehmens schießt in die Höhe.
Paul Isham III - der Sohn des Firmeneigentümers - weiß nichts von dem Plan, der hinter seinem Rücken von der Firma umgesetzt wird, als er bei den Aufnahmen zu einer Serienfolge auf Delphi trifft. Der junge Mann verliebt sich in das schöne Mädchen. Sie beginnen eine Affäre, gegen die die Projektmitarbeiter wegen Pauls Position nur schwerlich einschreiten können. Als er merkt, dass mit Delphi etwas nicht stimmt, führt ihn diese Erkenntnis zu falschen Schlüssen. Er glaubt, Delphi würde über Geräte in ihrem Kopf gesteuert, sei aber ein echter Mensch. Als er versucht Delphi zu helfen und einzugreifen, löst er eine Katastrophe aus. Sehr beeindruckend an dieser Geschichte fand ich die gezeigte Unterhöhlung der demokratischen Ordnung durch wirtschaftliche Interessen - ein Seitenhieb auf unsere heutige Gesellschaft, den Alice B. Sheldon auf nur 61 Seiten in vorausschauender Weise hinbekommt, obwohl die Short Story aus dem Jahr 1973 stammt. Die Mittelschicht - manipuliert von global operierenden Megakonzernen - ist Stimmvieh, das nur noch wenig Einfluss auf seine tatsächlichen Geschicke hat - ganz zu schweigen von der Unterschicht, die ausgeblendet wird und in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Wenn Unterschichtenangehörige - wie die Heldin dieser Geschichte - einmal gebraucht werden, dienen sie ausschließlich wirtschaftlichen Interessen, die über alles gestellt werden. Sie werden dann wie Dinge benutzt ohne Rücksicht auf Verluste.
Die Macht von Wirtschaftskonzernen, die sich unantastbar weit vom Leben des einfachen Volks entfernt haben, findet sich auch in anderen Short Stories dieses Bandes wieder. Beispielsweise in »Der nachtblühende Dinosaurier«. In einer Zeit, in der mit großem Aufwand (Energie ist teuer) Zeitreisen betrieben werden, stehen Wissenschaftler vor dem Problem, dass ihnen weitere Forschungen (d.h. weitere Energie) nur dann bewilligt werden, wenn sie einem Politiker den Abschuss eines Brontosauriers ermöglichen - zu dumm, dass sie ohnehin nur so viel Energie zur Verfügung haben, um ins von Frühmenschen bevölkerte Pleistozän zurückzureisen - nicht aber Dutzende Millionen Jahre weiter in die Kreidezeit. Da jedoch ihre gesamten Forschungen auf dem Spiel stehen, fabrizieren sie einen täuschend echt wirkenden Dinosaurier aus Tierresten und fingieren eine Jagd auf Dinosaurier à la Jurassic Park II. Das kann nicht gutgehen.
In »Frauen, die man übersieht« wirft der Protagonist nach einem Flugzeugabsturz über dem Dschungel der Halbinsel Yucatan auf Suche nach Rettung einer Frau Parsons vor, sie sei eine lesbische Männerhasserin. Auch wenn sie das gelassen abstreiten kann, entzündet sich an dieser Aussage ein Disput, in dem sie die Stellung der Frau in der Gesellschaft als Besitz der Männer kritisiert - »wenn eine Krise sie [die Männer] in Aufregung versetzt«. Demnach habe die Gleichberechtigung ihr Ziel noch immer nicht erreichen können - sie sei disponibel, weil die Männer »einfach aggressiver« seien und Frauen »zahnlos«. Auf der Suche nach Rettung machen die beiden - Mr. Fenton und Miss Parsons - Kontakt mit Aliens, die ihnen helfen wollen. Für Frau Parsons eröffnet sich dadurch die unerwartete Möglichkeit, die Erde zu verlassen - egal, wie es auf dem Planeten der Aliens sein möge.
Am Ende des Buches findet sich übrigens auch der Aufsatz von Robert Silverberg aus dem Jahr 1975, in dem er sich mit der Identität von James Tiptree, jr. - dem männlichen Pseudonym von Alice B. Sheldon - auseinandersetzt. Darin versteigt er sich zu der nachweislich falschen These, dass - Gerüchten zum Trotz - James Tiptree, jr. unmöglich eine Frau sein könne, nachdem er befunden hat, dass Tiptrees Schreiben »etwas unbedingt Maskulines« an sich habe. Da hat er sich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt und einen tiefen Blick auf die Frage eröffnet, was denn »männliches Schreiben« ausmache und was »weibliches«. Nach einem Brief Tiptrees an Silverberg, in dem Tiptree sich gegenüber Silverberg als Alice B. Sheldon zu erkennen gab und sich damit als Frau »outete«, musste sich Silverberg entschuldigen. Auch diese Erklärung findet sich in »Liebe ist der Plan« abgedruckt.
Wie schon in »Sternengraben« sind die Geschichten in »Liebe ist der Plan« durchaus amüsant zu lesen - sie langweilen ganz und gar nicht, wirken so innovativ wie überzeugend, sie sind sehr schlank gestrickt und hätten mehrfach das Zeug zu ganzen Romanen gehabt. Es sind insgesamt 18 Short Stories unterschiedlicher Länge (zwischen 5 und 61 Seiten) in diesem Erzählband versammelt. Frau muss nicht unbedingt Science Fiction-Leserin sein, um dieses Buch lesenswert zu finden. Die oft (anti-)utopischen Geschichten kommen immer wieder auch ohne Aliens aus. Sie wirken oft sehr zeitgeistig und visionär, was nur zu einem kleinen Teil der aktuellen Neuübersetzung geschuldet sein kann.

(Jürgen empfiehlt - Herbst 2015)
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