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Rhiannon Argo: Boi*hood

Rhiannon Argo: Boi*hood

Dt. v. Nicole Alecu de Flers u. Katja Langmeier. Ö 2012, 297 S., Broschur,  17.95
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Inhalt
Georgie ist begeisterte Skaterin, nach einer kleinen Odyssee quer durch Amerika lebt sie mittlerweile in San Francisco. Georgie und alle anderen aus ihrer queeren Clique kennen nur die Gegenwart. Herkunft und Vergangenheit sind ebenso wenig ein Thema für sie wie Planung und Zukunft. Als Georgie wegen ihrer völlig unerträglichen Freundin Hurricane aus ihrer WG geworfen wird, zieht sie im »Creamsickle« ein, einem heruntergekommenen Haus, das ein alternder Hippie-Schwuler in der sentimentalen Hoffnung nicht aufgibt, sein letzter Lover würde eines Tages hierher zurück nach Hause finden. »Creamsickle« heißt in Amerika ein Eis am Stiel, etwa wie unser »Solero« oder »Split«, und genauso knatschgelb bzw. orange und weiß ist auch das im Verfall begriffene neue Zuhause von Georgie gestrichen. Georgie weiß zwar, dass Hurricane mit ihrem exzessiven Drogenkonsum und ihren Gewaltausbrüchen ihr nicht gut tut, doch trotz aller Trennungs-Bemühungen übt Hurricane eine fast magische Anziehung auf sie aus. Nicht dass Georgie Drogen abgeneigt wäre. Erst als sie die schöne Mia kennenlernt, scheint Georgie wenn auch nicht in ruhigeres, so doch immerhin gleichmäßig stürmisches Fahrwasser zu kommen. Mit von der Partie im »Creamsickle« sind Cruzer und Soda, beide Bois wie Georgie, entweder über die Ohren verliebt (und zwar zumeist unglücklich) oder im edlen Wettbewerb miteinander stehend, wer die meisten ins Bett bekommt. Boi zu sein ist dabei für alle eine Lebensaufgabe – das beginnt beim Skaten, das eigentlich eine Domäne von Hetero-Jungs ist, geht über die Kleidung bis hin zu Gehabe, Sprache – und natürlich sexueller Rollenverteilung. Konsequenz hierbei kann ebenso ein Wert sein, wie andauerndes Durchbrechen solcher selbstgewählter Rollen. Soda ist völlig konsequent: Sie will ein Macker sein, lässt sich nur noch männlich ansprechen, hofft auf spürbaren Bartwuchs und tritt in allen Lebenslagen kerlig und dominant auf und verdreht so mit großem Erfolg fast allen Lesben, denen sie begegnet, den Kopf. Cruzer und Georgie sind da schon flexibler, Georgie ist sogar bereit für einen neuen Job als Femme zu erscheinen. Allen gemeinsam ist vor allem das Suchen und Ausprobieren ihrer Identität, wie diese Suche dargestellt wird, das macht »Boi*hood« so lesenswert. Denn Georgie und ihre Clique präsentieren sich ganz anders als viele theoretisierende Ansätze von Identitäten im Fluss. Oft wird nämlich um einer vermeintlich besseren, weil radikaleren Theoriebildung willen das Suchen nach eigener Identität, das Ausprobieren und Wechseln von Rollenbildern und Verhaltensmustern als allumfassende Unbestimmtheit beschrieben. Jede und Jeder könnte, so wird dort häufig angenommen, beliebig jede Identität annehmen, besten- oder schlimmstenfalls schränken Umwelt und selbstgewählte Fantasielosigkeit den Fluss ohne Ufer der Möglichkeiten ein. Dass es aber gar nicht ohne weiteres wählbar ist, ob und wie das eigene Leben bestimmt ist oder laufend infrage gestellt wird, das sieht man besonders klar daran, wie Georgie, Cruzer und Soda sich mit ihren queeren Freundinnen und Freunden vom Rest der Welt absetzen: Queer ist jemand, niemand wird es, kann es sich aneignen oder sich dazu entscheiden. Der entsprechende klassisch antike Zugang war der »Kairos«, der momentan verändernde Einschlag des Göttlichen. Doch dessen Resultat war regelmäßig tragische Größe – ein Zugang der nicht nur Georgie, Cruzer und Soda, sondern fast der ganzen gegenwärtigen Welt fremd geworden sein dürfte. Dennoch ist die Grundeinsicht die gleiche: Queer-Sein ist die Voraussetzung der Identitäts-Suche, nicht die vielfältigen und oft schrägen und abgefahrenen einzelnen Lebensentwürfe. Dass es freilich bei Boi*hood besonders schräge und abgefahrene Lebensentwürfe sind, macht den Roman natürlich umso interessanter. Doch die ebenso schillernden wie zumeist sehr eng auf den Zirkel des »Creamsickle« bezogenen Episoden stehen für mehr. Sie stehen für ein Bewusstsein, eine eigene Bestimmung nicht nur erst noch finden zu müssen, sondern diese vor allem gemeinschaftlich entwickeln zu haben. Das führt nicht zuletzt dazu, dass die Zusammengehörigkeit des »Creamsickle« trotz oft turbulenter Streitereien und schmerzvoller Trennungen im Grunde nicht zur Disposition steht. Eine der großartigsten Episoden im Roman, die dies verdeutlichen, ist die Persiflage einer lesbischen Doppelhochzeit mit organisierter Gegen-Demo, bei der - auch für die Beteiligten - ununterscheidbar bleibt, welcher Aspekt ernster zu nehmen ist: die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit oder die radikale Abkehr von allen überkommenen Normen und Vorgaben. Alles in allem also: Ein cooler Lese- spaß mit großem Tiefgang, ein Roman mit Potenzial zum Kultbuch.Veit empfiehlt - Frühjahr 2013
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