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Thom Fitzgerald (R): Cloudburst

Thom Fitzgerald (R): Cloudburst

USA 2011, engl.OF, dt.UT, 93 min.,  19.99
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Salzgeber - gay classics (lesbian)
Inhalt
Gerne sehe ich Filme mit Olympia Dukakis, bin zwar bestimmt kein Fan, der alles von ihr gesehen hat. Aber sie ist einfach eine wunderbar geradlinige, resolute und gleichzeitig überraschend wandelbare Schauspielerin und eine faszinierende Persönlichkeit. Und so wollte ich mir »Cloudburst« vor allem wegen ihr als Hauptdarstellerin anschauen. Ihre Faszination macht die Tatsache aus, dass sie in ihren Rollen aufzugehen scheint und meist sehr dominante Frauenfiguren übernimmt. Eine resolute Persönlichkeit mit einigem Standing ist sie auch im wirklichen Leben. Als griechisch stämmige US-Amerikanerin hatte sie immer mit Vorurteilen infolge ihrer Herkunft zu kämpfen gehabt. Und so überrascht es nicht, dass sie sich oft und aus Überzeugung – obwohl Hetera, verheiratet mit drei Kindern – für die Belange von Minderheiten – gerade auch die der LGBTI- Community – einsetzt. In San Francisco hat sie vor ein paar Jahren auf der San Francisco Pride Parade die Funktion des Grand Marshals übernommen. Auch wenn sie Rollen nicht wegen ihrer vordergründigen politischen Messages übernehmen würde und diese auch nicht explizit als politische Aussagen anlegt, so ist ihr dennoch eine politische Auslegung ihres schauspielerischen Outputs recht. Mehr denn irgendwo sonst kann sie in »Cloudburst« den Finger auf die Wunde legen – auf einen fundamentalen Missstand der Gesellschaft, ohne allerdings belehrend oder mit erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Die Art, wie unsere Gesellschaft mit alten Menschen umspringt, war einer der Gründe, weshalb sie die Rolle der Stella in »Cloudburst« angenommen hat. Sie selbst war zu dem Zeitpunkt 81 Jahre alt – genauso alt wie von ihr dargestellte Figur in dem Film. »Mondsüchtig« brachte der Dukakis – sie spielte die Mutter der Hauptfigur – 1988 einen Oscar für die »Beste Nebendarstellerin« ein, obwohl sie bereits über 50 war – ein Alter, in dem es Schauspielerinnen (auch heute noch) schwer fällt, überhaupt noch ansprechende Leinwandrollen zu finden. Für sie war es der Beginn einer nicht ganz erwartbaren Karriere. Anfang der 1990er Jahre spielte sie in der Miniserie »Tales of the City« die Transgender-Vermieterin Anna Madrigal. Auch in »Magnolien aus Stahl« spielte sie eine starke Frau. Kaum zu glauben fand ich das Faktum, dass die Rolle der Stella in »Cloudburst« die erste Hauptrolle der Dukakis (und dann gleich eine lesbische) gewesen ist. Die vielen Nebenrollen, die sie bis dahin gespielt hatte, hat sie bis an die Grenzen ausgeschöpft und damit zumindest bei mir eine bleibende Erinnerung hinterlassen. Stella und Dottie sind seit über 30 Jahren ein lesbisches Paar. Ihre Liebe ebenso wie ihr Zusammenhalt basieren auf ihren sehr unterschiedlichen Charakteren, die sich wunderbar ergänzen. Stella – gespielt von Olympia Dukakis – ist wohl das, was frau als eine Butch ansehen würde. Sie kommt in Cowboyklamotten daher (samt Cowboyhut). Sie trinkt in einer Tour Tequila, flucht wie ein Seemann, hat überhaupt eine eher männliche Erscheinung, bestimmt, wo’s langgehen soll. Für alles findet sie robuste Lösungen. Sie kann sich durchsetzen. Dottie dagegen (gespielt von Brenda Fricker – auch ein Oscar prämiertes Hollywood-Schwergewicht) ist das genaue Gegenteil ihrer Hauruck-Frau – sie ist pummelig, durchaus femininer, eher zurückhaltend, unsicher und gehandikapt durch ein Augenleiden, durch das sie nichts mehr sehen kann. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Und Stella kümmert sich rührend um ihre Frau. Obwohl in die Jahre gekommen ist das Verhältnis der beiden Frauen noch immer herzlich, geprägt von tief greifenden, fast unerschütterlich wirkenden Gefühlen. Die beiden Frauen kennen einander lang und lieben sich sehr. Mit den Schwächen und Fehlern der jeweils Anderen haben sie gelernt umzugehen. Die beiden Frauen leben seit Jahren in einem Haus an der windgepeitschten Küste von Maine. Sie haben sich längst an das raue, regnerische Klima dort gewöhnt und würden sicherlich gern ihren Lebensabend dort verbringen. Abends – wenn die beiden vor ihrem Haus sitzen – beschreibt die raubeinige Stella ihrer Dottie die Schönheiten des Sonnenuntergangs oder eines Wolkenbruchs (so der Titel des Films). In solchen Szenen voller Schönheit liegt die ganze Poesie des Films, die im Kontrast steht, zu lustigeren, lockeren Passagen. Denn der Film meint es sehr ernst mit den hauptsächlichen Themen – trotz aller Aufheiterung veralbert er sie nicht. Es geht ums Älterwerden, um einen selbstbestimmten Lebensabend in Würde, auch um Sexualität im Alter. Und obwohl die beiden Hauptfiguren genauso gut auch nicht hätten lesbisch sein können, asexuell wäre als Option nicht gegangen. Das war sowohl dem Regisseur als auch den Hauptdarstellerinnen wichtig. Die älteren Leuten von der Gesellschaft aufoktroyierte Enthaltsamkeit - »wer alt ist, hat einfach keinen Sex mehr zu haben« - findet also hier nicht statt. Auch wenn der Sex der beiden alten Frauen merkwürdige Züge angenommen hat, ist es dennoch immer noch Sex, der ihnen Lust und Freude bereitet, der einen Schatz in ihrem Leben darstellt, den sie weder verlieren noch sich nicht nehmen lassen wollen. Genau das hat aber Dotties Enkelin Molly vor. Sie hat kein Verständnis für die Natur und Tiefe des Verhältnisses, das die beiden alten Damen verbindet. Auch ist ihr diese lesbische Liebesbeziehung irgendwo peinlich. Zudem äußert sie die Befürchtung, dass Stella allmählich mit der Fürsorge für die gehandikapte Dottie überfordert sein könnte, nachdem sich der Allgemeinzustand von Mollys Großmutter zunehmend verschlechtert und ja auch Stella nicht jünger wird. Darum möchte Molly ihre Großmutter in ein Pflegeheim einweisen lassen, was unweigerlich eine Trennung der beiden Frauen zur Folge hätte. Nicht sehr überraschend fällt der Widerstand – vor allem von Stella – heftig aus. Sie wirft Molly kurzerhand aus dem Haus und packt für sich und ihre Frau die Sache. Bevor es dafür zu spät sein könnte, wollen die beiden Frauen noch einmal ihr Leben entschlossen in die Hand nehmen und für sich verhindern, dass es zum Schlimmsten kommt: dass ihre Bindung für immer auseinandergerissen wird. Sie fassen einen Plan: sie lieben zwar das Leben an der wilden Küste von Maine, wo sie so viele gemeinsame Jahre verbracht haben – aber dieser Bundesstaat verwehrt ihnen nun mal die Möglichkeit einer Eheschließung, durch die sie die Möglichkeit zur Absicherung ihrer langjährigen Verbindung haben würden. Andernfalls laufen sie stets Gefahr, doch noch getrennt zu werden. Also machen sich die beiden Frauen in einem alten Karren auf, um dort – wo es möglich ist – nun den Bund fürs Leben zu schließen. Sie brechen ins benachbarte Nova Scotia auf – weil auf kanadischer Seite der Grenze homosexuelle Eheschließungen erlaubt sind. Auf der Fahrt ins gelobte Land gabeln die beiden Frauen einen jungen Kerl auf, der als Stripper arbeitet, nun aber auf dem Weg nach Hause in Kanada ist, weil seine Mutter im Sterben liegt. Dieser Prentiss lässt sich gerne von den beiden Omas mitnehmen und nutzt die bequeme Mitfahrgelegenheit. Und die beiden Frauen denken, weniger aufzufallen mit dem jungen Mann in ein. Zunehmend erinnert »Cloudburst« damit an das legendäre Roadmovie »Thelma und Louise« - jedoch auf Frauenseite mit wesentlich älteren Figuren. Prentiss merkt schnell, dass er in Sachen Liebe von den beiden alten Damen einiges lernen kann. Die Fahrgemeinschaft aus drei alten Damen und einem jungen Mann beginnt eine Art symbiotische Kleinfamilie zu bilden, die während der Fahrt zusammenzuwachsen beginnt. Thom Fitzgerald – der Regisseur von »Cloudburst« - hat sich schon mit Filmen wie »The Hanging Garden« und »Beefcake« einen Namen im Queer Cinema gemacht. Als er 2011 seinen Film »Cloudburst« realisierte, konnte er mit Olympia Dukakis und Brenda Fricker zwei wirklich hochkarätige Darstellerinnen gewinnen. Olympia Dukakis war begeistert von der Rolle und sagte später darüber in einem Interview, dass sie – als sie das Ergebnis sah – den Eindruck hatte, dass die von ihr gespielte, kauzige Stella ein Mann sei, so sehr sei ihr die Verkörperung dieser Butch gelungen. Beide Darstellerinnen sind echte Sympathieträgerinnen – trotz aller in die Rolle eingebauten Eigenheiten. Dieser Film ermutigt zum Nachdenken, zum Hinterfragen eingeschliffener Muster. Warum sollten zwei Frauen nicht füreinander da sein dürfen – auch im Alter? Was ist so schlimm daran, wenn sie eine ihnen gemäße Form der Alterssexualität für sich gefunden haben?
(Jürgen empfiehlt - Herbst 2014)
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