Löwenherz - die Buchhandlung in Wien. Fachbuchhandlung mit schwulem und lesbischem Sortiment.
 
 
Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Dt. v. Henning Ahrens. D 2013, 286 S., geb.,  20.55
Kostenloser Versand innerhalb Europas.
Knaus
Inhalt
Robin und Clement sind ein schwules Paar im England der 50er Jahre. Ihre glücklichste Zeit liegt hinter ihnen: Im Krieg wurde Clement schwer verwundet, seine Brandwunden lassen ihn körperliche Nähe scheuen; um dem gesellschaftlichen Druck auszuweichen, hat Robin Dolly geheiratet – eine Vernunftehe, in der Dolly um die wahre Liebe ihres Mannes weiß und ihm zuweilen tröstend zur Seite steht. Robins und Clements Verhältnis ist mittlerweile zu einer intimen Männerfreundschaft geworden, die hauptsächlich in einem wöchentlichen Treffen im örtlichen Pub besteht, auch wenn vor allem Robin sich nach wie vor Hoffnung auf ein Aufleben der leidenschaftlichen Liebesbeziehung macht. Als Clements Mutter im Sterben liegt, engagiert er Coral Glynn als Krankenschwester, und als seine Mutter tot ist, wird Clement schlagartig klar, wie vereinsamt er mittlerweile ist. So macht er Coral einen Heiratsantrag, den sie nach kurzem Bedenken annimmt. Doch schon am Abend der standesamtlichen Hochzeit, die nur wenig später stattfindet, muss Coral Clement überstürzt verlassen. Polizeiliche Ermittlungen lenken den Verdacht in einem Kindermordfall auf sie, Coral taucht in London unter, wo ihr Leben eine unerwartete, neue Wendung nimmt. Jahre später treffen Clement und Coral wieder aufeinander, sie hätten sich nicht stärker auseinander entwickeln können. –An Peter Camerons neuem Roman beeindruckt sowohl die Darstellung schwulen Selbstverständnisses im ländlichen England der 1950er Jahre, als auch – und ganz besonders – Erzählführung und dialogische Struktur des Buches. Repression führt zu vielfältigen Reaktionen; zu ewiger Sehnsucht im Falle Robins und Rückzug und selbstgewählter Isolation im Fall von Clement. Clements Ehe mit der anfangs etwas scheuen und verunsicherten Coral erscheint beiden als hoffnungsvoller Ausweg, wenn auch aus gänzlich unterschiedlichen Motiven. Während Clement hofft, seine schwulen Neigungen gänzlich in einer Ehe zum Verschwinden bringen und zugleich seiner erkennbaren Vereinsamung entgegenwirken zu können, glaubt Robin – scheinbar paradox –, wenn Clement einmal verheiratet und damit in formal akzeptierte Bahnen gebracht ist, ihn wieder stärker und vielleicht ganz für sich gewinnen zu können. Vor allem aber, und das macht das Buch zu meinem gegenwärtigen Liebling, lebt der Roman durch seine ruhige Erzählführung und seine Dialoge, insbesondere durch den scheinbaren Widerspruch, der sich hierbei auftut: Denn während sämtliche Romanfiguren mehr oder weniger stark verunsichert, ja zuweilen im Blick auf ihre Gefühle, Wünsche und Wahrnehmung ihrer Umwelt verwirrt sind, erscheinen sie in ihren Dialogen über eben jene Verunsicherung in messerscharfer Präzision, freilich ohne dass hierdurch Sicherheit oder Selbstvergewisserung gewonnen würde. Diese Präzision der Dialoge dient nämlich nicht der genaueren Bestimmung der Verwirrung, im Gegenteil, selbst worin sich alle Beteiligten unsicher sind, auch dies bleibt sowohl ihnen als auch dem Leser und der Leserin unklar. Die Präzision bezieht sich vielmehr auf das Sagbare, mit den Sinnen Fassbare, klare Antworten auf einfache Fragen, die aber das Verwirrende des Gefühlten, der Stimmungen und Hoffnungen nur umso deutlicher hervortreten lassen. Und ohne dass die Figuren des Romans, vor allem Robin, Clement und Coral von einer unmittelbaren Niedergeschlagenheit geprägt wären, ist »Coral Glynn« ein unglaublich trauriger Roman. Denn auch wenn alle zum Schluss ihre Perspektive fürs Leben gefunden haben, alle auch ihren sehnlichsten Wunsch nach menschlicher Nähe und Intimität verwirklichen konnten, so hinterlässt die Geschichte gleichwohl das beklemmend enge Gefühl, dass alles, was richtig und stimmig erscheint, in Wahrheit grundfalsch ist.
Veit empfiehlt - Herbst 2013
Warenkorb   |   Mein Konto  |   Derzeit nicht angemeldet
Zum Seitenanfang