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Sonwabiso Ngcowa: Nanas Liebe

Sonwabiso Ngcowa: Nanas Liebe

Dt. v. Lutz van Dijk. D 2014, 190 S., geb.,  16.35
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Peter Hammer
Inhalt
Weil der Vater trinkt und ihre Mutter verprügelt, die Mutter aber ihren Mann nicht verlassen will, sind Nanas Eltern mit der ältesten Tochter Asanda in ein Township bei Kapstadt gezogen und haben Nana in einem kleinen Dorf bei ihrer Großmutter zurück gelassen. Dort wächst Nana zwar in ärmlichen Verhältnissen aber doch relativ behütet auf. Doch als Nana 14 wird, kann ihre Großmutter nicht mehr den Lebensunterhalt für sie beide aufbringen, Nana muss darum zu ihren Eltern ziehen. Einerseits freut sich Nana, denn sowohl Eltern als auch Asanda hat sie jahrelang vermisst. Und schon bald nach ihrer Ankunft stellt sich heraus, dass vor allem ihr Vater sich grundlegend geändert hat, nicht mehr trinkt und mittlerweile auch so etwas wie regelmäßige Arbeit hat. Andererseits ist das Leben im Township noch viel ärmlicher als im Dorf bei ihrer Großmutter – und vor allem viel rauer: Gewalt ist an der Tagesordnung. Geschürt werden die Konflikte durch Ausländerfeindlichkeit, die zahlreichen Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten, vor allem Simbabwe haben es sowohl gegenüber ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern als auch gegenüber den Behörden schwer. Immerhin kann Nana auf eine Oberschule gehen, doch dort muss sie sich erst einmal gegen ihre Mitschülerinnen durchsetzen, die sie zu einem »normalen« Verhalten nötigen wollen. Und das heißt vor allem: Ohrringe tragen, sich schminken, versuchen, den Jungs zu gefallen. Und genau das interessiert Nana gar nicht. Gerade hat sie nämlich Agnes, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, kennengelernt. Agnes vermittelt ihr nicht nur das Gefühl, akzeptiert und verstanden zu werden, zu Agnes fühlt sie sich immer stärker auch körperlich hingezogen. Agnes ist es auch, die Nana hilft, mit ihren Klassenkameradinnen auszukommen, nicht die Konfrontation zu suchen, sondern leichtherziger sich auf das Schulleben einzulassen. Als Nana in einem Schulwettbewerb zum besten Model gekürt wird, scheint viel erreicht zu sein, Nana glaubt, ein sicheres Standing zu haben. So sicher, dass sie auch zu ihrem eigenen Lesbischsein und ihrer Liebe zu Agnes stehen kann. Doch Südafrikas Gesellschaft ist homophob – zwar steht sogar in der Verfassung des Landes ein Diskriminierungsverbot aufgrund sexueller Orientierung, doch brutale Gewalt gegen Schwule und Lesben sind weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Nana hat zwar Glück, ihre Eltern unterstützen sie nach ihrem Coming-out, doch Agnes‘ Bruder hat kein Verständnis für seine Schwester, noch schlimmer reagieren seine Kumpel. - »Nanas Liebe« ist ein als Jugendbuch geschriebener Coming-out-Roman, der mich in seiner einfachen Sprache gleich mehrfach beeindruckt hat. Zunächst die Sprache selbst, denn durch eingeflochtene Passagen der autochthonen Sprachen Südafrikas wird deutlich, wie sehr das Land immer noch von den Relikten der Apardheid bestimmt wird, ohne dass aber sofort eine Leidens- oder gar Opfer-Perspektive eingenommen wird. Im Gegenteil, »Nanas Liebe« beschreibt sehr selbstbewusst das Leben und die Probleme in einem südafrikanischen Township ohne auf historische oder soziale Schuldzuweisungen zurückzugreifen. Auch die Probleme, denen Lesben und Schwule ausgesetzt sind, werden rein aus dieser Sicht geschildert – und hier gibt es Vorgänge, die wir uns in ihrer Brutalität nur schwer vorstellen können, darunter auch der in grenzenloser Perfidie so genannte »corrective rape«, die Vergewaltigung von Lesben, um sie von ihrer Homosexualiät zu »heilen«. Die packende Coming-out-Geschichte zweier lesbischer Teenagerinnen ist so auch ein informatives Buch über ein Land, das sich zwar offiziell früher und eindeutiger auf die Seite von Lesben und Schwulen gestellt hat, als manches europäische, ein Land, ein dem sogar ein katholischer Erzbischof immer wieder unzweideutige Worte für die Überwindung von Homophobie findet; doch zugleich ist in diesem Land ein menschenverachtender Hass auf sexuelle Abweichung lebendig, der auch nach dem Lesen einer so eindringlichen Schilderung wie »Nanas Liebe« für uns nur schwer vorstellbar ist. Neben all diesen formal wie inhaltlich interessanten Aspekten hat mich vor allem eines noch sehr beschäftigt: die Jugend der in »Nanas Liebe« geschilderten Gesellschaft der Townships. Die Altersstruktur ist offenbar ganz ähnlich der von Shakespeares London: Selbst die Generation der Eltern der fast erwachsenen Protagonistinnen und Protagonisten ist gerade mal Anfang 30, dass Jugendliche mit 13 oder 14 Jahren nicht nur von der großen Liebe reden, miteinander Sex haben und die Nächte zusammen verbringen, wird zwar erzieherisch beargwöhnt, ist aber gleichwohl wenn schon nicht selbstverständlich, so doch unabwendbar. Die Liebesgeschichte von Nana und Agnes bekommt so die Anmutung von Romeo und Julia in ihrer ganzen überbordenden Dramatik ebenso wie in ihrer gesellschaftlichen Sprengkraft. Ebenso wie die verkrusteten Strukturen der Rivalität der Montagues und Capulets stehen hier die alten Denkmuster der Homophobie gegen eine junge und nur aus sich selbst rechtfertigende Leidenschaft. Die Botschaft von Nana und Agnes ist denn auch die Gleiche wie die ihrer weltberühmten heterosexuellen Geschwister aus Verona: Eine Gesellschaft, die die Leidenschaft ihrer Jugend nicht duldet, ist nicht nur unmenschlich, sie zerstört sich auch selbst. Eine ebenso ewige wie unbequeme Wahrheit – wenn sie ernst genommen wird.
(Veit empfiehlt - Herbst 2014)
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