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Judith Jennewein: Die wundersamen Weltraumabenteuer von Helen Hayer und Christine de Castelbaraque

Judith Jennewein: Die wundersamen Weltraumabenteuer von Helen Hayer und Christine de Castelbaraque

Ö 2013, 292 S., Broschur,  17.95
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Inhalt
Eigentlich soll Commandress Christine de Castelbaraque mit ihrem schicken Raumschiff Agina V die schöne Helen Hayer bloß zum Austragungsplaneten zur Wahl der nächsten Miss Universe bringen. Als Geste scheinbarer Zuwendung bekommt Helen von ihrer Sponsorin Marissa ein Amulett anvertraut mit dem geheimnisvollen Namen Al Kal’iranda. Für Christine als Top-Wissenschaftlerin ist die Taxifahrt durch den Weltraum natürlich unter ihrer Würde, Helen hingegen weiß, dass sie weit über die heimische Galaxis hinaus eine angebetete Berühmtheit ist. Kein Wunder also, dass zwischen den beiden Frauen eher die Spannung der erzwungenen Schicksalsgemeinschaft herrscht, als dass sie einander Sympathie abgewinnen können. Doch ihre Rivalitäten müssen bald hintangestellt werden, denn ihr Schiff wird vom Mächtigen Herrscher der Danaiden entführt, der die beiden zwingt, quer durch das Universum zu reisen, um die Bestimmung des Amuletts herauszufinden und dadurch in den Besitz der mächtigen Horax-Tafeln zu gelangen, mit denen er die Herrschaft über das Universum bekäme. Welche Abenteuer sie auf dieser Reise erwarten, hätten die beiden sich in ihren kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt und just vor einer spektakulären Zeitreise in die viele Jahrhunderte vergangene Zeit der 1950er Jahre nach Wien kommen sich die beiden Frauen endlich näher. – Fans von Raumpatrouille Orion werden begeistert sein, denn allenthalben werden sie Reminiszenzen entdecken, aufgespickt mit Verweisen auf das Fünfte Element, Per Anhalter durch die Galaxis und vielem anderen campy Weltraum-Kult. Waren dort die lesbischen Züge oft nur verschlüsselt (wenngleich, wie bei General Lydia van Dyke, doch ziemlich offensichtlich), so sind die lesbischen Liebesgeschichten in Judith Jenneweins Roman natürlich völlig selbstverständlich und unverstellt. Und das ist auch das Wesentliche: Helen und Christine fliegen zwar durch Raum und Zeit, im Zentrum steht jedoch die spannungsgeladene lesbische Liebesgeschichte, die sich aus einer rivalisierenden Rangelei entwickelt. Ein leichter, zuweilen spannender und häufig romantischer Liebesroman, der zum Träumen einlädt also, Unterhaltungsliteratur – und zwar vom Feinsten. Denn Judith Jennewein hat viel Mühe und Sorgfalt auf ihre Erzählführung gelegt. Die Entwicklung der Liebesbeziehung, die Kippe von Ab- in die Zuneigung, ist ebenso plausibel dargestellt wie das Rahmen-Setting. Besonders eindrucksvoll ist dies an der Zeitreise abzulesen, die sowohl verwirrend als auch sorgfältig stimmig ausgearbeitet ist. So ist es an jeder Stelle des Romans möglich, sich von der Liebesgeschichte tragen zu lassen, fantastisches Setting und verwirrende Konstellation einfach als solche hinzunehmen und zu genießen – oder auch voll einzusteigen, Zeitfolgen auf ihre Möglichkeit abzuklopfen, wie bei einem Krimi den Fall mit aufzulösen. Und weil das Ganze mit einem ungeheuren Sinn für Camp geschrieben ist, macht es einfach Spaß, beim Lesen zwischen Ernsthaftigkeit und oberflächlichem Genuss hin und her zu springen. Überhaupt der Spaß: Selten habe ich ein Buch gelesen, das so ansteckend die Freude der Autorin beim Schreiben weiter gegeben hat. Ich war gepackt und wünschte nur: Erzähl mir mehr! Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn. Dt. v. Henning Ahrens. D 2013, 286 S., geb., 20.55 Robin und Clement sind ein schwules Paar im England der 50er Jahre. Ihre glücklichste Zeit liegt hinter ihnen: Im Krieg wurde Clement schwer verwundet, seine Brandwunden lassen ihn körperliche Nähe scheuen; um dem gesellschaftlichen Druck auszuweichen, hat Robin Dolly geheiratet – eine Vernunftehe, in der Dolly um die wahre Liebe ihres Mannes weiß und ihm zuweilen tröstend zur Seite steht. Robins und Clements Verhältnis ist mittlerweile zu einer intimen Männerfreundschaft geworden, die hauptsächlich in einem wöchentlichen Treffen im örtlichen Pub besteht, auch wenn vor allem Robin sich nach wie vor Hoffnung auf ein Aufleben der leidenschaftlichen Liebesbeziehung macht. Als Clements Mutter im Sterben liegt, engagiert er Coral Glynn als Krankenschwester, und als seine Mutter tot ist, wird Clement schlagartig klar, wie vereinsamt er mittlerweile ist. So macht er Coral einen Heiratsantrag, den sie nach kurzem Bedenken annimmt. Doch schon am Abend der standesamtlichen Hochzeit, die nur wenig später stattfindet, muss Coral Clement überstürzt verlassen. Polizeiliche Ermittlungen lenken den Verdacht in einem Kindermordfall auf sie, Coral taucht in London unter, wo ihr Leben eine unerwartete, neue Wendung nimmt. Jahre später treffen Clement und Coral wieder aufeinander, sie hätten sich nicht stärker auseinander entwickeln können. –An Peter Camerons neuem Roman beeindruckt sowohl die Darstellung schwulen Selbstverständnisses im ländlichen England der 1950er Jahre, als auch – und ganz besonders – Erzählführung und dialogische Struktur des Buches. Repression führt zu vielfältigen Reaktionen; zu ewiger Sehnsucht im Falle Robins und Rückzug und selbstgewählter Isolation im Fall von Clement. Clements Ehe mit der anfangs etwas scheuen und verunsicherten Coral erscheint beiden als hoffnungsvoller Ausweg, wenn auch aus gänzlich unterschiedlichen Motiven. Während Clement hofft, seine schwulen Neigungen gänzlich in einer Ehe zum Verschwinden bringen und zugleich seiner erkennbaren Vereinsamung entgegenwirken zu können, glaubt Robin – scheinbar paradox –, wenn Clement einmal verheiratet und damit in formal akzeptierte Bahnen gebracht ist, ihn wieder stärker und vielleicht ganz für sich gewinnen zu können. Vor allem aber, und das macht das Buch zu meinem gegenwärtigen Liebling, lebt der Roman durch seine ruhige Erzählführung und seine Dialoge, insbesondere durch den scheinbaren Widerspruch, der sich hierbei auftut: Denn während sämtliche Romanfiguren mehr oder weniger stark verunsichert, ja zuweilen im Blick auf ihre Gefühle, Wünsche und Wahrnehmung ihrer Umwelt verwirrt sind, erscheinen sie in ihren Dialogen über eben jene Verunsicherung in messerscharfer Präzision, freilich ohne dass hierdurch Sicherheit oder Selbstvergewisserung gewonnen würde. Diese Präzision der Dialoge dient nämlich nicht der genaueren Bestimmung der Verwirrung, im Gegenteil, selbst worin sich alle Beteiligten unsicher sind, auch dies bleibt sowohl ihnen als auch dem Leser und der Leserin unklar. Die Präzision bezieht sich vielmehr auf das Sagbare, mit den Sinnen Fassbare, klare Antworten auf einfache Fragen, die aber das Verwirrende des Gefühlten, der Stimmungen und Hoffnungen nur umso deutlicher hervortreten lassen. Und ohne dass die Figuren des Romans, vor allem Robin, Clement und Coral von einer unmittelbaren Niedergeschlagenheit geprägt wären, ist »Coral Glynn« ein unglaublich trauriger Roman. Denn auch wenn alle zum Schluss ihre Perspektive fürs Leben gefunden haben, alle auch ihren sehnlichsten Wunsch nach menschlicher Nähe und Intimität verwirklichen konnten, so hinterlässt die Geschichte gleichwohl das beklemmend enge Gefühl, dass alles, was richtig und stimmig erscheint, in Wahrheit grundfalsch ist. Eine schwule Liebesgeschichte im Schatten zweier im Romanverlauf immer wieder überraschenden, starken Frauenfiguren.
Veit empfiehlt - Herbst 2013
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