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Roland Brodbeck: Der Sieger von Sotschi

Roland Brodbeck: Der Sieger von Sotschi

D 2014, 300 S., Broschur,  19.99
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Querverlag
Inhalt
Zunächst sieht es in den alpinen Abfahrtssportarten bloß nach einem Generationenwechsel aus. Im Schweizer Kader trainieren der rothaarige, als Punk gestylte Fabian aus der Schweiz, Justin, die eher schüchterne Medaillenhoffnung Liechtensteins und seine Hoheit, Prinz Richard, der Nachkömmling des britischen Königshauses. Zusammen mit dem deutschen Slalom-Spezialisten Florian bilden diese Vier eine fast schon verschworene Clique von unter 25-jähriger Athleten, legendär ist ihr Ritual vor jedem Wettkampf, mit ihren gekreuzten Skistöcken wie die Vier Musketiere mit ihren Degen ihre Freundschaft und Verbundenheit zu beschwören. Allen Vieren werden bei den anstehenden Olympischen Winterspielen in Sotschi Medaillen zugetraut. Doch vor allem Fabian und Florian kommen sich noch näher. Auf einer Spritztour in Florians Sportwagen erzählen sich die beiden, dass sie schwul sind und auf einer Raststätte knutschen sie zum ersten Mal richtig lange miteinander. Und genau dies fotografiert ein Boulevard-Reporter und genau am Abreisetag nach Sotschi werden Florian und Fabian in einem reißerischen Artikel geoutet. Neben dem sportlichen Leistungsdruck müssen sich die beiden jetzt auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen, nun als Schwule und sogar als Paar in der Öffentlichkeit zu stehen: Wie werden ihre Freunde reagieren? Wie ihre Trainer und Funktionäre? Wird es deswegen in Sotschi Schwierigkeiten geben? Zunächst scheint alles glimpflich abzulaufen. Justin und Richard reagieren cool – Justin gesteht Fabian sogar, selbst schwul zu sein, sich aber nicht zu trauen, dies öffentlich zu machen. Auch ihr Trainer und Teamchef verhalten sich anständig. Freilich fangen im Olympischen Dorf bereits die Gemeinheiten vor allem von Seiten anderer Sportler an – untergriffige Bemerkungen, Kontaktvermeidung, Sticheleien. Und nach zwei Goldmedaillen für Fabian, mit denen er auch noch den russischen Favoriten auf einen nachfolgenden Platz verwies, versuchen zunächst Unbekannte, die Dopingkontrollen zu manipulieren und vor allem Fabian und Florian dadurch auszubooten. Richtig dramatisch wird es allerdings, als ein lokales Terrorkommando versucht, die Teams mit den schwulen Sportlern als Geiseln zu nehmen. Doch Fabian ist Schweizer Reserveoffizier und auch Richard hat als Mitglied der königlichen Familie eine militärische Ausbildung. Unter Fabians und Richards Führung gelingt den Teams – gut 100 Sportlern und Funktionären – die Flucht. Allerdings halten russische Soldaten die Fliehenden für Terroristen und in einem Schusswechsel erschießt Richard einen der Russen. Fabian befürchtet, dass ihm dies als Mord angehängt werden soll und die vier Freunde beschließen, ihre Flucht bis ins benachbarte Georgien fortzusetzen – doch bis dahin haben sie noch einigen Widrigkeiten zu trotzen. - Auch der zweite Was-wäre-wenn-Roman von Roland Brodbeck verbindet eine schwule Liebesgeschichte mit spannender Action und kenntnisreicher Darstellung politischer Hintergründe. Vor allem ist es die Erzählführung, die beim Lesen mitreißt. Denn Roland Brodbeck demontiert die vermeintlich heile Welt zu Beginn des Romans: Zunächst sieht es so aus, als könnte sich Fabians und Florians Beziehung zu einer ebenso schlichten wie romantischen schwulen Liebesgeschichte entwickeln, die lediglich einigen wenigen Schwierigkeiten ausgesetzt ist, für die es aber mittlerweile erwartbare Lösungen gibt. Doch Roland Brodbeck steigert diese vermeintlichen homophoben Lappalien durch die dramatischen und lebensgefährlichen Entwicklungen in Russland und zeigt dadurch, dass Schwulenfeindlichkeit nicht einfach nur der Bodensatz einer kulturellen oder zivilisatorischen Rückständigkeit ist, sondern vor allem gezielt von Einzelnen eingesetzt wird, um Ziele zu erreichen, die häufig gar nichts mit der Verachtung von Schwulen zu tun hat. Besonders eindrücklich führt dies die Geschichte des Siegers von Sotschi anhand der innerrussischen Konflikte vor. Ebenso wie Putin benutzt auch sein Gegner, der so genannte Emir des Kaukasus, schwulenfeindliche Ansagen, um die eigene Machtposition zu festigen. Die Wirksamkeit dieses Vorgehens besteht aber vor allem im behaupteten Konsens: Dass Schwule minderwertig, verachtenswert und verfolgungswürdig seien, wird weniger argumentiert, sondern als vorgeblich selbstverständliche Tatsache immer gleich mit unterstellt. Und so ist die Zustimmung – in Russland z.B. weiter Teile der Gesellschaft – zunächst eine Einstimmung in einen Konsens, in etwas, von dem alle erwarten, dass es alle erwarten. Dies ist die gleiche Logik, der jeder Stammtisch, jede Familie, jeder Verein und überhaupt jeder Lebenszusammenhang inszeniert, um Zusammenhalt zu beschwören. Indem Roland Brodbeck kenntnis- und detailreich diese Instrumentalisierung von Schwulenfeindlichkeit am Beispiel des Russisch-Abchasischen und Russisch-Tschetschenischen Konfliktes vorführt, lässt er Fabian und Florian zugleich erleben, dass es in ihren Sportverbänden und Familien nicht grundsätzlich anders zugeht. Auch hier wird immer wieder Schwulenfeindlichkeit aufgerufen, weil erwartet wird, dass diese Haltung als Selbstverständlichkeit geteilt wird. Und auch im Westen funktioniert dies immer wieder dort, wo aufgrund undurchsichtiger Strukturen aus Angst oder in vorauseilendem Gehorsam dem nicht widersprochen wird – Funktionärsverbände wie die im Sport sind hierfür goldener Boden. Und vor allem Fabian erkennt, dass die einzige Chance, diesen Teufelskreis der inszenierten homophoben Selbstverständlichkeit zu durchbrechen, nicht die Kraft der Argumente, sondern die des Bekenntnisses ist. War er am Anfang des Romans noch ein eher ängstlicher und verklemmter Schwuler, der nur durch einen miesen Zeitungsartikel dazu genötigt worden war, zu sich selbst zu stehen, tritt er am Ende selbstbewusst und furchtlos auf: Seine Dankesrede zur Medaillenverleihung nutzt er für ein leidenschaftliches, ja pathetisches Plädoyer, ihn, Florian, ihre Liebe zueinander und Schwule und Lesben überhaupt zu achten – und ansonsten in Ruhe zu lassen. Und so ist »Der Sieger von Sotschi« auch der Roman der Entwicklung eines schwulen Selbstbewusstseins und Lebensgefühls, der zwar harte Wahrheiten vermittelt, Leser und Leserin aber von der Hoffnung überzeugt, dass wir es nur selbst in die Hand nehmen müssen und zu den Wahrheiten unseres Lebens zu stehen.
(Veit empfiehlt - Frühling 2014)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
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