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Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela

Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela

Der Roman zum Film »Mädchen in Uniform«. D 2012, 294 S., Broschur,  17.37
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Krug und Schadenberg
Inhalt
Manuela wächst in einer preußischen Offiziersfamilie im Kaiserreich auf, ihre frühe Kindheit ist behütet und glücklich. Ihre Mutter ist besonders liebevoll und das etwas heimatlose Leben in einer Soldatenfamilie, die immer wieder versetzt wird, fängt sie durch Zuwendung und Wärme auf. Zuletzt hatte sich Manuela im von Deutschland annektierten Elsass-Lothringen recht Wohl gefühlt, doch als ihr Vater überraschend aus dem Militärdienst entlassen wird und die Familie ins heimatliche Preußen zurückkehrt, beginnt für Manuela eine neue Phase der Einsamkeit. Doch noch schlimmer: Ihre geliebte Mutter wird krank und stirbt. Die 13jährige sucht verzweifelt Zuwendung und findet diese in der Mutter ihres Verehrers Fritz. Dass sie für diese Frau viel mehr empfindet, dass dies in Wahrheit ein erstes Verliebtsein ist, ist Manuela noch gar nicht klar. Sie beginnt wieder glücklich zu sein, fühlt sich merkwürdig befreit - doch wird jäh durch die Pläne ihrer Tanten aus diesem freudigen Zustand gerissen. Manuela müsse, so die Schwestern ihrer Mutter, dringend in ein Mädchenpensionat, nur dort könne ihr das nötige Rüstzeug fürs Leben vermittelt werden. Der Vater, einerseits hilflos gegenüber den Frauen, andererseits verführt von der Aussicht auf ein freies Leben ohne die Last seiner Kinder - Sohn Berti soll zugleich in eine Kadettenschule - stimmt zu, und so findet sich Manuela in einem strengen, preußisch-spartanischen Pensionat wieder, dessen erstes Ziel es ist, die Mädchen zu brechen, ihnen jegliche Individualität zu nehmen und sie zu harten Soldatenfrauen und -müttern zu erziehen. Doch unter der Oberfläche dieses harten Regiments pflegen die Mädchen zärtliche Beziehungen zueinander, manche Gouvernante wird schwärmerisch verehrt. Insbesondere Fräulein von Bernburg wird von vielen Mädchen angebetet. Doch während es für die meisten lediglich eine Kompensation fehlender familiärer Zuwendung ist, sind Manuelas Gefühle für Fräulein von Bernburg tiefer, bei ihr entwickelt sich echtes Verliebtsein, körperliches und emotionales Begehren sind bei Manuela Ausdruck ihres wahren Selbst. Dies ist natürlich im Pensionat ein nicht zu duldender Umstand, Manuela sieht einer drakonischen Strafe entgegen. Als sie schließlich auch noch erkennen muss, dass Fräulein von Bernburg ihre Gefühle zwar erwidert, ihr Empfinden aber aus gesellschaftlicher Räson unterdrücken will, sieht Manuela keinen Ausweg mehr und greift zum äußersten Mittel. - „Das Mädchen Manuela“ ist als großer lesbischer Roman aus drei Gründen besonders empfehlenswert. Erstens ist es ein historisches Dokument einer verschwundenen Gesellschaft. Militärische Tugenden als Lebensgrundlage sind uns ebenso fremd wie eine aristokratisch- ständische Gesellschaftsordnung. Gleichwohl sind die Vorboten unseres gegenwärtigen Lebensgefühls unverkennbar: Radikale Individualität, der Drang, zu sich selbst zu stehen und sein ureigenes Leben zu führen geht mit dem Gefühl einer jenseits des Individuellen gründenden schicksalhaften Bestimmung oder Prägung einher. Wir würden heute eher von einer Disposition sprechen, meinen aber letztlich dasselbe. Manuela fühlt sich nicht wie die anderen Mädchen, oft will sie wie ein Junge auftreten und fühlt sich zu Frauen hingezogen. Diese Disposition bestimmt ihre Individualität, die sie als ihr höchstes Gut verwirklichen will - radikaler könnte die Umkehr der überkommenen Auffassung nicht sein, bestand doch der Konflikt der klassischen Tragödie beispielsweise genau darin, dass das geglückte, nicht-individuelle Leben durch ein individuelles Eingreifen des Göttlichen regelmäßig scheiterte. Die uns mittlerweile so fremde Lebenswelt Manuelas ist darüber hinaus sogar noch so etwas wie ein Labor, das diese Modernisierung unseres Bewusstseins vorantreibt: Durch den enormen Druck, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, wird gerade das Gegenteil erreicht. Manuelas lesbisches Empfinden kann sich so im Pensionat zu einem Identitäsbewusstsein entwickeln. Zweitens ist der Roman so empfehlenswert, weil er in einer sprachlichen und erzählerischen Feinheit verfasst ist, die ihresgleichen sucht. Christa Winsloe spielt virtuos mit dem Wechsel von grammatischer Gegenwart und Vergangenheit und schafft es so, die Entwicklung von Manuelas Persönlichkeit, die gleichbleibenden Wesenszüge wie die sich entwickelnden Charaktereigenschaften, von früher Kindheit bis zur Jugendlichen allein durch sprachliche Mittel plastisch hervortreten zu lassen, ohne sie jemals aus einer überlegenen Erzählerinnen- Perspektive kommentieren zu müssen. Und genau diese Entwicklung ist der dritte gute Grund, jedem und jeder „Das Mädchen Manuela“ ans Herz zu legen, denn hier wird ein lesbisches Identitätsbewusstsein in seiner Entwicklung von frühester Kindheit an verfolgt. Unverkennbar gibt es auch im vorpubertären Alter Züge an Manuela, die deutlich auf ihre spätere sexuelle Identität hinweisen. Jedoch wird nie eine Ursachenkette, ein Schlüsselereignis oder sonst ein vermeintlicher Grund für Manuelas Empfinden auch nur angedeutet. Manuela ist wie sie ist und hat natürlich auf dem Weg dorthin eine Entwicklung durchlaufen. Diese Selbstverständlichkeit zieht sich in urteilsfreier Schilderung und zugleich in anrührender Warmherzigkeit durch den gesamten Roman und macht ihn zu einem überzeitlichen Klassiker jenseits aller Debatten um Akzeptanz, Gleichberechtigung und Erklärungsversuchen, wie lesbisches Empfinden entstehen mag. Ein Buch zum mehrfachen Lesen, Nachdenken und Schwärmen. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2012)
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