Schwules Israel im Film


Israel ist keine große Filmnation. Das Land produziert kaum zwei Dutzend Kinofilme im Jahr. Umso interessanter ist es, dass dabei alle paar Jahre wirklich spannende Filme mit schwuler Thematik herauskommen, die auf Festivals große Erfolge feiern, von der Kritik zu Recht gelobt und vom Publikum geliebt werden. Anlässlich des Films »Du sollst nicht lieben«, der gerade in den Kinos läuft und demnächst bei uns auf DVD erhältlich sein wird, ist im vierteljährlichen Magazin »SISSY« ein großer Schwerpunkt zu lesen, den wir Euch hier zum Download zur Verfügung stellen. »SISSY« ist übrigens kostenlos, Ihr könnt es bei uns im Laden abholen und auch gern bestellen.

Das aktuelle »Sissy« mit Israel-Schwerpunkt als PDF (2.6 MB).

Alle Filme aus Israel, die es derzeit auf DVD gibt, haben wir lagernd und möchten sie Euch wärmstens empfehlen. Einer der bekanntesten schwulen Regisseure ist Eytan Fox, der mit der Liebesgeschichte von »Yossi und Jagger« nicht nur das Tabu Homosexualität zum zentralen Thema eines Spielfilms machte, sondern auch noch dadurch zuspitzte, dass es um schwule Liebe unter Soldaten der israelischen Armee ging. Eine sehr informative Zusammenfassung über Schwule und Lesben in Israel - insbesondere auch in der Armee - gibt es hier: www.hagalil.com/Israel

Zwar sind Lesben und Schwule in der israelischen Armee offiziell nicht diskriminiert, gab es doch ein gewaltiges öffentliches Echo zunächst auf »Yossi und Jagger« und dann auch auf »The Bubble«

Eytan Fox (R): Yossi & Jagger.

Israel 2002, OF, dt. SF, dt. UT, 65 min., € 12.99
Ein Highlight des letzten identities-Festival: Für die israelische Armee ist der permanente Kriegszustand Alltag, alle richten sich in dieser extremen Normalität ein. Der besonnene und pflichtbewusste Yossi kommandiert einen Außenposten an der libanesischen Grenze, einer seiner Untergebenen ist Jagger. Beide sind heftig in einander verliebt und Jagger hofft, dass Yossi mit ihm ein neues Leben außerhalb der Armee beginnen wird. In der verschneiten Hügellandschaft scheint es kein Halten für die beiden zu geben. Sie lieben sich im Schnee und vergessen ihre raue Umgebung. Doch der Krieg holt die beiden grausam ein. Der Film wird besonders eindringlich durch Jaggers Musik, die vom schwulen israelischen Sänger Ivri Lider stammt, seine CDs gibt es natürlich auch bei Löwenherz.



Eytan Fox (R): The Bubble

Israel 2006, OF, dt. SF, dt./engl./frz. UT, 114 min., € 9.99
Der Regisseur des schwulen Klassikers »Jossi & Jagger« wendet sich in seinem neuen Film wieder der aktuellen prekären Situation Israels (und seiner jungen Generation) zu: Noam leistet gerade seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen ab. An sich lebt er mit seinen beiden Freunden Lulu und Yali in einer WG in Tel Aviv. Ashraf ist ein junger Palästinenser aus Nablus. Daheim im Westjordanland weiß niemand, dass er schwul ist und neuerdings einen jüdischen Boyfriend hat. Bei diesem Nichtwissen seiner Familie soll er auch bleiben. Ashraf und Noam haben sich zufällig an der Grenze kennen gelernt. Und Ashraf hat sich Hals über Kopf in Noam verliebt. Jetzt ziehen die beiden gemeinsam mit ihren Freunden durch die hippe Tel Aviver Szene und organisieren sogar ein Rave gegen die israelische Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten. Doch der Versuch einer Beziehung wird auf eine schwere Probe gestellt, als Ashrafs Schwester von Israelis erschossen wird und seine Familie auf Vergeltung drängt.



Eytan Fox (R): Walk on Water

Israel 2004, hebräische OF, dt. SF, engl. SF, dt. UT, 99 min., € 10.99
Ein Fremdenführer zeigt einem Touristen, der seine Schwester in Israel besucht, Land und Leute. Axel und Pia sind Deutsche, und ihr Begleiter Eyal ist Auftragskiller beim israelischen Geheimdienst Mossad. Er soll die Enkel des Nazi-Verbrechers Alfred Himmelmann ausspionieren, um an deren verschwundenen Großvater heranzukommen. Die ernsthafte, nachdenkliche Art, mit der Axel die Fragen Eyals beantwortet, und die arglose Freundschaft, in die der junge Berliner ihn verstrickt, lassen den einsamen, sonst so machohaften Eyal am Lagerfeuer dichter an Axel heranrücken. Als Axel in einer Disco einen jungen Mann berührt, wird Eyal allerdings klar, dass er es mit einem Schwulen zu tun hat. Als er Axel nach Deutschland folgt, um dessen Nazi-Opa ausfindig zu machen, ist Eyals Interesse für Axels Homosexualität geweckt. Das Verhältnis zu Axel verrät Eyal einiges über sich selbst, was ihm bisher nicht bewusst war. Neuer Film des Regisseurs von »Yossi und Jagger«.


Eytan Fox u.a. (R): Lieb mich!

Gay Shorts Volume 1. D 2006, Originalfassungen, UT außer bei dt. OF, 95 min., € 19.99
Der erste der drei Kurzfilme auf dieser DVD stammt Eytan Fox, dem Regisseur von »Yossi & Jagger«. In »Time Off« hat eine Gruppe junger israelischer Rekruten mit den harten Trainingsmethoden ihres Vorgesetzten zu kämpfen. Der ist heimlich in den attraktiven Yonatan verliebt. Zufällig erwischt Yonatan den Offizier eines Tages beim Cruisen, stellt ihm nach und kommt ihm näher. In »Tunnelblick« (einem deutschen Erstlingswerk) geraten sich ein Schwarzfahrer und ein Kontrolleur in die Haare. Als Liebende begegnen sie sich Jahre später ein letztes Mal wieder. In »A Truck in Repair« verliebt sich Eugène voller Wucht in den älteren Pierre. Der erste Sex mit Pierre hält für Eugène sowohl Höhen als auch Tiefen bereit. Zum Seufzen schön, aber dennoch nicht kitschig.


Herausragend bei Eytan Fox ist auch, wie viel Wert er auf die Filmmusik legt. In »Yossi und Jagger« ist ja einer der beiden Hauptfiguren selbst Hobbymusiker, die Lieder, die er im Film singt, wurden von Ivri Lider komponiert und für den Film eingesungen. Aber auch seine gecoverten Interpretationen sind mitunter ergeifend schön - wie dieses Beispiel von »The Man I Love« aus dem Soundtrack zu »The Bubble«: youtube.com/IvriLider

Die CDs sind etwas aufwändig zu beschaffen, sie werden nur in Israel vertrieben - kein Hinderungsgrund für uns Löwenherzen, diese großartigen CDs nicht auch bei uns lagernd zu haben und sie Euch bei dieser Gelegenheit zu empfehlen:

Ivri Lider: Ha'anashim ha'hadashim

CD mit 15 Tracks, € 22.95
Ivri Liders Musik bewegt sich zwischen Pop und Rock, sie ist manchmal etwas psychedelisch und fast immer mitreißend. Der offen schwul lebende Israeli schreibt seine Texte selbst und thematisiert zumeist sein eigenes Leben. Sein mittlerweile drittes Album »Ha'anashim ha'hadashim« (»Die neuen Männer«) hat die israelischen Charts gestürmt und sich dort lange auf Platz 1 gehalten. Sein Lied »Deine Seele« (#15 auf dieser CD) gilt vor allem unter Jugendlichen in Israel als Hymne. Es ist Jaggers Liebeslied an seinen Freund Yossi im Film über die beiden verliebten Soldaten und Ivri Liders großer Durchbruch. Außer dieser CD gibt es bei uns von Ivri Lider noch »Yoter tov klum mi kima't« (»Fast Besser als nichts«, € 22,95) und »Melatef Umeshaker« (»Schlagen und Lügen«, € 19,95)


Ivri Lider: Ze Lo Otto Davar

ISRAEL 2005, CD-Box mit 12 Tracks, € 22.95
Ivri Lider wurde bei uns durch den Film »Yossi und Jagger« bekannt, für den er die Musik produzierte. Der in Israel populäre schwule Popsänger (er beherrscht die israelischen Charts wochenlang) war auch bei uns mit seinen ersten drei Alben sehr erfolgreich (alle weiter bei uns erhältlich). Jetzt gibt es sein viertes, dessen Titel auf Deutsch soviel bedeutet wie »Das ist nicht dasselbe«. Ivri Lider hat intensiv an seinem eigenen, unverwechselbaren sehr melodischen Stil weiter gearbeitet, seine Lieder klingen jetzt wie Balladen, oft sehnsüchtig, aber mitunter auch trotzig und wütend. Und wie schon bei seinem bisher größten Erfolg »Deine Seele« versteht es Ivri Lider, nahe genug am Schlager zu komponieren, dass man am liebsten mitsänge – wäre man der Sprache mächtig.


Various Artists: The Bubble OST

CD mit 13 Tracks, € 19.99
Der neue Film von Eytan Fox, in dem es um die Liebe zwischen einem Israeli und einem Palästinenser in der vertrackten Gegenwartssituation geht, entwickelte sich bei uns schnell zum Publikumsliebling - zum Teil ist die Popularität des Films auch auf die gelungene Mischung des Soundtracks zurückzuführen. Erhältlich nur bei uns - stammen wieder einige Songs für den Film aus der Feder von Ivri Lider: »The Man I Love«, »Birthday Cake« und »Song to a Siren«. Andere Interpreten auf der Soundtrack-CD, die in ihrer israelischen Heimat längst gefragte Stars sind, wie Keren Ann oder Amit Erez werden hiermit einem Publikum im Rest der Welt näher gebracht. Soundtrack wie Film bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen komischen und tragischen Elementen.


Aber auch die anderen Filme aus Israel sind nicht minder packend, brisant und aufregend:

Ruthie Shatz, Adi Barash (R): Garden (Gan)

Israel 2003, OF (hebr.+arab.), dt.UT, 84 min., € 14.99
Nino und Dudu arbeiten als Strichjungen in Tel Aviv. Sie cruisen im heruntergekommenen Viertel Gan - »der Garten«. Dort kursieren Drogen und junge Körper als käufliche Waren. Nino hält sich als Pälestinenser illegal in Israel auf und muss jederzeit - selbst wenn er nur wegen kleinerer Delikte von der Polizei geschnappt wird - damit rechnen, sofort abgeschoben zu werden. Der arabischstämmige Israeli Dudu ist heroinsüchtig. Das einzige, was ihm noch Kraft zum Überleben gibt, ist sein unbändiger Freiheitsdrang und die Freundschaft zu Nino. Die Verbindung zwischen Nino und Dudu ist irgendwie brüderlich, und gleichzeitig besitzt sie eine überraschend behutsame Zärtlichkeit, die den beiden hilft, in der harten Realität der Straße zu überleben. Ein so aufrichtiger wie sensibler Dokumentarfilm.


Yair Hochner (R): Good Boys (Yeladim Tovim)

Israel 2004, OF, dt.UT, engl.UT,, 75 min, € 17.99
Eine schwule Liebesgeschichte aus Tel Aviv: der 17jährige Meni hat viel für Mode übrig. Er hat eine eigene Wohnung und führt ein schönes, luxuriöses Leben. Um sich all das leisten zu können, arbeitet der junge Kerl als Callboy. Eines Abends wird Meni von einem Kunden zu sich bestellt. Dort ist noch ein anderer Callboy namens Tal - der Kunde möchte den beiden beim Sex zuschauen. Der Sex funktioniert fast zu gut: die beiden vergucken sich ineinander und verbringen den Rest der Nacht gemeinsam. Das Versprechen, sich wiederzusehen, ist gar nicht so leicht einzuhalten: das Leben in der Prostitution erlaubt nicht allzu viel Gefühl und fordert Professionalität. Da geht Tal auch noch einem Polizisten auf den Leim, der ihn nach dem Sex bei sich zuhause einsperrt und als Sexsklaven nutzen will. Tal gelingt die Flucht. Aber besteht überhaupt eine Chance je mit Meni zusammenzukommen?


Kristian Petersen, Yair Hochner (eds.): fucking different Tel Aviv

12 queer crossover short movies. Israel o.J., OF engl./frz./hebr., dt./frz./span.UT, 88 min., € 19.99
Auch die dritte DVD aus der fucking different-Serie enthält Kurzfilme über Lieben und Leben homosexueller Menschen. Diesmal stammen die Short Movies von 16 FilmemacherInnen aus Israel (nach »fucking different Berlin« und »fucking different New York«). Sie nähern sich in ihren max. 7minütigen Beiträgen dem Thema Homosexualität aus Sicht des jeweils anderen Geschlechts: lesbische Filmemacherinnen thematisieren schwule Erotik und Sex, und umgekehrt befassen sich schwule Regisseure mit Lesbenleben und Lesbenliebe. Die Kurzfilme spielen alle in der israelische Metropole Tel Aviv. Besondere Bedeutung kommt in den einzelnen Filmen den Themen Religion und Politik zu. So geht es in »Public Asylum« um einen religiösen Jungen, der für einen Radiomoderator schwärmt und schließlich eine Nacht mit ihm in einem öffentlichen Stadtgarten verbringt, der früher als Schwulen-Treffpunkt galt.


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